Nicht zuletzt durch die – in Großbritannien und Deutschland höchst unterschiedlich verlaufenden – Debatten um die Darstellung des militärischen Schreckens in der Neuverfilmung von „Im Westen nichts Neues“ (2022) sowie die traurige Konfrontation mit aktuellen Bildern sind Fragen um die physische und psychische Wirkung des Kriegs auf Soldaten neu aufgekommen. Simon Harold Walkers 2021 erstmals erschienene Publikation widmet sich dem Leben, Kämpfen und Sterben meist junger Männer im Ersten Weltkrieg jedoch weniger aus einem Interesse am retrospektiven oder gegenwartsbezogenen Erklären und Verstehen heraus, sondern eher mit der Absicht des ehrfürchtigen Mitfühlens. Bereits in der Danksagung wird diese Positionierung deutlich, als Walker sich abschließend direkt an jene (freilich längst verstorbenen) Männer wendet, auf deren Erfahrungsberichten seine Erzählung basiert: „I could never fully understand what you saw, felt and did, but for a brief time I was honoured to shadow you over the top. […] I say thank you for the chance to retell your stories; I hope I got them right“.
In fünf Hauptkapiteln folgt der Autor britischen Männern auf ihrem Weg vom Zivilisten zum Soldaten und – sofern sie den Stellungskrieg an der Westfront überlebten – auch zurück. Der narrative Kniff dieser quasi chronologisch angelegten, aber am individuellen Weg in und durch den Krieg orientierten Gliederung erzeugt sofort eine beabsichtigte Nähe zu den Zeitgenossen. So widmet sich Walker im Kapitel „A fine body of men: Recruitment and enlisting for war 1914–1918“ dem propagandistisch begleiteten Rekrutierungsprozess, welcher auch eine spezifische Vorstellung soldatischer Männlichkeit transportierte. Im Zentrum dieses Vorgangs stand der Körper junger Männer, da sich die Tauglichkeit für den militärischen Dienst in erster Linie über die Physis definierte. Der Autor beschreibt dabei nicht nur die Kriterien, die durch medizinische und militärische Experten festgelegt wurden, sondern anhand von Zitaten der Zeitgenossen auch die Perspektive von Rekruten, die sich unter Druck sahen, den Anforderungen zu entsprechen. Kapitel 2 „Forging bodies: Training and creating soldiers“ nimmt wiederum die Perspektive künftiger Soldaten ein. Walker konzentriert sich in diesem Abschnitt sowohl auf die Wahrnehmung des militärischen Drills für den Fronteinsatz als auch auf eher alltagsgeschichtlich anmutende Themenfelder wie Kleidung, Essen und Sport. All diesen Aspekten kam am Übergang vom Zivilleben zum Dasein als Angehöriger der britischen Streitkräfte eine zentrale Funktion zu; sei es im Sinne der Vergemeinschaftung oder der Ertüchtigung. Mithilfe einer Serie von Selbstporträts, die ein Soldat während der Ausbildung Briefen an seine Eltern beifügte, illustriert Walker hierbei die Anstrengungen einzelner Männer und den bisweilen als Schock empfundenen Anpassungsdruck.
Den eigentlichen Kriegseinsatz in den Schützengräben Frankreichs und Belgiens (andere Kriegsschauplätze kommen nur äußerst knapp vor) schildert der Autor in den als Kernstück des Buchs anzusehenden Kapiteln „Lives on the line: Active service“ und „Bodies under fire: The front line“. Im Vergleich zu den restlichen Kapiteln gelingt es dem Autor hier öfter, eine differenzierte und kritische Haltung gegenüber seinen Protagonisten einzunehmen. Unter dem Eindruck nahezu ständiger Todesangst und der fast lückenlosen Kontrolle und Disziplinierung durch Vorgesetzte, suchten einfache Soldaten nach Sinngebung, Ablenkungen und möglichen Auswegen. Insbesondere die Ausführungen zur Ambivalenz des Alkoholgenusses und des teils sanktionierten, teils geduldeten Auslebens von Hetero- und Homosexualität werfen ein eindrückliches Schlaglicht auf das alltägliche Leben der Soldaten. Diesen Abschnitten hätte der Autor ebenso wie dem individuellen Umgang mit Sterben und Töten sowie der Frage, inwiefern Selbstmord eine Form von Agency darstellt (Walker bejaht dies, S. 138), mehr Raum geben können. Zudem fallen in den beiden Kapiteln manche eigenwillig effektheischende Formulierungen auf, die eine nüchtern-wissenschaftliche Analyse bisweilen konterkarieren: „… their bodies were shot, frozen, blown up, scratched, stabbed, gassed, burnt, starved, dehydrated, infected or exhausted through the course of combat service. […] It [gas] was a devastating killer that could be far more effective than a bullet or a bayonet“ (S. 128 f.).
Im abschließenden Kapitel „Soldiers no more: Death, debilitation and demobilization“ belegt der Autor nicht nur seinen Hang zu Alliterationen, sondern auch zur bedauerlich knappen Analyse diskussionswürdiger Themen: Erst auf Seite 143 erfahren die Leser_innen, dass 60.000 Männer aus Britisch-Indien im Ersten Weltkrieg für das Empire starben. Ihre Körper, ihre Wahrnehmungen und Erfahrungen, mithin die koloniale Dimension des „Great War“ bleiben ansonsten unsichtbar. Gerne hätte Walker darüber hinaus die kurz gehaltenen Abschnitte zur Behandlung von shellshock und die Debatten um Rentenzahlungen für mental und körperlich beeinträchtigte Veteranen ausbauen können.
In der eher als Zusammenfassung denn als abstrahierendes Fazit gehaltenen „Conclusion“ vermag der Autor die Diskrepanz zwischen empirischer Erzählung und Eigenanalyse, die den gesamten Hauptteil durchzieht, nicht zu überbrücken. Wenngleich er in der Einleitung ein Vorgehen ankündigt, das sich unter anderem an den körpersoziologischen und -historischen Überlegungen von Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Erving Goffman anlehnt, bleibt die Einlösung dieses Versprechens aus. Walker wollte explizit ein Buch vorlegen, das einem „bottom-up experience-centric approach“ (S. 173) folgt. Dies gelingt ihm auf Basis einer beeindruckenden Auswertung von Primärquellen, aber zulasten einer kritisch-distanzierten Einordnung jener Erfahrungsberichte im Sinne einer Kultur- und Körpergeschichte.
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