Der von Bernhard Heeb (Museum für Vor- und Frühgeschichte, Berlin) und Charles Kabwete-Mulinda (University of Rwanda, Kigali) herausgegebene Band präsentiert die Ergebnisse des seit 2017 von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderten Projektes zur Provenienzforschung an einer mehr als 1.100 Individuen umfassenden Sammlung menschlicher Überreste im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin. Sie waren um die letzte Jahrhundertwende in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika (heute: Ruanda, Tansania, Kenia) gesammelt worden. Das Projekt ist Teil einer umfassenden Strategie des Museums zu den anthropologischen Sammlungen aus kolonialen Kontexten. Es folgte bereits ein Projekt mit Schwerpunkt auf westafrikanischen Ländern; daran anschließen könnten sich die Bestände aus Ozeanien.
Mit der Forschung sollte eine Rückführung an die Herkunftsregionen ermöglicht werden, „provided that such a course was also desired by them“ (S. 7), und sie sollte kooperativ mit Wissenschaftler_innen aus den Herkunftsregionen erfolgen, um eine einseitige europäische Perspektive auf historische Ereignisse zu vermeiden und lokales Wissen und Expertise miteinzubeziehen. In Anlehnung an die Zusammensetzung der Sammlung konzentrierte sich die Kooperation vor allem auf Ruanda. Im Rahmen einer Feldforschung interviewten ruandische Wissenschaftler mehr als 130 Personen aus den Herkunftsregionen der Individuen. Neben der transnationalen Ausrichtung spielte das interdisziplinäre Zusammenspiel von Methoden eine Rolle: Ergänzend zur historischen Quellen- und Archivforschung wurden die Überreste anthropologisch untersucht. In seiner methodischen Ausrichtung folgt das Projekt damit vorliegenden Empfehlungen (vgl. Winkelmann, Andreas u. a.: Interdisziplinäre Provenienzforschung, 2022) sowie vergleichbaren Projekten dieser Art (z. B. dem „Charité Human Remains Project“). Es fällt allerdings auf, wie selten die Autoren entsprechende Verweise nutzen und sich selbst im Feld der Provenienzforschung situieren.
Neben einer Einführung enthält das Buch zehn thematische Kapitel sowie einen Katalog der untersuchten menschlichen Überreste. Dabei wird aus ethischen Gründen auf Abbildungen der Individuen verzichtet und die anthropologischen Ergebnisse werden nur reduziert wiedergegeben; weitere derzeit im Feld diskutierte Schritte in Richtung einer Individualisierung wurden dagegen nicht unternommen. So hätte man etwa in der Auflistung mit individualisierenden Beschreibungen arbeiten können, statt die Inventarnummern zum bestimmenden (Titel‑)Element der einzelnen Eintragungen zu machen. Auch die Sprache in den Fließtexten wirkt nach wie vor objektivierend.
Die ersten sechs Kapitel thematisieren die Geschichte der anthropologischen Sammlungen in Berlin und die zugehörigen Sammlernetzwerke, die politische Debatte zur Aufarbeitung kolonialen Unrechts in Deutschland sowie die kolonialen Kontexte, in denen Überreste durch deutsche Wissenschaftler und Militärangehörige gesammelt wurden. Die Kapitel 7, 9 und 10 enthalten die Ergebnisse der historischen Provenienzforschung. Sie sind, wo möglich, mit den anthropologischen Befunden kombiniert. Die rekonstruierten Sammlungskontexte bieten Einblick in die koloniale Situation vor Ort. Leider gelang es dennoch nicht, Personen eindeutig zu identifizieren und Nachkommen oder Angehörige ausfindig zu machen. Die Darstellung verdeutlicht, wie komplex und manchmal erfolglos der Versuch der Zusammenführung von historischen Quellen, Aufschriften/Inventarangaben und vorliegenden menschlichen Überresten sein kann.
Besonders interessant sind die Ergebnisse der Forschung in Ruanda, die zum einen die Unrechtskontexte des Sammelns (neben dem vorherrschenden Grabraub auch als Folge von Kriegshandlungen, Krankheiten, Hungersnöten, sogenannten Strafexpeditionen oder Hinrichtungen) darlegen, zum anderen die Perspektiven der Menschen vor Ort auf die gesellschaftlichen Folgen und den möglichen Umgang mit den Überresten in der Zukunft aufzeigen. Zentral ist das achte Kapitel: Es enthält pointierte Überlegungen, wie Verhandlungs- und Rückgabeprozesse zu gestalten wären. Dabei zeigt sich das spezifische Zusammenspiel zwischen einer globalen Rückgabebewegung und ihren lokalen Ausformungen. Im Vergleich interessant ist etwa, dass die Befragten die ruandische Regierung prinzipiell als legitime Ansprechpartnerin anerkennen und dass – aufgrund der fehlenden eindeutigen Identifizierung der Toten – grundsätzlich Einigkeit herrscht, die Überreste nach ihrer Rückkehr zentral aufzubewahren – entweder in einem national resting place (wie es auch in Australien und Neuseeland für die nicht mehr identifizierbaren Verstorbenen diskutiert wird) oder als Teil eines öffentlichen Gedenkortes (wie es in Ruanda in Bezug auf die Opfer des Genozids bereits praktiziert wird). Vergleichbar mit den politischen Verhandlungen zwischen Namibia und Deutschland wünschen sich viele Befragte neben einer materiellen Wiedergutmachung eine öffentlich geäußerte Entschuldigung.
Insgesamt dürfte der vorliegende Band eine der derzeit inhaltlich detailliertesten, offen publizierten Darstellungen einer Provenienzforschung an einer so viele Individuen umfassenden Sammlung sein. Die umfangreiche Quellenarbeit bietet Anknüpfungspunkte für vergleichbare Forschung und ist damit auch ein guter Einstieg in die allgemeine Thematik. Positiv ist anzumerken, wie viel Raum der ruandischen Perspektive eingeräumt wird. Während die Kombination historischer und anthropologischer Methoden oft gut gelingt, stehen die deutschen und ruandischen Ergebnisse allerdings lediglich nebeneinander. Warum werden etwa die Überlegungen aus dem achten Kapitel nicht genutzt, um eine gemeinsame Handlungsempfehlung zu erarbeiten? Zu bedauern ist auch, dass die Autoren im Inhaltsverzeichnis nicht genannt werden und Angaben zu ihren Biografien, institutionellen Anbindungen oder ihrer Funktion im Projekt fehlen. Dennoch bleibt zu hoffen, dass diese transnationale Publikation Standards für vergleichbare Forschung setzen wird.