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Einzelrezension

Mullis, Daniel/Miggelbring, Judith (Hrsg.): Lokal extrem Rechts. Analysen alltäglicher Vergesellschaftungen, 284 S., transcript, Bielefeld 2022.


Keywords: Review, Mullis, Daniel/Miggelbring, Judith (Hrsg.), 2022, Rechtsextremismus, Raumaneignung, lokale Vergesellschaftung, Gesellschaftstheorie, Lokalstudien, Scale-Konzept

How to Cite:

Birsl, U., (2023) “Mullis, Daniel/Miggelbring, Judith (Hrsg.): Lokal extrem Rechts. Analysen alltäglicher Vergesellschaftungen, 284 S., transcript, Bielefeld 2022.”, Neue Politische Literatur 68(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00504-8

Rights:

© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-05-06

Peer Reviewed

Vor knapp zwanzig Jahren erschienen die ersten Lokalstudien zu extrem rechten Strukturen, Akteur_innen und Diskursen. Diese erweiterten und bereicherten das Forschungsfeld zu Phänomenen des Rechtsextremismus und thematisierten, welche konkreten Kontextbedingungen dazu führen können, dass extrem rechte Akteur_innen Raumgewinne als Machtgewinne erzielen und in lokalen politischen Kulturen hegemonial werden können. Und sie boten Hinweise dafür, unter welchen Voraussetzungen Engagement aus einer lokalen Gesellschaft gegen solche Machtgewinne erfolgreich sein kann.

Nunmehr haben Daniel Mullis und Judith Miggelbring einen Sammelband zum Thema vorgelegt, der über den Verlag im Open Access zur Verfügung steht. Neben politisch-soziologisch sowie bewegungstheoretisch inspirierten Beiträgen stellt er prominent auch Erkenntnisse aus der (Human‑)Geografie bereit. Er gliedert sich in drei inhaltliche Themenfelder: „Räumliche Differenzierungen rechter Einstellungen und mögliche Erklärungsansätze“, „Rechtsextreme Raumaneignungen in alltäglichen Vergesellschaftungen“ sowie „Methodische Herausforderungen qualitativer Rechtsextremismusforschung“. Diese Themenfelder bezeichnen die beiden Herausgeber_innen in ihrer Einleitung als „Debattenfelder“, die „nicht frei von Überschneidungen sind“ (S. 13). Dennoch lassen sich Schwerpunktsetzungen erkennen, die sich zwischen konzeptionellen Ansätzen, empirischen Befunden und methodischen Überlegungen bewegen. Dass in den Beiträgen der Fokus vornehmlich auf Ostdeutschland liegt, merken auch die Herausgeber_innen an und sehen richtigerweise den Grund in mangelnder Forschung zu Westdeutschland (ebd.). Des Weiteren übernimmt die AfD mit ihren lokalen Raumaneignungen eine prominente Rolle. Dadurch kommen andere lokalisierte Phänomene des Rechtsextremismus nicht in den Blick, die an Bedeutung gewonnen haben, wie etwa die Reichbürger_innenszene, die Siedler_innenbewegungen oder die Frage danach, wie und wieso sich die sogenannte Querdenken-Bewegung mit ihren Verschwörungsfantasien regional unterschiedlich strukturiert und an lokale Vergesellschaftungsprozesse anschließen kann. Fairerweise muss allerdings auch hier angemerkt werden, dass es bislang noch an systematischer Forschung zu all diesen Phänomenen mangelt beziehungsweise eine solche noch am Anfang steht.

Eine mesosoziologische Herangehensweise, wie sie im Sammelband gesucht wird, entfaltet dadurch Erklärungskraft, dass Lokalität raum- und gesellschaftstheoretisch eingebettet wird. Eine solche Einbettung unternehmen die Herausgeber_innen Miggelbring und Mullis in einem eigenen Beitrag mit dem Titel „Das Lokale, Subjektivierung und die extreme Rechte“ (S. 29–39). Ziel der beiden Autor_innen ist es, „die bestehende Rechtsextremismusforschung, die das Lokale in den Blick nimmt, um eine relationale Perspektive zu erweitern, mittels derer das Lokale gleichermaßen als produziert wie produktiv sichtbar gemacht werden kann“ (S. 33). Sie stützen sich dabei sowohl auf poststrukturalistische als auch auf strukturierungstheoretische Ansätze, wobei bei letzteren insbesondere die Dualität von Struktur und Kultur betont wird. Damit wird akzentuiert, wie in gesellschaftlichen – hier: in lokalen gesellschaftlichen – Milieus soziale und politisch-kulturelle Verhältnisse nicht nur reproduziert, sondern gleichfalls kulturell produktiv bearbeitet werden und darin extrem rechte Einstellungen eingewoben sind (S. 26–28). Der poststrukturalistische Zugriff adressiert ergänzend „Körper und Identität im Raum“ und damit vor allem „Subjektivierungseffekte“ in den „Mikropraxen des lokalen Alltags“ (S. 29), in denen gleichfalls Konformitätsdruck erzeugt wird und Opportunitätsstrukturen für extrem rechte Akteur_innen, aber auch für zivilgesellschaftliche Gegenwehr entstehen. Folglich sollten die jeweils konkreten lokalen Kontextbedingungen in ihrer gesellschaftlichen und politischen Einbettung in den Blick genommen werden. Um hierzu einen analytischen Zugang zu finden, schlagen die beiden Autor_innen ein „Scale-Konzept“ (S. 31) vor. Denn „(l)okalisierte Gefüge sind immer in sozialen Kontexten eingebunden, die von ‚überlokalen‘ Ordnungen, Normen und Diskursen geprägt sind“ (S. 32).

In den Aufsätzen des Sammelbands wird (leider) nicht durchgehend auf den konzeptionellen Vorschlag von Miggelbring und Mullis Bezug genommen. Einige, wenn auch wenige Beiträge sind lediglich Fortschreibungen früherer Lokalstudien oder Konzeptionierungen. In den anderen scheint das Scale-Konzept hingegen durch, oder es wird konkret adressiert, und dies erkenntnisgewinnend. So ist dann auch die erwähnte Dominanz der AfD im Sammelband kein Malus. Denn dadurch, dass verschiedene lokale Orte mit ihren unterschiedlichen Kontextbedingungen untersucht werden, zeigt sich überdeutlich, dass das Erstarken einer populistischen radikal- bis extrem rechten Partei nicht allein mit makrosoziologischen Zugängen und Einstellungserhebungen sowie mit Wahlanalysen erklärt werden kann. Dennoch können quantitative Analyse und methodisch qualitativ angelegte Lokalstudien gewinnbringend miteinander korrespondieren. So schlägt Abdelrahman Helal in seinem Beitrag im Sammelband eine „Kartierung von radikal rechten Raumaneignungen“ vor (S. 221–244), die dazu beitragen soll, gezielter und systematischer Orte für Lokalstudien auszuwählen. Bei dieser Kartierung werden rechte Wahlerfolge, rechte Gewalt und Immobilien rechter Akteur_innen bis auf die Ebene von Landkreisen und kreisfreien Städten in einer Datenbank erfasst und deren räumliche Verteilung sichtbar gemacht.

Die Anlage des Sammelbands und die einzelnen Beiträge sind inspirierend und fordern die Rechtsextremismusforschung auf, sich stärker mit lokalen Kontextbedingungen antidemokratischer Phänomene und deren Ursachen auseinanderzusetzen. Die Beiträge bieten hierfür wichtige konzeptionelle, methodische und empirische Anregungen.

Funding

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