Der Sammelband von Nejma Tamoudi, Simon Faets und Michael Reder präsentiert die Ergebnisse eines Forschungsprojekts an der namhaften Hochschule für Philosophie in München. Ein Team um den dort lehrenden Praxisphilosophen Reder hat das Sujet ausgearbeitet und die zehn deutsch- und englischsprachigen Beiträge des Bandes zusammengestellt. Das Buch ist in der frühen Phase einer stetig anschwellenden wissenschaftlichen Debatte angesiedelt, die sich mit Fragen der Generationengerechtigkeit, den künftigen Entfaltungschancen der Demokratie sowie mit der möglichen Zukunft der Menschheit schlechthin auseinandersetzt. Ausgangspunkt aller Überlegungen ist der überbordende, brisante und bedrohliche Einfluss des Menschen auf die Umwelt und auf das Leben auf dem Planeten Erde, der seit Anbruch des neuen Jahrtausends dazu geführt hat, zugleich besorgt und ehrfürchtig die neu angebrochene Epoche des „Anthropozäns“ auszurufen. Drei Themenstellungen rücken in den Mittelpunkt, die sich nicht sehr übersichtlich und treffend in der Zuordnung der Beiträge zu den gewählten Großkapiteln widerspiegeln: die Rolle von Zeitbezügen in der analytischen Auseinandersetzung mit einer Politik der Zukunft, die intergenerationellen Spannungen in der Bearbeitung der politischen Konfliktlagen, und das demokratische Problem einer Repräsentation der noch nicht Geborenen.
Das Thema „Zeit“ verweist zunächst auf die Schwierigkeit bei den Versuchen, generell eine schlüssige und bündige Periodisierung vorzunehmen. Stets ergeben sich unterschiedliche Wahrnehmungsperspektiven, eine Diskrepanz zwischen vergangenen und gegenwärtigen Erfahrungswelten sowie stark variierende Vorstellungen von der Zukunft. Die Verständnisse der Zeitlichkeit weisen deutlich generationsspezifische Prägungen auf. Sehr anschaulich und verständlich bringen diese Aspekte die Beiträge von Henrike Knappe und Nejma Tamoudi auf den Punkt. Generationelle Erlebniswelten sowie die Vorstellungen über die gerade erforderliche Politikgestaltung sind in ihren jeweiligen Zeitverständnissen unterschiedlich „rhythmisiert“ (Knappe, S. 88). Anstelle von zeitlicher Objektivität erweisen sich Zeitverständnisse als willkürliche sequenzielle „Auslegungen“ (Tamoudi, S. 112), Zukunftsbilder sind untereinander nicht kongruent, sie stimmen nicht mit der realistisch erwartbaren Zukunft überein, und sie bleiben notgedrungen unscharf. Die unvermeidbar variablen Verständnisse der Zeitlichkeit werden dementsprechend strategisch eingesetzt, wie der Beitrag von Matthias Lievens im Rückgriff auf das Werk von Jean-Paul Sartre zeigt. Vielfältige Temporalisierungen verwischen gezielt die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Politische Utopisten wie auch Despoten bedienen sich einer weitreichenden Projektion sozialer und politischer Wunschbilder in die Zukunft, womit sie in manipulativer Absicht kollektive Selbstwahrnehmungen in der Gegenwart steuern, unterdrücken oder aufwerten. Gegenbewegungen, die sich „hegemonialen“ Weltbildern und dem dominierenden Einfluss bestimmter gesellschaftlicher Gruppen und Generationen widersetzen, werden erforderlich, wie Simon Faets in seinem Beitrag zeigt. Dominic Roser veranschaulicht anhand der Kategorie „Hoffnung“, wie in der Zeitlichkeit stimmige Erwartungen, idealisiertes Wunschdenken und ideologiebeladene Zukunftsvisionen zu einer unübersichtlichen Gemengelage zusammenfließen. Der demokratische Entwicklungsstand von Gesellschaften bemisst sich dementsprechend auch an den Freiheitsgraden für eine eigenständige, unabhängige Wahrnehmung von Zeitlichkeit, Periodisierung und Zukunftsvorstellungen.
Aus den unterschiedlichen Zeitwahrnehmungen resultieren Streitigkeiten unter den gegenwärtigen Alterskohorten wie auch intergenerationelle Spannungen zwischen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Kollektiven. Wie die vielfältigen umweltpolitischen Protestaktionen junger Menschen zeigen, deren beträchtliche Ausweitung beim Erscheinen des Buches im Jahr 2020 noch gar nicht absehbar war, richten sich unter Verweis auf eine sträflich vernachlässigte Nachhaltigkeit massive Vorwürfe gegen vergangene Generationen und gegen die Älteren unter den gegenwärtig Lebenden. Insbesondere die Perspektiven und Bedürfnisse zukünftiger Generationen scheinen seit Langem einen blinden Fleck bei der jeweils aktuellen Lebensgestaltung zu markieren. Erst angesichts planetarer Bedrohungslagen wird das Schädigungspotenzial bisheriger Formen der Lebensgestaltung erkennbar, deren Kosten bislang gedankenlos in eine unbestimmte, fern scheinende Zukunft externalisiert worden sind. Wie Lukas Köhler in seinem Beitrag hervorhebt, erweist sich dadurch die „Permanenz menschlichen Lebens“ als extrem gefährdet (S. 171). Die Gefährdung bezieht sich aber – und hier erweist sich das Themenfeld des Bandes gegenüber jüngeren Fachbeiträgen als deutlich zu eng geschnitten – nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Tiere, auf Pflanzen, auf die Meere, auf die unbelebte Natur, auf das Erdinnere, auf die Atmosphäre, auf den Fortbestand des Planeten schlechthin. Wo in dem Band noch von einer „Globalisierung“ des Gefährdungspotenzials die Rede ist, also von einer Ausdehnung der Bedrohungslagen auf menschliche Lebensformen in allen Erdteilen, muss heutzutage der Bezug auf das „Planetarische“ treten – auf eine gestörte Balance des gesamten Erdgeschehens.
Unter demokratischen Gesichtspunkten geht es bei den Menschheitsfragen vor allem um die politische Repräsentation der noch nicht Geborenen. Wie kann man deren mutmaßliche Bedürfnisse antizipieren, wie kann man ihre vermutlichen Stimmen hörbar machen? Zur differenzierten Betrachtung dieser Problemlage bieten sich zunächst erweiterte Verständnisse von politischer Repräsentation an, die sorgfältig die zahlreichen Probleme, Erfordernisse und Facetten einer Stellvertretung von Unbekannten ausleuchten. Politisch-praktisch lassen sich in dieser Hinsicht einige Maßnahmen ergreifen, wie Verfassungsnormen zum Schutz zukünftiger Lebensformen, Klagerechte für die noch Ungeborenen, Ombudspersonen, Zukunftsräte, einschlägige Kommissionen oder auf das Wohl der zukünftigen Generationen verpflichtete Wächterämter, wie die Beiträge von Stefan Einsiedel, Lukas Köhler, Peter Lawrence und Anna Braam veranschaulichen.
Die Beiträge des Bandes nehmen sich der vertrackten Aspekte des Nachdenkens über eine demokratiefähige menschliche Zukunftsplanung in aller Breite und Gründlichkeit an. Die zentralen Problemstellungen werden klar benannt und erörtert, die Forschungslage zum jeweiligen Thema wird vorbildlich aufgearbeitet. Störend wirken dabei gehäufte Kommafehler in einigen Beiträgen, die das Lesen erschweren. In der Breite des Themenspektrums gelingt die Darlegung einer perspektivischen, geradezu willkürlich modellierten Vorstellung von Zeitlichkeit besonders überzeugend. Die daraus resultierenden Unschärfen spiegeln sich in jeglichen Verständnissen der Generationengerechtigkeit, der Zukunftsprobleme und der demokratischen Gestaltungsoptionen wider. Wie angedeutet, erscheint freilich der Fokus des Bandes auf den Fortbestand des menschlichen Lebens in mancherlei Hinsicht schon überholt: Mittlerweile gibt es in der wissenschaftlichen Debatte bereits eine viel diskutierte Erweiterung des Blickwinkels auf die organischen Lebensformen insgesamt sowie auf die offenbar bedrohte Fortexistenz des gesamten Planeten im Zusammenwirken all seiner Elemente, es gibt eine kritische Diskussion der daran geknüpften Vorstellungen über den „Fortschritt“, und es gibt eine finstere „Kollapsologie“ sowie einen unverhohlen diskutierten „Posthumanismus“. Aus deren Blickwinkel wird mittlerweile – umfassender als in dem vorliegenden Band – die bislang fraglos angenommene Sonderstellung des Menschen im planetarischen Geschehen hinterfragt und bisweilen sogar barsch als Störfaktor irdischer Vorgänge und Entwicklungen identifiziert. Eine solche Relativierung menschlicher Selbstbespiegelung verändert natürlich jegliches Vorstellungsvermögen über eine Politik der Zukunft und über die Bedeutung der Demokratie für künftige Lebensformen. Diese rasant voranschreitende Ausweitung des Themenspektrums kann man jedoch der vorliegenden Publikation von Forschungsergebnissen, die zwischen 2016 und 2018 zusammengetragen worden sind, nicht vorhalten. Sie zeigen nur, in welchem Tempo sich das Nachdenken über die Zukunft der Menschheit und des Planeten fortentwickelt und ausweitet. Insofern dokumentiert der Band sehr solide und überzeugend die gründliche wissenschaftliche Bearbeitung einer Phase und eines Aspekts jener Zukunftsfragen, die für die Menschheit insgesamt eine buchstäblich immer existenziellere Bedeutung gewinnen.
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