In dieser Arbeit bespricht Fabian Link zwei Hauptströmungen der Sozialwissenschaften in der frühen Bundesrepublik, die er als „Denkkollektive“ im Sinne Ludwik Flecks bezeichnet: die Frankfurter Schule um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sowie die aus der von Hans Freyer angeführten Leipziger Schule hervorgegangene Gruppierung um Helmut Schelsky und Arnold Gehlen. Die Innovation der Arbeit besteht im Vergleich der beiden Richtungen und der Herausarbeitung ihrer Kooperation und Konkurrenz in den 1950er Jahren. Die Länge des Buches ergibt sich erstens daraus, dass Link die Zeit bis 1945 als Grundlage für alles Weitere ausführlich bespricht, und zweitens daraus, dass er die Nachkriegsgeschichte auf mehreren Ebenen behandelt. Dies betrifft einerseits die jeweiligen Denkstile der beiden „Denkkollektive“, die von Link sogenannten „Idiome“ der einzelnen – im Übrigen nur männlichen – Wissenschaftler und ihre „Übersetzungen“ anderer vornehmlich aus den USA stammender Ansätze in die jeweils eigene Wissenschaftssprache, sowie andererseits drei Wissensebenen: die der empirischen Sozialforschung, des Orientierungswissens und der Erziehungspolitik.
In seinem ersten Teil fasst Link aus der reichhaltigen Sekundärliteratur zusammen, wie sich Horkheimer, Adorno und ihre Mitarbeiter_innen in den USA nach anfänglichem Zögern auf Allianzen mit amerikanischen Sozialwissenschaftler_innen, die Einwerbung von Drittmitteln aus zivilgesellschaftlichen Quellen und das Thema Antisemitismus einließen, während sie die schon entwickelte These eines „autoritären Charakters“ und den Ansatz einer Synthese kritischer Gesellschaftstheorie und psychoanalytischer Sozialpsychologie beibehielten. Aus dieser von Link sogenannten „Aufspaltung“ des „deutsch-jüdischen Denkstils“ (S. 138) ergaben sich neue Formen sozialwissenschaftlichen Wissens. Kenner_innen der Literatur mag das alles bekannt sein. Neu ist die sich anschließende, eingehende Behandlung der Karrieren Gehlens und Schelskys im Nationalsozialismus. Wie Link zeigt, brachten es beide mit einer bei Freyer erlernten Mischung aus völkischen und pragmatischen Ansätzen auf unterschiedliche Weise zu beachtlichen Karrieren.
Sehr interessant ist der im zweiten Teil behandelte Vergleich der Karrierewege und der gedanklichen Entwicklungen der beiden „Denkkollektive“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Bemerkenswert dabei ist Schelskys schnelle intellektuelle Abkehr vom Nationalsozialismus, mit deren Hilfe er eine Allianz mit der Gewerkschaftsbewegung knüpfen konnte und eine Professur an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg erreichte, deren Direktor er von 1948 bis zu seiner Berufung an die Universität 1953 war. Studierende dieser Hochschule wurden zu Ausführenden der groß angelegten Jugend- und Familienforschung Schelskys und stellten damit so etwas wie ein funktionales Äquivalent der Mitarbeiter_innen des neugegründeten Instituts für Sozialforschung (IfS) in Frankfurt dar. Interpretationshilfen holten sich er und Gehlen aus einer amerikanischen Militärbibliothek in Karlsruhe, wo sie sich die sozialwissenschaftliche Literatur der USA im Eiltempo aneigneten.
Nach der Darstellung Links waren die von Schelsky angeleiteten Jugend- und Familienstudien ihrem experimentellen Charakter nach sowie in ihrer Mischung quantitativer und qualitativer Methoden mit dem großen „Gruppenexperiment“ am IfS durchaus vergleichbar. Ähnlich waren auch die institutionellen Strategien der beiden „Denkkollektive“, als sie Kontakte mit amerikanischen beziehungsweise britischen Einrichtungen und mit einschlägigen deutschen Stellen mit dem Angebot verknüpften, eine demokratische „Erziehung“ der Bundesdeutschen in die Wege leiten zu helfen. Dabei kamen trotz fortwährender Rivalität teils offene, teils diskrete Kooperationen zwischen beiden Gruppierungen zustande, wie Link überzeugend belegt. Das IfS lud Gehlen zum Vortrag ein und es kam sogar zu privaten Treffen zwischen ihm und Adorno, während Schelsky mit einer gekonnten Mischung aus freundlicher Kollegialität und harter Konkurrenz strategischer vorging. Der Preis dieser ambivalenten Kooperation war die von Hermann Lübbe vor Jahrzehnten schon für diese Generation insgesamt konstatierte „Beschweigung“ der NS-Vergangenheit, hier die von Schelsky.
Wissenshistorisch interessant ist die detaillierte Rekonstruktion des „Gruppenexperiments“ am IfS. In Analogie zum Begriff des „experimentellen Systems“ im Sinne Hans-Jörg Rheinbergers zeigt Link auf, wie das Projekt zunächst ergebnisoffen anlief und wie man sich mittels Methodenreflexion trotz der offenen oder schweigsamen Widerständigkeit vieler Versuchspersonen immer weiter vorantastete. Die Analogie zum „Experimentalsystem“ hinkt jedoch: Zwar können die im „Gruppenexperiment“ verwendeten Fragebögen durchaus als „epistemische Dinge“ im Sinne Rheinbergers behandelt werden, aber die Einmischungen Adornos zugunsten einer kritisch-theoretischen Reflexion mitten in der empirischen Arbeit wären bei den von Rheinberger untersuchten Genetiker_innen kaum toleriert worden. Trotzdem richtig ist die These Links, dass das „Gruppenexperiment“ als „Demokratisierungsprojekt“ zu begreifen sei. Neben der Anleitung junger Forscher_innen zum eigenständigen Gespräch mit ausgewählten Subjekten handelte es sich um einen Versuch, den Subjekten ihr Wissen über die Shoah zu entlocken und ihnen damit zu helfen, sich durch eigene Erkenntnis vom Nationalsozialismus zu distanzieren.
Mithilfe der Ergebnisse der oben genannten Jugend- und Familienforschung und seiner umfassenden Kenntnisse der amerikanischen Soziologie entwickelte Schelsky seine These von der Bundesrepublik als einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die er in seinen Bestsellern „Soziologie der Sexualität“ (1955) und „Die skeptische Generation“ (1957) elaborierte. Damit wurde er zum Starsoziologen seiner Generation. Im Kontrast dazu wurden die Ergebnisse des „Gruppenexperiments“ am IfS nur zögerlich vermarktet und deshalb weit weniger stark rezipiert.
Erst in den späten 1950er Jahren brach die Rivalität der beiden „Denkkollektive“ in der Fachöffentlichkeit anhand von Konflikten um die Leitung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie offen aus. Zur selben Zeit distanzierten sie sich von der empirischen Sozialforschung und wandten sich der allgemeinen Gesellschaftskritik zu. Link kontrastiert treffend die Grundsatztexte Adornos zur „Aufarbeitung der Vergangenheit“ und zur „Erziehung nach Auschwitz“ mit Schelskys und Gehlens philosophisch-anthropologischen Kritiken der technisierten Welt, in denen Auschwitz nicht vorkam. Dabei stellt Link ebenfalls treffend fest, dass beide Gruppierungen eine grundsätzliche Kritik der technologischen Moderne teilten, wenngleich diese jeweils anders formuliert und begründet wurde.
Der Vergleichsansatz Links ist trotz gelegentlicher Längen und Redundanzen in der Ausführung zweifelsohne ein analytischer Gewinn. Leider bleiben dafür andere Sozialwissenschaften, wie zum Beispiel die Politikwissenschaften und die Pädagogik, die sich ebenfalls als „Demokratisierungsprojekte“ begriffen, unterbelichtet. Gleichwohl regt diese verdienstvolle Studie grundsätzliche Reflexionen an. Link streicht deutlich heraus, wie verbreitet Behauptung und Annahme waren, dass die Sozialwissenschaften per se „Demokratisierungswissenschaften“ seien, doch deutet er die Vieldeutigkeit des Begriffes „Demokratisierung“ selbst nur an. So konnte die empirische Demoskopie von Elisabeth Noelle-Neumann in Allensbach ebenso gut „demokratisch“ sein wie das Frankfurter „Gruppenexperiment“, denn in beiden Fällen wurden durchschnittliche Menschen nach ihren Meinungen und Einstellungen gefragt und diese damit implizit für wertvoll gehalten. Das erzieherische Gehalt solcher Tätigkeiten war jedoch grundverschieden. Im Kontrast dazu pflegten die Anführer beider „Denkkollektive“ im Umgang mit der gebildeten Öffentlichkeit und den Medien einen elitären Habitus alten Stils. So wissenschaftlich bedeutend die Arbeit dieser Sozialwissenschaftler_innen auch war, ist es nicht erwiesen, dass sie für die wie auch immer verstandene „Demokratisierung“ der Bundesrepublik derart entscheidend war, wie Link und viele andere meinen. Sie trug zur Informationsgrundlage der Entscheidungsträger_innen wie zur kritischen Analyse der neuen Verhältnisse sowie zum öffentlichen Diskurs Wesentliches bei, aber die politischen, sozialen und institutionellen Strukturen, deren Handhabung für die „Demokratisierung“ der Bundesrepublik tatsächlich wirksam waren, schufen sie nicht.