Ich erwartete mir von Judith Hughes’ Studie der Holocausterinnerung nach 1989 innovative theoretische und methodische Herangehensweisen und unerwartete Erkenntnisse. Hughes ist emeritierte Professorin für Geschichtswissenschaft an der University of California in San Diego und arbeitete als ausgebildete Psychoanalytikerin gleichzeitig als adjunct professor für Psychiatrie. Psychiatrische, psychologische, psychoanalytische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit denen der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung zu verbinden, wird in den memory studies seit Jahren als Desiderat benannt, aber nur selten umgesetzt. Tatsächlich ließ mich Hughes’ Studie dann aber etwas ratlos zurück.
Hughes will die „Pervertierung“ des Gedenkens an den Holocaust seit 1989 analysieren. Unter Pervertierung versteht sie das Phänomen, dass sich Erinnerungsakteur_innen fast ausschließlich auf die Opferrolle der Bürger_innen von Ländern fokussieren, die Opfer des nationalsozialistischen Regimes, der Alliierten oder der Sowjetunion waren, anstatt auch deren Täterrolle zu thematisieren. Diese Negierung der eigenen (Mit‑)Täterschaft führe zu einer Vermeidung von Schuldeingeständnis und Reue, einer Verdrehung der Fakten und sei deshalb „pervers“, aber leider nicht ungewöhnlich (S. 3).
Hughes konzentriert sich dabei auf vier Länder: Frankreich, Deutschland, Polen und Ungarn. In ihrer sehr kurzen, nur drei Seiten langen Einleitung beobachtet sie, dass der offensichtliche Anfangspunkt für ihre Studie 1989 sei. In den osteuropäischen Staaten habe das Ende der kommunistischen Regime dazu geführt, dass die Erinnerungspolitik überdacht werden musste. In Deutschland habe durch den Fall der Berliner Mauer eine neue, gemeinsame Erinnerungspolitik verhandelt werden müssen. Zudem sei die Anerkennung des Holocaust zu einer „Eintrittskarte“ für osteuropäische Staaten ins gegenwärtige Europa geworden, wie der Historiker Tony Judt 2005 beobachtet habe. Dies habe sich jedoch seitdem verändert. So weit, so gut.
Unverständlich bleibt dann allerdings, wieso Hughes ausgerechnet den Prozess gegen den Beamten des Vichy-Regimes Maurice Papon 1997/1998 in Frankreich an den Anfang ihrer Studie stellt. Hughes versucht eine Geschichte der Pervertierung der Holocausterinnerung nach 1989 zu schreiben, bei der es in den 1990er Jahren zunächst zu einer Anerkennung der eigenen Schuld oder Mitschuld kommt, bevor dann das Leid der eigenen Zivilbevölkerung in den Vordergrund gerückt wird. Die Papon-Affäre, der sie das erste Kapitel widmet, ist für Hughes eine solche Erfolgsgeschichte – genauso wie im zweiten Kapitel die Kontroversen um Daniel J. Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ (1996), die das Gewissen eines neuvereinten Deutschlands geweckt hätten, sowie die Debatten um die erste sogenannte Wehrmachtsausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ (1995 bis 1999), die die Leugnung von Kriegsverbrechen und der Beteiligung der Wehrmacht am Holocaust zu einer revisionistischen Position gemacht hätten. Das dritte Kapitel beginnt mit der Debatte um die Fertigstellung des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ in den 1980er und 1990er Jahren, die scheinbar eine solche Erinnerungskultur, die den Holocaust und die Täterschaft der eigenen Bevölkerung ins Zentrum rückte, festigte. Gleichzeitig aber, so beleuchtet die Autorin in der zweiten Hälfte ihres Kapitels, beschäftigten sich W. G. Sebald in „Luftkrieg und Literatur“ (1999) und vor allem Jörg Friedrich in „Der Brand“ (2002) mit der Zerstörung deutscher Städte während des Luftkrieges und stellten damit wiederum das Leid der deutschen Zivilbevölkerung in den Mittelpunkt. Wie das vierte Kapitel – hier allerdings für die osteuropäischen Länder – zeigt, sollte das Leiden der Zivilbevölkerung auch Timothy Snyders Buch „Bloodlands“ (2010), das Hughes als eine Wiederholung von Ernst Noltes Thesen sieht, in den Fokus rücken, wobei eine Mitschuld der Zivilbevölkerung an Pogromen, Deportationen und Ermordungen kaum thematisiert würde. Wie genau diese Opferrolle in Polen, wo Snyders Studie sehr positiv aufgenommen wurde, vor allem unter der Regierung der PiS-Partei sowie in Ungarn unter Victor Orbáns Präsidentschaft zum Konsens der staatlichen Erinnerungspolitik wurde, thematisiert das fünfte Kapitel.
Hughes wählt also sehr diverse Beispiele aus. Leider eignen sich diese Beispiele aber kaum, um ihre These einer allgemeinen Pervertierung der Holocausterinnerung zu veranschaulichen. Zum einen ist die Geschichte der von Hughes gewählten Länder – und zwar sowohl ihre Geschichte in den 1930er und 1940er Jahren als auch ihre (erinnerungs-)politische Geschichte nach 1989 – zu divers, als dass sich durch sie eine kohärente Geschichte einer Pervertierung der Holocausterinnerung erzählen ließe. Allenfalls ließe sich eine Pervertierung in den einzelnen Ländern beobachten – falls es eine solche überhaupt gibt und es sich nicht viel mehr um parallel zueinander laufende Narrative handelt, die mal mehr und mal weniger dominant sind. Zum anderen lässt Hughes zu viele Enden offen oder arbeitet sie zu schnell ab. So endet das erste Kapitel mit François Hollandes Anerkennung der Schuld Frankreichs an der Razzia am Vél’ d’Hiv’. Das gleichzeitige Erstarken der Neuen Rechten in Frankreich wird lediglich in der Einleitung und in der Schlussfolgerung kurz angesprochen, aber nicht näher analysiert. Damit vertut Hughes ihre Chance, die Pervertierung der Holocausterinnerung zumindest für Frankreich zu erörtern. Umgekehrt wird die International Holocaust Remembrance Alliance, die 1998 in Stockholm gegründet wurde, und wohl wie kaum eine andere Institution für die von Hughes in der Einleitung angesprochene Anerkennung der Holocausterinnerung nach 1989 als ‚Eintrittskarte‘ in die moderne Welt steht, überhaupt nicht angesprochen.
Überhaupt scheint es Hughes mehr darum zu gehen, aufzuzeigen, dass eine Pervertierung stattgefunden hat, als zu erklären, wieso es zu einer solchen kommen konnte. Die Autorin verbringt viel Zeit damit, zu beweisen, dass Polen und Ungarn mit den Nationalsozialisten kollaborierten, dass eine Gleichstellung des Holodomor mit dem Holocaust, wie Snyder sie suggeriere, nicht vertretbar ist oder dass der Luftkrieg der Alliierten nicht mit der systematischen Verfolgung und Ermordung deutscher Juden vergleichbar ist. Für die meisten ihrer Leser_innen sollte das allerdings kaum überraschend sein.
Die Fallstudien, die Hughes gewählt hat, wurden bereits unzählige Male von Historiker_innen, Politikwissenschaftler_innen oder Vertreter_innen der memory studies behandelt. Hughes ist in ihrer Analyse dieser Fälle sehr detailliert, bleibt aber weitestgehend auf der deskriptiven Ebene, sodass sich kaum neue Erkenntnisse auftun. Theoretische Einsichten der memory studies, wie zum Beispiel Astrid Erlls und Ann Rigneys medienwissenschaftliche Erkenntnisse zu Premediatisierung, Mediatisierung und Remediatisierung (2009), Elena Espositos Überlegungen zum sozialen Vergessen (2010), oder Gregor Feindts, Félix Krawatzeks, Daniela Mehlers, Friedemann Pestels und Rieke Trimçevs Theorie der verflochtenen Erinnerung (2014), um nur einige zu nennen, kommen nicht vor. Ebenso wenig finden sich psychoanalytische Einsichten zu Erinnern, Vergessen oder gar der Fixierung auf eine „gefühlte“ Opferschaft, wie sie von Christian Schneider behandelt wurde (2010).
In ihrer – mit zwei Seiten wieder viel zu kurzen – Schlussfolgerung beobachtet Hughes, dass Holocausterinnerung gemeinhin als Bollwerk gegen Antisemitismus, aber auch ethnischen Nationalismus gelte. Dies, so habe ihre Studie gezeigt, sei aber eine Fehlannahme, denn: „Contemporary political battles can undo – can pervert – an understanding of the past that was hard won and once widely shared“ (S. 106). Nun lässt sich das Erstarken der Neuen Rechten nicht nur in Europa nicht leugnen, ebenso wenig wie das Wiederaufkommen revisionistischer Geschichtsschreibung. Welche Wirkkraft solche Narrative haben können, wenn sie staatlich verordnet werden, zeigt nicht zuletzt die russische Erinnerungspolitik während des Angriffskrieges gegen die Ukraine. Wann, von wem, aber vor allem wie und warum revisionistische Erinnerungsnarrative an Popularität gewinnen und benutzt werden, sind wichtige Fragen, die immer wieder aus unterschiedlichen fachlichen, theoretischen und methodischen Blickwinkeln beleuchtet werden sollten. Hughes allerdings begnügt sich damit, zu zeigen, dass solche Narrative aufkommen. Das ist ein bisschen zu wenig.