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Einzelrezension

Finlay, Richard: Scottish Nationalism. History, Ideology and the Question of Independence, 264 S., Bloomsbury Academic, London 2022.


Keywords: Review, Finlay, Richard, 2022, Schottland, Nationalismus, Unabhängigkeit, Vertragsschluss, home rule, Devolution, Volkssouveränität

How to Cite:

Sturm, R., (2023) “Finlay, Richard: Scottish Nationalism. History, Ideology and the Question of Independence, 264 S., Bloomsbury Academic, London 2022.”, Neue Politische Literatur 68(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00514-6

Rights:

© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-08-31

Peer Reviewed

Die „Ideologie“ des schottischen Nationalismus hat bisher wenig Aufmerksamkeit gefunden, was nicht erstaunt. Der schottische Nationalismus hat sich über die Jahrhunderte als äußerst flexibel erwiesen und konnte als schottische Interessenpolitik, als Politik des Bewahrens des schottischen Erbes, als Home-Rule-Politik, als „Devolutions“-Politik und eigentlich erst seit den 1970er Jahren als „Nationalismus“ bezeichnet werden. Richard Finlay geht auf alle diese Aspekte systematisch ein und vergleicht die Entwicklungen in Schottland vor allem mit der irischen Erfahrung, die als Motivation für eine „antikoloniale“ Bewegung viel eher die klassischen Triebkräfte des Nationalismus aufweist.

Das erste Kapitel des Buches stellt die Union des britischen und des schottischen Parlaments 1707 in den Vordergrund, die auf einem (heute umstrittenen) Vertragsschluss beruhte. Schottlands Königreich endete nicht durch eine Eroberung. Der Vertragsschluss – gemeint, aber nicht verwirklicht auf Augenhöhe – ließ schottische Interessenpolitik weiterhin zu. Vor allem aber erschwerte er auch deshalb ein Narrativ der schottischen Unterdrückung. Im Gegenteil ermöglichte er die Teilhabe der schottischen Elite an den Erfolgen des Empire. Schottischer Nationalismus in diesem Kontext war weder aggressiv noch mehrheitsfähig. Er war auch, wie Finlay in Kapitel 3 herausarbeitet, gesetzestreu und nicht gewalttätig. Der Verfassungskonflikt mit England konnte nur dadurch konstruiert werden, dass der britischen Doktrin der Parlamentssouveränität eine schottische Idee von Volkssouveränität gegenübergestellt wurde, die das Eintreten der Nationalisten für eine nationale Interessenvertretung rechtfertigte.

Im vierten Kapitel verfolgt der Autor die sich hieraus ergebende Präferenz für „home rule“ beziehungsweise „devolution“. Mit Devolution wurde aus der „stateless nation“ eine „semi-state nation“. Was Finlay als lineare Entwicklung darstellt, hat sich allerdings spätestens seit der Brexit-Entscheidung als potenzielles Missverständnis herausgestellt – vor allem, wenn der nächste Schritt schottischer Selbstbestimmung die Unabhängigkeit des Landes sein sollte. Die politische Entwicklung ist aus englischer Sicht über die Frage hinausgegangen, die für den Autor zentral ist: „it has been agreed that Scotland can be an independent nation and the real question under debate is should Scotland be an independent nation“ (Hervorh. i. Orig., S. 18). Die treibende Kraft für politische Unabhängigkeit ist die Schottische Nationalpartei (SNP), die Finlay als sozialdemokratisch einschätzt. Im fünften Kapitel seines Buches setzt er sich mit dem Problem auseinander, wie sich der schottische Nationalismus im parteipolitischen Links-Rechts-Spektrum einordnen musste. Dies gelang in einer auch in Schottland von class geprägten Gesellschaft zunächst einmal nicht, weshalb die SNP einmal als „Tartan Tories“ und dann wieder als revolutionäres Subjekt (z. B. bei Tom Nairn) verortet wurde. Die Regierungszeit der Partei (ab 2007) findet in der Analyse Finlays bedauerlicherweise kaum Beachtung.

Richard Finlays Studie schließt erfolgreich und geschickt eine Forschungslücke. Ihm ist eine lesenswerte, alle Aspekte der Geschichte nationalen Denkens in Schottland umfassende Analyse gelungen. Sein von ihm gewählter weit gefasster Ideologiebegriff macht es erst möglich, einen historischen Bogen bis 1707 zu spannen. Ob dies mit den Ambivalenzen des Nationalismusbegriffes ausreichend gerechtfertigt werden kann, ist diskussionswürdig. Die zahlreichen und hoch interessanten Auswertungen von Originaldokumenten sind hilfreich, aber solche Zeitzeugenberichte sind naturgemäß immer zeit- und damit kontextgebunden. Die tatsächliche Marginalität der nationalen Bewegungen wird nur sehr defensiv kommuniziert, und ihre Forderungen vom Autor meistens mit einem gesamtschottischen Interesse gleichgesetzt. Der Schlüssel für das Verständnis des schottischen Nationalismus und das Überleben schottischer differentiae mag im 18. und 19. Jahrhundert der Vertragsschluss von 1707 gewesen sein. Seit der Eröffnung des schottischen Parlaments 1999, spätestens aber nach den Wahlerfolgen der SNP, ist der Unionismus der Gegenspieler des Nationalismus. Schottland hat keine der Verankerung im (verlorenen) Empire adäquaten Bindungen an das Vereinigte Königreich mehr. Der Versuch, die innerbritische Spaltung nach dem schottischen Unabhängigkeitsreferendum von 2014 mit der Formel einer Union auf Augenhöhe zu überwinden, ist gescheitert. Der schottische Wunsch nach Beachtung von Volkssouveränität beim Brexit-Referendum wird hinsichtlich des Ergebnisses des Referendums und bei der Umsetzung des Austrittsbeschlusses permanent ignoriert.