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Einzelrezension

Conze, Eckart: Schatten des Kaiserreichs. Die Reichsgründung von 1871 und ihr schwieriges Erbe, 288 S., dtv, München 2020.


Keywords: Review, Conze, Eckart, 2020, Kaiserreich, Nationsbildung, Europa, Nationalstaat, Nationalismus, Antisemitismus, Antisozialismus

How to Cite:

Nonn, C., (2023) “Conze, Eckart: Schatten des Kaiserreichs. Die Reichsgründung von 1871 und ihr schwieriges Erbe, 288 S., dtv, München 2020.”, Neue Politische Literatur 68(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00492-9

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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2023-05-25

Peer Reviewed

Dieses Buch ist der jüngste Wiedergänger einer Debatte, die sich ebenso geräuschvoll wie unergiebig seit mehr als einem halben Jahrhundert im Kreis dreht. Eckart Conze bewegt die Sorge vor einer „Renationalisierung“ der Bundesrepublik. Diese äußere sich geschichtspolitisch unter anderem darin, das Kaiserreich neuerdings ‚durch eine rosarote Brille‘ zu sehen. Doch dessen wahre Natur sei die eines „autoritäre[n] Nationalstaat[s]“ gewesen – „ausgestattet zwar mit liberalen und demokratischen Potenzialen“, die aber nicht zum Tragen gekommen seien, weshalb sie im Buch auch kaum thematisiert werden (S. 15–17).

Das erinnert an die Praxis älterer Darstellungen Hans-Ulrich Wehlers, Wolfgang Mommsens, Volker Berghahns und Volker Ullrichs: Was nicht ins Bild passt, kommt nur in Nebensätzen vor. So konstatiert Conze, dass es zwar keinen deutschen historischen „Sonderweg“ gegeben habe. Aber das Kaiserreich dürfe auch nicht „weichgezeichnet“ werden „als ‚normale Nation‘“ (S. 20), sondern müsse als Vorgeschichte des Nationalsozialismus gesehen werden. Das gelte vor allem für den Charakter des Kaiserreichs als „Kriegsgeburt“. Dieser beständig wiederholte Begriff zieht sich wie ein Leitmotiv durch den ersten Teil des Buchs, das den „Weg zum Nationalstaat“ (S. 23) thematisiert.

Es spricht für Conze, dass er anmerkt, die deutsche Nationalgeschichte müsse im europäischen Vergleich gesehen werden, was die klassische „Historische Sozialwissenschaft“ allenfalls als Absichtserklärung formuliert, aber kaum in die Praxis umgesetzt habe (S. 21). Allerdings zieht er daraus selbst ebenso wenig praktische Konsequenzen. Dabei würde ein Vergleich der deutschen mit anderen Nationsbildungen in Europa zeigen, dass diese nahezu überall von Gewalt, von Kriegen und Revolutionen begleitet waren. Dann aber fragt man sich doch, warum die anderen durch „Kriegsgeburten“ zur Welt gekommenen europäischen Nationalstaaten sich nicht zu einer der nationalsozialistischen vergleichbaren Diktatur entwickelten. Ganz ähnlich behandelt Conze den Beginn des Ersten Weltkriegs: Er stellt zwar in einem Nebensatz fest, dass nicht allein deutsche Akteure im Juli 1914 zur Eskalation beigetragen haben, beleuchtet aber seitenweise nur die Rolle der deutschen Regierung.

In einem zweiten Hauptteil mit dem Titel „Der autoritäre Nationalstaat“ (S. 103) versucht Conze nachzuweisen, dass der „Schatten des Kaiserreichs“ zum „Scheitern der ersten deutschen Demokratie entscheidend beitrug“ (S. 13). Denn dessen Erbe sei eine Verankerung von Antisemitismus, Radikalnationalismus und Antisozialismus im gesellschaftlichen Mainstream gewesen. Dabei verschwimmen allerdings öfter die Proportionen. So suggeriert Conze, der Bund der Landwirte sei eine Organisation zur Verbreitung von Antisemitismus gewesen, der sich nur „vordergründig ein bestimmtes Interesse auf die Fahnen geschrieben“ habe (S. 148). Warum aber hat er sich dann nicht „Bund der Antisemiten“ genannt? Und warum schnitten diejenigen, die etwas Derartiges taten, namentlich die erklärten Antisemitenparteien, bei Wahlen im Kaiserreich so kläglich ab?

Warum räumt Conze auch dem radikalnationalistischen Alldeutschen Verband besonders großen Raum ein, obwohl er zugestehen muss, dass dieser mit seinen nur 18.000 Mitgliedern im Jahr 1914 „das Gegenteil einer Massenorganisation“ war? Und widerspricht die Behauptung, der Verband habe immerhin eine „enorme Öffentlichkeitswirkung“ gehabt (S. 153f.), nicht der Feststellung, dass er sich angesichts seiner durch Wahlen bescheinigten politischen Erfolglosigkeit immer weiter radikalisierte? Denn eine wachsende Mehrheit der Deutschen wählte vor 1914 SPD, Zentrum oder Linksliberale – und damit Parteien, die zwar durchaus „national“ waren oder wurden, aber eben nicht radikalnational. Wenn Conze „Radikalnationalismus“ als „bestimmendes Element der politischen Kultur“ im Kaiserreich identifiziert (S. 135), dann wirft er nach dem Vorbild von Wehler und anderen ganz verschiedene Ausprägungen von ‚nationaler‘ Gesinnung in einen Topf.

Andere nationale Verbände als die Alldeutschen handelt Conze nur knapp ab, trotz deren höherer Mitgliederzahl. Marilyn Shevin-Coetzees und Geoff Eleys Standardwerke zum Wehr- beziehungsweise Flottenverein hat er nicht konsultiert. Ihnen hätte er entnehmen können, dass gerade im größten dieser Verbände, dem Flottenverein, eine „radikalnationalistische“ Ausrichtung außerordentlich umstritten war und sich letztlich nie durchsetzen konnte. Zudem werden dort die von Conze aus Lexika übernommenen und auf Selbstangaben der Vereine selbst zurückgehenden Mitgliederzahlen korrigiert. Denn wenn man korporative und Mehrfachmitgliedschaften abrechnet, schrumpft die tatsächliche Mitgliederzahl beim Wehrverein von angeblich 360.000 auf nur noch 80.000, beim Flottenverein von angeblich über einer Million auf etwa 270.000.

Selbst der gar nicht so radikale Flottenverein hatte damit gerade einmal ein Viertel der Mitglieder der SPD. Der gehörten 1914 tatsächlich über eine Million Deutsche an, mehr als allen anderen Parteien des Kaiserreichs zusammen. Vor dem Weltkrieg wurde sie von gut einem Drittel der Stimmberechtigten gewählt, das machte sie zur stärksten Partei auch im Reichstag. Das Zentrum kooperierte 1907, die Liberalen 1912 bei den Wahlen mit der SPD. Im Weltkrieg fanden diese drei Parteigruppen, die zusammengenommen mehr als vier Fünftel der Wähler des Kaiserreichs repräsentierten, sich schließlich im Interfraktionellen Ausschuss zusammen, der die antisozialistischen Konservativen ausgrenzte und zur Keimzelle der Weimarer Koalition wurde. All das lässt auch die These einer Verankerung von Antisozialismus im Mainstream der politischen Kultur des Kaiserreichs ziemlich fragwürdig erscheinen.

Weil es wissenschaftlich sehr zweifelhaft ist, das Kaiserreich als durchtränkt von Radikalnationalismus, Antisemitismus und Antisozialismus zu zeichnen, ist es auch politisch bedenklich. Denn selbst wenn man wie ich Conzes Sorgen über die Geschichtsklitterungen der nationalkonservativen Neuen Rechten teilt: Wie effektiv kann es denn sein, darauf mit den alten Einseitigkeiten von links zu kontern? Wen will man damit überzeugen? Oder geht es wie auf der Rechten dabei auch nur um eine Selbstvergewisserung in Echokammern?

Ich kann Eckart Conze nur zustimmen, dass es wichtig ist, ein liberales, „freiheitliches Nationsverständnis“ gegen ein ethnisch-exklusives durchzusetzen (S. 15). Bei der historischen Fundierung eines solchen Nationsverständnisses wird man um die Beschäftigung mit der Nationsbildung im deutschen Kaiserreich nicht herumkommen. Dann aber bitte ohne Einseitigkeiten und Auslassungen.

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