Der Spanische Bürgerkrieg hat die „Fünfte Kolonne“ zur politisch-historischen Terminologie beigesteuert. Die Erfindung dieses Begriffs wird überwiegend General Mola, dem Organisator des Militärputsches gegen die Republik im Juli 1936, zugeschrieben. Er brüstete sich damit, dass neben den auf Madrid marschierenden vier Kolonnen der Putschisten ihnen eine vor allem aus Zivilisten bestehende fünfte hinter dem Rücken der republikanischen Verteidiger zuarbeiten würde. So etwas hatte es zwar auch schon früher gegeben, doch erwies sich der Begriff als so ‚handlich‘ und einprägsam, dass er sich verselbstständigte und damit ganz unabhängig von Spanien und von einer realen Zahl der „Kolonnen“ geworden ist. Dabei ging es nicht nur darum, vor realen Gefahren im Hinterland zu warnen und sie dadurch auszuschalten, sondern oft auch darum, durch den propagandistischen Einsatz eine größtmögliche Unterstützung für den Kampf zu bewirken und potenzielle Kritik auszuschalten.
Doch Emilio Molas Beschwörung der Fünften Kolonne war nicht nur propagandistische Begleitung der Schlacht um Madrid. Sie bewahrheitete sich umgehend als eine sehr reale Gefahr, deren Aufdeckung und Unterdrückung zu einer permanenten Aufgabe der verschiedenen republikanischen Sicherheitsorgane wurde. Dabei erwies sich der Kampf gegen sie ebenso wenig als frei von irrational-tragischen Übersteigerungen. Trotz vieler Einzelerfolge konnte er letztlich nicht die Niederlage verhindern, wie sich gegen Ende des Bürgerkriegs zeigen sollte, als die Fünfte Kolonne die schnelle Einnahme vieler Städte durch Francisco Francos Truppen ermöglichte. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Republik aufgrund der Weigerung der Westmächte, sie gegen die deutsch-italienische Intervention zu unterstützen, ohnehin nur über die denkbar schlechtesten Karten verfügte.
Die bisherige, ja mehr als umfangreiche Historiografie des Bürgerkriegs hat die Fünfte Kolonne durchaus nicht ignoriert – zumindest, seitdem durch den Tod des Diktators Archivzugänge möglich geworden sind. Sieht man einmal von den mit Vorsicht zu nehmenden franquistischen Selbstdarstellungen ab, in denen sich einzelne Protagonisten ihrer Aktivitäten rühmten, taucht sie nun in vielen Mikrostudien, zumeist zu einzelnen Kämpfen oder in Lokalgeschichten, aber auch in Darstellungen der verschiedensten Aspekte der Repression in der republikanischen Zone auf. Ebenfalls liegen Arbeiten zu Geheimdienstaktivitäten der franquistischen Armee im Kontakt mit der Fünften Kolonne vor. Nun erscheint diese erste, auf seiner Dissertation an der Universität Salamanca beruhende, umfassende Gesamtdarstellung durch Carlos Píriz.
Unter Bezugnahme auf die vergleichsweise neue historische Disziplin der Intelligence Studies greift der Verfasser weit ausholend auf die Entstehung moderner Nachrichtendiensttechniken und -aktivitäten im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg zurück und zeigt, dass sich das spanische Militär trotz der Neutralität des Landes sehr dafür interessierte. Nach dem Sturz der Monarchie 1931 knüpften die verschiedenen militärischen und zivilen Verschwörerkreise gegen die Republik daran an. Mit dem Scheitern des Putsches am 19. Juli 1936 in weiten Teilen des Landes, besonders in städtischen Zentren, und mit dem damit einhergehenden Beginn eines langandauernden Konflikts stellte sich das als ein Pfund heraus, mit dem die Putschisten wuchern konnten. Ausführlich zeichnet Píriz die Herausbildung der verschiedenen Netzwerke aus abgetauchten Putschisten und deren zivilen Bündnispartnern in den Rechtsparteien nach. Trotz zahlreicher Verhaftungen gelang einigen von ihnen eine stabile Untergrundexistenz. Dabei erwiesen sich vor allem zwei Dinge als wichtig: Zum einen erfuhren sie in Madrid Unterstützung aus einigen Botschaften heraus, aufgrund politischer Sympathien besonders aus den lateinamerikanischen. Zum anderen machte sich die Stabilisierung der Putschisten in ihrer Zone mit ihren langsamen, aber ständigen militärischen Erfolgen bemerkbar. Dort wurde ein zentraler Geheimdienst (Servicio de información y policía militar = SIPM) unter Oberst José Ungría geschaffen, um die Kontaktaufnahme zu den Gruppierungen der Fünften Kolonne in der republikanischen Zone herzustellen und diese mit allem Nötigen zu versorgen. Als die Lage der Republik ab Ende 1938 immer aussichtsloser wurde, konnten diese durch den engen Kontakt zu kapitulationsbereiten republikanischen Kräften (die fälschlicherweise von einer Bereitschaft General Francos zu Verhandlungen auf Augenhöhe ausgingen) die Niederlage im März 1939 beschleunigen. Die wichtige Beihilfe der Fünften Kolonne bei der schnellen Übernahme der Städte und der Etablierung des Verwaltungsapparats der Diktatur sowie der Entfesselung der Repressionsmaschinerie hat Píriz in seiner Arbeit gut herausgearbeitet.
Äußerst detailreich beruht sie vor allem auf der minutiösen Auswertung der Archive des SIPM und anderer franquistischer Apparate, ergänzt durch die Heranziehung der relevanten Forschungsliteratur. Eine solche Rekonstruktion aus den Quellen heraus bringt allerdings auch immer die Gefahr mit, sich von deren Binnenperspektive überwältigen zu lassen. Das wird deutlich, wenn es um die Auseinandersetzungen innerhalb des republikanischen Lagers geht – insbesondere um die Konflikte zwischen der KP und ihren linken Gegnern wie den Anarchisten, vor allem aber mit denjenigen in Gestalt der antistalinistischen POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista), zum Beispiel bei den Kämpfen im Mai 1937 in Barcelona. Diese bezeichnet der Autor ständig als „trotzkistisch“, womit das von den Kommunisten verwendete Etikett aus der Zeit der stalinistischen Säuberungen wiederholt wird. Dass sich die franquistischen Geheimdienste rühmten, dabei kräftig mitzumischen, ist eine Sache. Dies übernimmt der Autor unkritisch, was die von ihm angeführten Belege jedoch real nicht hergeben (vgl. d. Verf.: Die POUM in der spanischen Revolution, 2. Aufl., Köln 2016, insbesondere S. 170–174). Wenn man das aber berücksichtigt, ist dieses Buch ein gewichtiger Beitrag, diesen seiner Natur nach besonders geheimnisumwitterten Aspekt der Bürgerkriegsgeschichte zu erhellen.
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