Nach den durch Extremwetter gekennzeichneten Sommern der vergangenen Jahre dürfte es auch in den westlichen Demokratien nur noch wenige Menschen geben, denen das Ausmaß des Klimawandels keine existenziellen Sorgen bereitet. Zu heiß und trocken waren die letzten Sommer, zu heftig die Regenfälle, und wer nur einigermaßen regelmäßig die Nachrichten verfolgt, wird noch mit ganz anderen Schreckensmeldungen konfrontiert: vom Abschmelzen der Gletscher, der Versteppung immer größerer Flächen bis hin zu dem Wassernotstand, der sich mittlerweile auch in Südeuropa ausbreitet. Fest steht, die Menschheit steht vor einem Scheideweg. Insbesondere der konsumorientierte Lebensstil im globalen Norden, zunehmend auch in den bevölkerungsreichen Schwellenländern, der immer mehr Ressourcen verbraucht, muss enden. Wie schwierig, ja geradezu unmöglich indes der Ausstieg aus liebgewonnenen Verhaltensmustern und Konsumbedürfnissen – die Fernreise, der SUV, die Flugmango, das Steak, das neue Kleid, das im kommenden Jahr entsorgt wird – ist, erleben zumindest die Ober- und Mittelklassen der Industrienationen in ihrer alltäglichen Praxis. Moderne Gesellschaften sind kapitalistische Gesellschaften, in denen die soziale Integration wesentlich über den Konsum erfolgt.
Dass eine andere Welt notwendig ist, scheint offensichtlich zu sein. Doch ist sie auch möglich? Es ist diese Frage, die den britischen Ideenhistoriker Gregory Claeys zu einer Inventarisierung utopischen Denkens motiviert hat.
Entstanden ist ein enzyklopädisch anmutendes Werk von nahezu 600 Seiten. Claeys skizziert dabei nicht nur politiktheoretische Utopien von Thomas Morus bis in die Gegenwart, sondern in den Blick geraten auch eine Vielzahl von Romanen, in denen alternative gesellschaftliche Ordnungen skizziert werden. Louis-Sébastien Merciers „L’An 2440“ (1771), Edward Bellamys „Looking Backward“ (1888), William Morris’ „News from Nowhere“ (1890) oder auch Aldous Huxleys „Eiland“ (1962) stellen nur den Gipfel eines riesigen Berges der behandelten utopischen Literatur dar. Allein diese Menge ist Beleg dafür, dass es immer wieder – nicht zuletzt in Zeiten des Vordringens kapitalistischer Imperative – Sehnsüchte nach einem anderen, rationaleren oder auch naturverbundeneren Leben gab und gibt, auch wenn sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts und verstärkt in den letzten Jahrzehnten ein Vordringen dystopischer Romane beobachten lässt. Einen wichtigen Aspekt stellt schließlich auch die Diskussion über Luxusgesetze dar, sind doch viele Utopien dadurch gekennzeichnet, dass deren Bewohner eben gerade nicht in Luxus schwelgen. Bisweilen gibt es so gut wie gar keinen Privatbesitz und die Menschen müssen sich wie in Morus’ „Utopia“ (1516) mit einfacher Kleidung begnügen. In Tommaso Campanellas „Sonnenstaat“ (1602) ist es den Frauen gar verboten, sich zu schminken oder hohe Absätze zu tragen. Es herrscht Uniformität und Frugalität, wenn auch soziale Hierarchien gerade in den frühneuzeitlichen Utopien durchaus geläufig waren.
Claeys arbeitet eindrücklich die Ambivalenzen heraus, die mit diesen Utopien einhergehen. Zwar zeichnen sich viele von ihnen durch eine deutliche Abkehr von einer hedonistischen, an Konsum und symbolischer Konkurrenz orientierten Lebensweise aus, insofern handelt es sich zweifellos um nachhaltigere Gesellschaften. Doch der Preis dafür ist sehr hoch, werden Individualität und Freiheit doch mehr oder weniger stark geopfert. Und so rational sich die Entwürfe auch gestalten, es scheint etwas in der menschlichen Natur zu geben, das sich dem nicht fügen will oder kann. Dabei gibt Claeys der Darstellung utopischer Experimente und millenaristischer Erhebungen von der frühen Neuzeit über den Frühsozialismus bis zur 68er-Bewegung breiten Raum. In diesem Sinne instruktiv liest sich dann auch seine Schilderung verschiedener utopischer Experimente, die regelmäßig gescheitert sind – nicht zuletzt, weil es zu Konflikten zwischen den Mitgliedern dieser Gemeinschaften kam oder sich einige eben nicht einer strengen Frugalität unterordnen wollten.
Was aber ist aus der Geschichte utopischen Denkens und Experimentierens für die ökologische Herausforderung zu lernen? Für Claeys an erster Stelle steht, dass eine rein frugale Lebensweise, also ein weitgehender Luxusverzicht, keinen überzeugenden Weg darstellt. Auch ein Zurück zu einer rein agrarischen Gesellschaft von Selbstversorgern ist kein plausibler Ausweg, so nachhaltig dies auch wäre. Claeys setzt demgegenüber auf öffentlichen Luxus, technologische Errungenschaften, hier die Tradition der Technikutopien von Francis Bacon bis Bellamy aufnehmend, und letztlich auf eine Einebnung allzu großer Vermögensunterschiede. Er begreift dies als die „idea of the realistic or everyday utopia“ (S. 190), gegen Ende des Buches ist von einem „radical Green New Deal“ und einem „green socialism“ (S. 504) die Rede. Zu deren Realisierung skizziert Claeys neun Strategien. Dazu zählen etwa eine konsequente Transformation der Energiegewinnung zugunsten erneuerbarer Ressourcen, aber eben auch eine deutliche Beschränkung individueller Konsumbedürfnisse. Das läuft auf einen starken, umverteilenden und investierenden Staat hinaus, der sich freilich angesichts der globalen Dimension des Klimawandels nicht in nationalen Egoismen verstricken darf. Ein entscheidender Aspekt dabei ist insbesondere die Stärkung nachbarschaftlicher Gemeinschaften, wie insgesamt Claeys der Überzeugung ist, dass unsere Konsumgewohnheiten nur Ausdruck entfremdeter Sozialbeziehungen darstellen, der Mensch also in erster Linie ein soziales und kein konsumierendes Wesen ist.
Das ist ein insgesamt überzeugendes Plädoyer für einen neuen Gesellschaftsentwurf, auch wenn die einzelnen Bestandteile nicht sonderlich originell sind. Allein das Paradox des Anfangs, welches schon Platon, der mit seiner „Politeia“ eine Art Blaupause utopischen Denkens geliefert hat, nicht überzeugend lösen konnte, bleibt am Ende offen. Claeys zeigt eindrücklich, dass die Überwindung des konsumgetriebenen Kapitalismus im rationalen Interesse aller Menschen, nicht zuletzt der zukünftigen Generationen ist, doch der Weg dorthin bleibt offen. Die Erde bleibt ein trauriger Ort, auf dem Utopia (noch) nicht verwirklicht ist.
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