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Einzelrezension

Schmale, Wolfgang: Gesellschaftliche Orientierung. Geschichte der „Aufklärung“ in der globalen Neuzeit (19. bis 21. Jahrhundert), 379 S., Steiner, Stuttgart 2021.


Keywords: Review, Schmale, Wolfgang, 2021, Aufklärung, Rezeptionsgeschichte, Ideengeschichte, Globalgeschichte, Praktiken, Intellektuelle

How to Cite:

Köhler, V., (2023) “Schmale, Wolfgang: Gesellschaftliche Orientierung. Geschichte der „Aufklärung“ in der globalen Neuzeit (19. bis 21. Jahrhundert), 379 S., Steiner, Stuttgart 2021.”, Neue Politische Literatur 68(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00511-9

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-07-27

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Wolfgang Schmale hat mit seiner Studie „Gesellschaftliche Orientierung. Geschichte der ‚Aufklärung‘ in der globalen Neuzeit (19. bis 21. Jahrhundert)“ ein vielschichtiges Buch vorgelegt, das zum Denken über den Begriff der „Aufklärung“ anregt. Schmale geht es darum, wissenschaftliche und populäre Aufklärungsdebatten zusammenzudenken und die Relevanz des Begriffes über die Zeit nachzuverfolgen. Das Buch hat das Ziel, den Begriff der „Aufklärung“ als Orientierungshilfe, insbesondere in Krisenzeiten, nachzuzeichnen (S. 12). Für Schmale ist „Aufklärung“ dabei nur als umfassende „Lebenswissenschaft“ zu verstehen (S. 343), die ein holistisches Deutungsangebot für Zeitgenoss_innen bietet und daher auch im 21. Jahrhundert nicht an Bedeutung verloren habe, ja durch die postkoloniale Auseinandersetzung mit der hegemonialen Deutung der europäischen Aufklärung vielleicht sogar eine neue Konjunktur entwickele.

Das Buch ist in sieben Kapitel eingeteilt. In der Einleitung begründet Schmale sein Vorhaben und seinen vielschichtigen methodischen Zugriff, den er in den fünf folgenden empirischen Kapiteln umsetzt. In einem Fazit fasst er die Ergebnisse zusammen. Im Sinne Karl Jaspers verortet er die „Aufklärung“ dabei als zentralen Kern einer „Achsenzeit“ (S. 337). Mithilfe dieses Theorems ordnet er die insbesondere europäische Aufklärung in einen globalen Kontext ein und versucht ordnungs- und wissenshistorische Befunde als Teil eines globalen Aufklärungsdiskurses zu deuten. Dabei hilft Schmale seine eigene Deutung der Aufklärung als Lebenswissenschaft.

Begründet wird dieser Befund im vorausgehenden, fünf Kapitel umfassenden, empirischen Teil der Arbeit. Hier beschäftigt sich Schmale zunächst mit der Namensgebung des zentralen Phänomens des Buches: Aufklärung, les Lumières, Enlightenment, L’illuminismo, Provescenie (S. 39–60). Er zeichnet dabei die üblichen begriffsgeschichtlichen Entwicklungen nach, wie sie von der Forschung erarbeitet wurden. Ergänzt wird die Darstellung durch verschiedene Schaubilder, die Schmale mithilfe des Google Ngram Viewers gewonnen hat (dessen Limitationen, was Suchbegriffe und Datengrundlage angeht, er ebenfalls thematisiert). Anschließend betrachtet Schmale „Praktiken“ der Aufklärung (S. 61–138). Darunter versteht er so heterogene Phänomene wie Ludwig van Beethovens „Sinfonie Nr. 9“ oder die Dreyfus-Affäre, die Ende des 19. Jahrhunderts die Dritte Französische Republik erschütterte. Beide sind für Schmale praktische Anwendungen aufklärerischer Ideen. Sodann stellt der Autor in zwei Kapiteln ideengeschichtlich wirksame Auseinandersetzungen mit dem Phänomen dar. Er unterteilt dies in zunächst eher positiv rezipierende „Intellektuelle“, wie zum Beispiel Victor Cousin und Hermann Hettner (S. 139–262), sowie in solche, die „Kritik“ (S. 263–284) äußern, etwa Theodor W. Adorno und Max Horkheimer oder Michel Foucault.

Schließlich versucht Schmale eine quantitative Analyse der Aufklärungsrezeption im Internet, ergänzt durch qualitative Befunde zum medialen Echo im Kapitel „Orientierung“ (S. 285–334).

Die interessantesten und innovativsten Teile der Arbeit verbergen sich hinter den Kapitelüberschriften „Praktiken“ und „Orientierung“. In beiden Kapiteln versucht Schmale, die alltägliche Anwendung des Konzepts der Aufklärung an Beispielen zu veranschaulichen. Dabei geht es ihm – angelehnt an Sebastian Conrads historiografische Kritik von 2012, welche eine stärkere Rolle der „Enlightenment in Global History“ fordert – auch darum, den globalen Rahmen von Aufklärungsdebatten zu beleuchten. Schmale fragt etwa nach aufklärerischem Denken und Aufklärungsrezeptionen im afrikanischen und im islamischen Raum. Dazu zeichnet er aufklärerische Praktiken nach und wertet mit recht brachialer statistischer Methodik Wikipedia- und Google-Ergebnisse nach bestimmten Aufklärer_innen, aufgeteilt nach Sprachen, aus. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse zur globalen Verteilung der aufklärerischen Aufmerksamkeit sind interessant und verdienen weitere Untersuchungen. Das ist aus zweierlei Gründen zu konstatieren: Weil sie erstens die Konjunktur der Aufklärungsrezeption in Krisenzeiten zu bestätigen scheinen, und weil sie zweitens tatsächlich eine nicht-akademische Geschichte dieser Rezeption zu erzählen vermögen. Das ist auch insbesondere deshalb geboten, weil selbst Schmale – trotz aller Versuche, das Feld zu weiten – noch stark an der klassisch ideengeschichtlichen Rezeptionsgeschichte festhält und sich über einzelne Autor_innen und deren Werk die Geschichte der Rezeption erschließt. Gerade auch seine Auswertung der Rezeption im Internet geht von Personen wie Immanuel Kant und Voltaire sowie deren Wikipedia-Artikeln aus: ein sicherlich angebrachtes Hilfskonstrukt, das in künftigen Arbeiten aber hoffentlich mittels methodischer Raffinesse überwunden werden kann.

Schmales Buch ist ein gelungener Einwurf in eine immer wiederkehrende Debatte, das sowohl als Handbuch zur Aufklärungsrezeption als auch als methodisch anregender Beitrag empfohlen werden kann.

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