Sonja Engel und Dominik Schrage haben mit ihrer Studie über das „Spießerverdikt“ eine in der Tat interessante Ergänzung zur Forschung über die „Mittelmäßigkeit der Mitte im 19. Jahrhundert“ vorgelegt, wie es im Untertitel der Publikation heißt. Das Buch möchte einen wissenssoziologischen Deutungsansatz anbieten, der aktuelle Diskussionen um Spießertum ebenso zu kontextualisieren vermag, wie es soziologische Fachdebatten zur Mittelschichtsforschung anreichern kann.
Dazu haben die beiden Autor_innen folgenden Aufbau gewählt: Auf eine gut 60-seitige Einleitung, in der sie neben Forschungsstand auch zentrale Begriffe, Theorien und Zugänge klären und daraus ihren diskursgeschichtlichen Ansatz herleiten, folgt der empirische Teil anhand dreier Themenkomplexe: 1. „Die romantische Philistersatire“ (S. 76–108), 2. „Die Kleinbürgerkritik der Klassentheorie“ (S. 108–134) und schließlich 3. „Die antibürgerliche Selbstinszenierung der Boheme [sic]“ (S. 134–167). Abgerundet wird die Studie durch eine Zusammenfassung der Erkenntnisse und einen Ausblick auf die Gegenwart im gut 30-seitigen Schlusskapitel „Das Spießerverdikt im Wandel“ (S. 167–200).
Die Studie fasst den Begriff des Spießers als „invektive[n] Akt und Intervention in die gesellschaftliche Ordnung“ (S. 15). Um diesem nachzuspüren, verfolgt sie einen diskursanalytischen Ansatz. Dieser sei für die Studie „besonders geeignet“, so Engel und Schrage, da Wissensordnungen und deren Wandel auf der Grundlage von Texten dadurch sehr gut nachgezeichnet werden könnten (S. 51). Zentrale Dokumente dieser Diskursanalyse sind dabei Clemens Brentanos Schrift „Der Philister vor, in und nach der Geschichte“ von 1811, Karl Marx’ und Friedrich Engels’ „Kommunistisches Manifest“ von 1848 sowie Erich Mühsams Beitrag „Bohême“ in der „Fackel“ von 1906. Angereichert werden diese drei „exemplarischen Analysen“ durch weitere Verweise auf Texte der Höhenkammliteratur und -kunst wie etwa auf Carl Spitzwegs bekanntes Gemälde „Sonntagsspaziergang“ oder auf Texte von Friedrich Schlegel und Novalis.
Zwei Hauptthesen tragen die Untersuchung: Erstens liege all den darin liegenden Invektiven ein gemeinsames kommunikatives Muster zugrunde, zweitens sei der Spießer-Begriff Teil einer Mitte-Semantik, die im 19. Jahrhundert wirkmächtig geworden sei (S. 15).
Insgesamt können die beiden Autor_innen überzeugend darstellen, dass die „soziologische Kategorie der Mitte“ (S. 32) im 19. Jahrhundert im Fluss war und sich um diese Kategorie herum eine Wissensordnung herausbildete. Sie sehen in ihren Fallbeispielen – angelehnt an Andreas Reckwitz – „Umbruchphasen der kulturellen Vergesellschaftung“ (S. 31) gespiegelt. Wenn etwa Brentano und andere den Philister als „mittelmäßig“ definierten und ihn eindeutig einer „falschen Lebensweise“ zuordneten, widersprachen sie der bis dato geläufigen aristotelischen Deutung des Mittelmaßes als etwas Positivem (Mesotes-Lehre). Darüber hinaus werde der Spießer im ausgehenden 19. Jahrhundert als ein Überbleibsel altständischer Ordnung skizziert und damit als ein der Moderne und deren Fortschritt gegenläufiges soziales Phänomen gedeutet (S. 170).
Über die Kontextualisierung des Mitte-Begriffes der soziologischen Forschung im 20. Jahrhundert (S. 32–50, 167–200) gelingt es den Autor_innen, eine Brücke zur Gegenwart zu schlagen und Verwandtschaften in der diskursiven Ausgestaltung der Figur des Spießers und etwa des „Gutmenschen“ (am Beispiel eines Aufsatzes von Norbert Bolz) zu schlagen.
Freilich muss dieser Zeitsprung in den Augen des rezensierenden Historikers fragwürdig erscheinen, ist er doch mit zu vielen Annahmen von Kontinuität behaftet. Auch kann die Literaturauswahl der Studie den formulierten Anspruch, die „Praktik der Herabsetzung“ (S. 15) durch das Spießerverdikt nachzuzeichnen, nur teilweise erfüllen, da die ausgewählten Beispiele größtenteils auf der Ebene institutionalisierter oder publizierter Wissensorganisation bleiben: Ego- oder Verwaltungsdokumente spielen – wenn überhaupt – nur eine sehr untergeordnete Rolle.
Dennoch leistet das Buch einen methodisch anregenden Beitrag zum Forschungsgebiet historischer Selbstverortung bürgerlicher Schichten im 19. Jahrhundert. Es bietet eine wichtige Ergänzung zu den Arbeiten Annette Vowinckels zum „relationalen Zeitalter“ (Paderborn, 2011), von der Renaissance zum 18. Jahrhundert und eher literaturwissenschaftlich orientierten Arbeiten wie der Dissertation Christof Hamanns zu „Normativität und Normalität“ (Heidelberg, 2014) oder philosophischen Grundlegungen wie denen Michael Gampers zur „Emergenz des Mittelmäßigen“ (2007).
Das Buch ist jedem zu empfehlen, der versucht, das Dispositiv der ‚Mitte‘ wie den sprichwörtlichen Pudding an die Wand zu nageln. Es gibt einem insbesondere für das 19. Jahrhundert ein mögliches methodisches Werkzeug an die Hand, das sich lohnt, auszuprobieren.
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