Das Mordkomplott gegen Reichsaußenminister Walther Rathenau vom Juni 1922 wühlte wie kein zweites Ereignis die erste Republik auf und brachte die Demokraten zu massenhaften Protesten auf die Straße. Martin Sabrow hat bereits vor 30 Jahren den schlüssigen Beweis geführt, dass dieses Attentat zu einer – weniger von flammendem Hass als von kühler Kaltblütigkeit getragenen – Kette von Anschlägen gehörte. Diese waren nicht das Werk von Einzeltätern, sondern von gut vernetzten Akteuren, die der Organisation Consul (O. C.) als Mörderzentrale angehörten und in deren Auftrag sie handelten. Da es sich um den hier vorzustellenden Band um die dritte Auflage eines hinlänglich in Besprechungen gewürdigten Werkes aus dem Jahr 1999 handelt, das wiederum die komprimierte Version der 1994 publizierten Dissertation Sabrows darstellt (besprochen von Christoph Jakubowski in: NPL 41 [1996], H. 1, S. 154f.), soll es hier genügen, die zentralen Ergebnisse zu resümieren.
Ins Zentrum des Interesses rückte seinerzeit bereits der Chef der O. C., der Freikorpsführer Hermann Ehrhardt, Kommandant der nach ihm benannten Brigade, die 1920 Speerspitze der Kapp-Putschisten gewesen war. Sabrow gelang es, das nachzuweisen, was die zeitgenössische rechtslastige Justiz nicht vermochte oder bewusst nicht leisten wollte, weil man den Mantel des Schweigens über die Verschwörer ausbreitete: Ehrhardt hatte die Anschläge als Aktionen seiner zu allem entschlossenen Offiziere nicht nur toleriert, sondern als der eigentliche Drahtzieher auch in Auftrag gegeben. Die Umsetzung der Attentate oblag den unabhängig voneinander agierenden Terrorzellen, wobei tunlichst vermieden wurde, Ehrhardt als Ideen- und Befehlsgeber zu kompromittieren, auf den sich die enttarnten, verhafteten oder untergetauchten Aktionisten verlassen konnten und für die er sorgte.
Sabrow geht in seiner Wertung noch weiter und sieht in den Anschlägen den Versuch einer umfassenden republikfeindlichen Gegenrevolution. Dieser These geht er nunmehr mit detektivischem Feingespür im (neuen) Nachwort nach, das er dem Kopf des Komplotts widmet. Das ist ein schwieriges Unterfangen, denn über Ehrhardt gibt es keine Biografie; und sein Nachlass befindet sich nach wie vor unzugänglich in privater Hand. Die Ego-Dokumente zu dieser Frage besagen nichts, vermitteln lediglich das Bild der O. C. als einer paramilitärischen Ordnungsmacht.
Sabrow liefert die Biografien der Protagonisten auch für die Zeit nach 1945, wobei zumindest die Attentäter Matthias Erzbergers einer strafrechtlichen Verfolgung nicht entkamen. Dagegen blieb Ehrhardt als Hauptfigur der Terrorzelle gänzlich verschont und verbrachte seinen Lebensabend unbehelligt von der Justiz als herrschaftlicher Großgrundbesitzer im niederösterreichischen Waldviertel. Die ihm gegenüber doch recht eigentümliche Zurückhaltung der Bonner Republik führt der Verfasser im Wesentlichen darauf zurück, dass Ehrhardt bald gänzlich in Vergessenheit geraten und zudem durch die Verjährungsfristen geschützt gewesen sei. Gleichwohl nutzte er die Straffreiheit nicht wie Waldemar Pabst, der sich – wenn auch ein wenig verklausuliert – als Verantwortlicher für die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht „outete“. Solches sucht man bei Ehrhardt vergebens, dessen Aussagen aus den Nachkriegsjahren für die Zeit vor 1933 doch recht dürftig bleiben. Mit Adolf Hitler, dessen Putsch Ehrhardt 1923 nicht unterstützte und von dem er als Galionsfigur der Rechtsradikalen rasch überflügelt wurde, hatte er nichts am Hut, sodass er dessen Bewegung fernblieb. Gleichwohl stellt Ehrhardt, so der Verfasser, das Bindeglied zwischen Kapp- und Hitler-Putsch dar. Nach 1933 zeitweise verfolgt, inhaftiert und von der Gestapo 14 Wochen in Gewahrsam genommen, konnte er nach dem Ende der Diktatur sogar Mitglied im österreichischen Bund der Verfolgten werden. Dann versank er im (politischen) Nichts.
Sabrow erhärtet im Nachwort seine These, dass Ehrhardt mit den Morden einen Bürgerkrieg entfachen wollte, der zur Destabilisierung der Weimarer Republik führen und am Ende in ihre Zerschlagung münden sollte. Hier wartet der Verfasser mit vielen Details auf, aber die Quellenlage für die Zeit ab 1933 bleibt doch insgesamt dünn. Letztlich stellt man sich die Frage, ob Ehrhardt – wenn er denn so weit in seinen Zielvorstellungen ging, durch die provokativen Morde einen Bürgerkrieg auslösen zu können – nicht doch von vornherein einer krassen Fehleinschätzung unterlag, zumal die ausgewählten Opfer Matthias Erzberger und Philipp Scheidemann nun nicht (mehr) wie Rathenau zur ersten Politgarde zählten. Die Republik zeigte sich schließlich gewappneter, als der kaiserliche Korvettenkapitän angenommen haben muss. Sabrow hat viel Licht in dieses dunkle Kapitel gebracht, aber so ganz ausgeleuchtet kann es noch nicht sein, denn eine Einsichtnahme in die zentralen privaten Dokumente Ehrhardts ist der Forschung verwehrt. Gleichwohl handelt es sich um eine spannende Kriminalgeschichte über ein Schlüsselereignis Weimars, unerlässlich für das Verstehen des Scheiterns der ersten deutschen Demokratie.