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Einzelrezension

Heyden, Ulrich van der: Die Affäre Patzig. Ein Kriegsverbrechen für das Kaiserreich?, 240 S., Solivagus, Kiel 2021.


Keywords: Review, Heyden, Ulrich van der, 2021, Erster Weltkrieg, U-Boot-Krieg, Affäre Patzig, Kriegsverbrechen, Aufarbeitung, Kameraderie

How to Cite:

Lemke, B., (2023) “Heyden, Ulrich van der: Die Affäre Patzig. Ein Kriegsverbrechen für das Kaiserreich?, 240 S., Solivagus, Kiel 2021.”, Neue Politische Literatur 68(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00513-7

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-07-28

Peer Reviewed

Zur Erzählung von Heldengeschichten taugt der U‑Boot-Krieg nicht nur wegen der technischen Dimensionen, sondern auch wegen der lebensgefährlichen, teils unheimlichen Bedingungen der Besatzungsmitglieder auf See. Nicht von ungefähr ist der Film „Das Boot“ (1981), der bereits vor Jahrzehnten sogar die Techno- und die Goth-Szene erreicht hat (Musikprojekt „U 96“ und neuere Live-Auftritte der Band „Mono Inc.“), ein Klassiker. Im Bahnhofsbuchhandel war der Themenkreis U‑Boot-Krieg jahrzehntelang präsent, meist mit heroischen und indirekt kriegsverherrlichenden Schilderungen („Der Landser“).

Ulrich van der Heyden hat mit seiner kleinen, reich bebilderten Publikation zur „Affäre Patzig“ nicht so sehr die in der Populärkultur breitgetretenen Aspekte, dafür aber nicht minder unheimliche Dimensionen neu beleuchtet: die Kriegsverbrechen vonseiten der U‑Boote, hier im Ersten Weltkrieg. Van der Heydens spezifisches Thema ist der Angriff des deutschen U‑Boots U 86 gegen das britische Lazarettschiff „Llandovery Castle“ am 27. Juni 1918. Letzteres war als Rot-Kreuz-Schiff gekennzeichnet und hätte daher nicht versenkt werden dürfen. Der Kommandant von U 86, Helmut Patzig, ordnete den Torpedoangriff dennoch an, worauf das Schiff unterging. Übrig blieben hunderte Schiffbrüchige. Wohl nicht zuletzt aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung ließ Patzig die Schiffbrüchigen beschießen, anstatt sie zu retten, und beging damit ein eindeutiges Kriegsverbrechen. Es kamen 234 Menschen ums Leben, nur ein einziges Rettungsboot konnte entkommen.

Die Siegermächte behielten diese Geschehnisse auf der Agenda und verlangten die Bestrafung von Patzig, der jedoch untertauchte. Die von der Entente aus politischen Gründen geduldete Aufarbeitung durch Reichsgerichte verlief mehr oder weniger im Sande wie die meisten entsprechenden Verfahren gegen Soldaten in dieser Zeit – etwa auch bei politischen Morden. Es wurden zwei Verantwortliche niederen Ranges abgeurteilt, die dann aus der Haft fliehen konnten. Das ganze Gebaren der Reichsbehörden und der beteiligten Personen gleicht einem abgekarteten Spiel und einer Farce.

Die primären Geschehnisse rund um das Kriegsverbrechen sind bereits weitgehend aufgearbeitet, soweit die Aktenlage dies zuließ. Van der Heyden beleuchtet nun einen neuen, menschlichen Aspekt, der einen ausgezeichneten Kontrast zur Heldenverehrung der ‚heroischen‘ U‑Boot-Truppe bietet. Denn es gab einen ungewollten Augenzeugen des Kriegsverbrechens, den Gefechtsrudergänger, der das Geschehen durch das Bullauge im Turm beobachtete. Der Betroffene gehörte zur Verwandtschaft des Autors, der von dort auch die nötigen Informationen bezog. Das eigentliche Neue der Publikation van der Heydens ist damit weniger das primäre Geschehen, sondern der Weg des Gefechtsrudergängers über die Nachkriegszeit und den Zweiten Weltkrieg hinweg bis zu seinem Tod im Jahre 1970.

Das durch Patzig begangene Kriegsverbrechen wurde in der Familie vertraulich besprochen und auch kritisch hinterfragt. Insbesondere stand zur Debatte, warum der Gefechtsrudergänger mit seinem Wissen nicht an die Öffentlichkeit ging. Der Prozess hätte dadurch eine völlig andere Richtung nehmen können. Die Motive sind nicht schwer zu erraten. In der aufgeheizten Stimmung in der Weimarer Republik hatte der Protagonist schlicht Angst um sein Leben. Terroristische Geheimorganisationen wie die „Organisation Consul“ oder die „Marinebrigade Ehrhardt“, die auch politische Morde verübten, hätten wohl sein Leben bedroht.

Stattdessen hielt sich der Gefechtsrudergänger bedeckt und konnte mit seinem Geheimwissen in der Folgezeit Vorteile gewinnen. Er erreichte – möglicherweise über Beziehungen seines inzwischen wieder nach Deutschland und in den Dienst in der Kriegsmarine zurückgekehrten, sich nunmehr Brümmer-Patzig nennenden, ehemaligen Kommandanten –, dass sein Sohn, der im Zweiten Weltkrieg an der gefährlichen Südostflanke Dienst tat, nach Pillau versetzt wurde. Veranlasst wurde dies wohl durch den Admiral Conrad Patzig, vielleicht ein Verwandter von Helmut Brümmer-Patzig. Gegen Kriegsende 1945 verlangte Letzterer vom Sohn des Protagonisten und einem Kameraden, seine Privatyacht heimlich vor der Roten Armee in Richtung Westen in Sicherheit zu bringen. Dazu hatte er die ausdrückliche Instruktion gegeben, keine Flüchtlinge aus Ostpreußen mitzunehmen. Beide Matrosen führten den Befehl aus. Damit profitierten der Gefechtsrudergänger und sein Sohn, so lautet das Fazit, von der Kameraderie, das heißt von einer ethisch problematischen Solidarität innerhalb der Waffengattungen und deren Lebenswelten – letztere neuerdings in der militärgeschichtlichen Literatur vereinzelt auch als tribal cultures bezeichnet.

Das Buch von Ulrich van der Heyden macht die Diskrepanz zwischen heroischen, auch textlichen Soldatengemälden aller Art und den teils gefährlichen, ethisch nicht hinnehmbaren und auch seelisch schwer belastenden Konsequenzen von Kriegsverbrechen deutlich. Der Autor beabsichtigt dabei weder, Tapferkeit und Mut von Soldaten grundsätzlich herabzusetzen, noch seinen Verwandten, den Gefechtsrudergänger, herabzuwürdigen.

Insgesamt liegt hier ein starkes Beispiel für persönlich-verwandtschaftliche Aufarbeitung verbrecherischer Kriegsereignisse vor. Geschmälert wird das Ganze lediglich etwas dadurch, dass der Autor für den persönlichen Werdegang des Protagonisten recht viel vermuten und erschließen muss. Unbedingt lesenswert.