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Einzelrezension

Gruber, Hans-Peter: „Aus der Art geschlagen“. Eine politische Biografie von Felix Weil (1898–1975), 776 S., Campus, Frankfurt a. M./New York 2022.


Keywords: Review, Gruber, Hans-Peter, 2022, Biografie, Generationalität, Felix Weil, Frankfurter Schule, Institut für Sozialforschung, marxistische Forschung

How to Cite:

Rieß, R., (2023) “Gruber, Hans-Peter: „Aus der Art geschlagen“. Eine politische Biografie von Felix Weil (1898–1975), 776 S., Campus, Frankfurt a. M./New York 2022.”, Neue Politische Literatur 68(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00515-5

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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2023-08-29

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Nach den großen Darstellungen zur Frankfurter Schule (Jay, Martin: Dialektische Phantasie, 1976; Wiggershaus, Rolf: Die Frankfurter Schule, 1986) ist in letzter Zeit wieder ein Interesse an der Frühgeschichte des Instituts (Voller, Christian: In der Dämmerung. Vor und Frühgeschichte der Kritischen Theorie, 2022; Lenhard, Philipp: Friedrich Pollock. Die graue Eminenz der Frankfurter Schule, 2019) festzustellen. Was bisher fehlte, war eine wissenschaftliche Biografie von Felix Weil, der oftmals als Gründer des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (IfS) genannt wird. Diese Lücke hat nun Hans-Peter Gruber mit seiner im Jahr 2020 an der Technischen Universität Berlin bei Werner Bergmann und Johannes Heil angenommenen Dissertation eindrucksvoll geschlossen.

Auf der Grundlage seiner Forschungen in circa 20 Archiven, darunter etliche Privatarchive wie das von Martin Jay, vor allem aber der in drei Versionen vorhandenen Erinnerungen Weils folgt der Autor in chronologischer Form dessen Lebensweg. Hier leistet Gruber „konsequente Quellenkritik“ (S. 20), da sich die 1969 begonnenen „Erinnerungen“ – 1973 fortgesetzt und 1975 beendet – in ihren Varianten teilweise widersprechen.

Im Mittelpunkt steht das siebte von 13 Kapiteln, das die Gründung des IfS beinhaltet. Theoretisch orientiert sich Gruber an Karl Mannheims Konzept der „Generationalität“, demzufolge Alterskohorten ein bestimmtes typisches Verhalten an den Tag legen. Hier aber sind Zweifel angebracht, da Weil eben nicht dem typischen Verhalten des Großbürgertums oder des jüdischen Bürgertums zuzurechnen ist.

Felix Weil wird 1898 in die Familie des Getreidehändlers Hermann Weil in Argentinien geboren. 1907 kommt er zur schulischen Ausbildung nach Frankfurt am Main, wo er 1916/1917 das Studium der Staatswissenschaften aufnimmt. Aus seinen Ideen zur Planwirtschaft und dem Kriegssozialismus entwickelt er seine Vorstellungen von Sozialismus, gepaart mit marktwirtschaftlichen Ideen von Ludwig von Mises, welche auf eine Art von Wirtschaftsdemokratie hinauslaufen (vgl. S. 103–108), die damals bereits stark diskutiert wurde. Hier werden auch Einflüsse von Robert Wilbrandt und Karl Korsch wichtig, die Gruber stärker hätte herausarbeiten können.

Nach einer Argentinienreise (1920 bis 1922), wo Weil sich einerseits als „Generaldirektor“ um die Familienfirma kümmert, andererseits als Berater der Kommunistischen Internationale direkt an deren Vorsitzenden Grigori Sinowjew berichtet, sind sein Vater und er finanziell an der Gründung des IfS beteiligt. Die eigentliche Idee zur Gründung eines marxistischen Forschungsinstituts stammt jedoch von dem früh verstorbenen Professor Kurt Albert Gerlach. Die Motive Hermann Weils zur Gründung des IfS bleiben letztlich ungeklärt. Gruber lehnt die These von Ulrike Migdal, er habe aus ökonomischen Gründen wegen des ukrainischen Getreides den Kontakt zur Sowjetunion gesucht, ab und begründet im Analogieschluss die Gründung mit sozialen Interessen Weils. Dies ist aber ebenfalls nicht ganz schlüssig. Eventuell wollte der Vater seinen Sohn als Ausgleich für dessen Mitarbeit in der Firma mit dem Institut entschädigen (vgl. S. 190–194). Für Felix Weil wird das IfS zur „Lebensaufgabe“ (S. 207f.), mit dem er seine Idee eines „pluralistischen Marxismus“ (S. 217) umsetzen will.

1929 geht Weil nach Berlin, wo er sich an der „Förderung von linksgerichteter, progressiver Kunst und Literatur“ (S. 267) beteiligt, darunter der Malik-Verlag, die Piscator-Bühne, der Maler George Grosz und der Revolutionsfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ (vgl. S. 267–290). 1930 kehrt er nach Argentinien zurück, baut im Sinne einer Diversifikation das Familienunternehmen um und erarbeitet ein völlig neues Einkommensteuergesetz für die argentinische Regierung. 1936 zieht er in die USA, wo er an der Rettung des IfS vor den Nazis beteiligt ist. Dort entwickeln Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ihre kritische Theorie in der „Dialektik der Aufklärung“. Weil konnte oder wollte nichts dazu beitragen (vgl. S. 360). So änderte sich der Charakter der Arbeit des Instituts von der theoretischen Gemeinschaftsarbeit hin zur philosophischen Arbeit Einzelner (vgl. ebd.). Hier referiert Gruber lang zur „Dialektik der Aufklärung“, wobei Weil so gut wie nicht vorkommt (vgl. S. 360–366). 1945 zieht Weil an die Westküste, wo er auch vom FBI überwacht wurde. Leider wurde Gruber die Akteneinsicht hierzu trotz des freedom of information acts verweigert.

Von Weil geht die Frankfurter Einladung zur Rückkehr des IfS aus (vgl. S. 385f), schließlich rät er aber doch von einer Rückkehr ab (vgl. S. 388). Das neue Institut wird nun von der Stadt Frankfurt am Main und dem Land Hessen finanziert, sodass dies zur „völligen Loslösung vom ursprünglichen Stifter“ (S. 394) führt.

1969 lässt sich Weil in der BRD nieder. Dabei ist interessant, dass er sich von der Studentenbewegung distanziert, wie er es in zwei Sätzen zum Ausdruck bringt: „Eine Studentenbewegung, die nicht von der Arbeiterbewegung getragen ist, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt“ (zit. S. 412) und „Die einzige Waffe des Wissenschaftlers ist Erziehung, und soll es sein […]“ (zit. ebd.). Die APO aber greift auf Weils Frühschriften zurück – wie übrigens auch auf Horkheimers Schriften, der darüber nicht begeistert war – und veröffentlicht seine Dissertation über Sozialisierung als Raubdruck. Weil wiederum macht nun Horkheimer für die Neuausrichtung des IfS und die Abkehr von der marxistischen Forschung verantwortlich (vgl. S. 417). Er will die marxistische Forschung am Institut mithilfe von Iring Fetscher wiederbeleben und dem Institut auch einen Teil seines Vermögens vererben, doch dieser Plan scheitert aus diversen Gründen (vgl. S. 423f.).

Ende 1973 kehrt Weil in die USA zurück. Er beklagt seine subjektiv gefühlte „Altersarmut“ (S. 426f.), der objektiv allerdings ein Vermögen von circa 1 Million D‑Mark gegenüberstand. Am 18. September 1975 stirbt Felix Weil an einem Herzinfarkt; die Asche wird verstreut, seine Wohnung aufgelöst, sodass auch kein Nachlass besteht.

Gruber berichtet dies in sehr sachlicher Form. Der Darstellung von 441 Seiten stehen nahezu 300 Seiten Anmerkungen gegenüber, dazu fast 30 Seiten Literaturverzeichnis. Hier ist manches zu viel dokumentiert. Dem Werk ist eine Taschenbuchausgabe zu wünschen, die aber in gestraffter Weise das Leben dieses außergewöhnlichen Mannes vielen Leserinnen und Lesern bekannt macht.