Nach dem 2020 von denselben Herausgebern publizierten Buch „‚Zwischenvölkische Aussprache‘. Internationaler Austausch in wissenschaftlichen Zeitschriften 1933–1945“ ist der zu besprechende Sammelband die zweite Sammlung von Forschungsergebnissen aus dem DFG-Projekt „‚Wir sagen ab der internationalen Gelehrtenrepublik‘? Internationale akademische Beziehungen Deutschlands von 1933 bis 1945“. Die Geistes- und Kulturwissenschaften, vor allem aber die Philosophie und die Philologien, stehen im Vordergrund. Projekt wie Sammelbände schließen an die zeit- und kulturhistorische Erforschung des kulturellen Elitismus der Nationalsozialisten, ihrer internationalen Kontakte sowie ihrer Reisetätigkeiten an.
Die besondere Spannung des hier behandelten Themas liegt in der von NS-Funktionären und völkisch-rassistisch überzeugten Wissenschaftlern im Wissenschafts- und Kulturbereich propagierten Förderung einer ‚arteigenen‘ deutsch-völkischen Wissenskonzeption sowie einer Autarkie der deutschen Wissenschaft und der Alltagsrealität der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst. Weder nach 1933 noch nach 1939 brachen diese ihre internationalen Kontakte ab oder unterbrachen ihre Reisetätigkeiten, gleichwohl der Kriegsbeginn einen Wandel der Wissenschaftskooperationen mit sich brachte. Denn dass sich ein Nationalstaat in den 1930er und 1940er Jahren wissenschaftlich und kulturell abschotten könnte, entsprach letztlich nichts anderem als Wunschvorstellungen völkisch-nationalistischer Fantasten. Realität war dies zu keiner Zeit. Dies herausgearbeitet und sinnvoll dargestellt zu haben, ist das große Verdienst des vorliegenden Bandes.
Die Einleitung ausgenommen, sind die dreizehn Beiträge den drei thematischen Blöcken „Tagungsbetrieb und Konferenzpläne“, „Verbände, Kontakte, Reisen“ und „Im Exil“ zugeordnet, wobei der mittlere Block die meisten Beiträge unter sich versammelt. Es würde den Umfang dieser Rezension sprengen, die Aufsätze einzeln zu besprechen, weswegen lediglich die wichtigsten Ergebnisse vorgestellt werden sollen.
Die bereits in der Weimarer Republik, verstärkt dann aber im NS-Regime entscheidenden Agenturen für internationale Wissenschaftsbeziehungen waren der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Deutsche Akademie, die Deutschen Wissenschaftlichen Institute im Ausland (DWI), die Alexander von Humboldt-Stiftung, die Deutsche Kongress-Zentrale und bilaterale Freundschaftsgesellschaften. Als ministerielle Schaltstellen für auswärtige Sprach- und Wissenschaftspolitik fungierte seit 1919 die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes sowie das Reichserziehungsministerium (REM), denen die reisenden deutschen Wissenschaftler auch ihre Berichte schicken mussten. Während der Austausch deutscher Wissenschaftler mit dem Ausland aufgrund des nach dem Ersten Weltkrieg verhängten Boykotts bis in die späten 1920er Jahre eingeschränkt war, entwickelte sich nach 1933 ein regelrechter Wissenschaftstourismus. Bis 1939 kann gar von einem Aufschwung des wissenschaftlichen Austauschs auf internationalen Konferenzen gesprochen werden, auch wenn hochtrabende Pläne wie die „Erste Welttagung der Germanisten“ scheiterten. Die Reisen standen nun allerdings unter anderen Vorzeichen, wie die Berichte zeigen, die ans Auswärtige Amt und ans REM geschickt werden mussten, denn deutsche Wissenschaftler fungierten teils als Spione fürs NS-Regime. Zudem unterstützten NS-Wissenschaftsfunktionäre nur bestimmte wissenschaftliche Reisekader, anderen wurde dies verwehrt. Dies zeigte sich umso deutlicher nach Kriegsbeginn, als sich die Wissenschaftskooperation zunehmend auf die Propagierung einer neuen kulturellen Ordnung Europas unter deutscher Führung kaprizierte, wofür die Kulturpropaganda der DWI und die „Aktion Ritterbusch“ exemplarisch stehen. Auch fand ein tendenziell intensiverer Austausch mit verbündeten faschistischen Staaten statt, so mit Bulgarien, Ungarn oder der Slowakei.
Die Beiträge des Sammelbandes machen deutlich, dass sich auch für dieses Thema Mitchell Ashs Ressourcen-Austausch-Modell anbietet: Das NS-Regime konnte durch eine Unterstützung der Reisetätigkeit seiner Wissenschaftler seinen im Ausland oft zweifelhaften Ruf aufpolieren, indem die reisenden Wissenschaftler Normalität und Pazifismus vortäuschten. Umgekehrt konnten deutsche Wissenschaftler wieder an den internationalen Forschungsstand anknüpfen.
Dieser Band ist für Zeit- wie Wissenschaftsgeschichte wichtig, weil die darin versammelten Beiträge einerseits zeigen, dass Ideologie und Realität im NS-Regime immer zu differenzieren sind und dass dies auch für Aspekte wie den Internationalismus deutscher Geistes- und Kulturwissenschaftler gilt. Auch für diese Wissenschaften stellte der Nationalsozialismus eine Ressource dar, sich neu und anders international zu vernetzen. Andererseits heben die Beiträge aber auch die Veränderungen hervor, die im deutschen Wissenschaftsfeld nach 1933 erfolgten, angefangen mit dem Ausschluss von Juden, Linken oder anderweitig dem NS-Regime Missliebigen. Auch die „ungewollte Internationalität“ (Frank-Rutger Hausmann) im Exil gehört zu diesem Thema.
Daran müsste die Forschung anschließen und den Fokus auf andere Geistes- und Kulturwissenschaften jenseits von Philosophie und den Philologien sowie auf die Mathematik, die Natur- und technischen Wissenschaften ausweiten. Zur letzteren Gruppe von Wissenschaften existieren bereits gute Arbeiten. Wünschenswert wäre aber doch eine eingehende Untersuchung des Internationalismus von Mathematikern, Naturwissenschaftlern und Technikern. Bei der Erweiterung des Fokus auf andere Geistes- und Kulturwissenschaften wäre es überaus lohnenswert, der Frage nach einer völkischen paneuropäischen und womöglich transatlantischen Internationalen sowie deren Kontinuitäten über 1945 hinaus nachzugehen.
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