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Einzelrezension

Thiel, Ulrich: Die Bergakademie Freiberg und das koloniale Montanwesen. Eine Studie über den Einsatz von Absolventen einer deutschen Hochschule in Kolonien vom Beginn des Lehrbetriebes 1766 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, 368 S., Solivagus, Kiel 2022.


Keywords: Review, Thiel, Urlich, 2022, Kolonialgeschichte, Bergakademie Freiberg, Bergbaustudium, koloniales Montanwesen, Bildungswege, Berufsbiografien, Bergbauexperten

How to Cite:

Wendt, H., (2023) “Thiel, Ulrich: Die Bergakademie Freiberg und das koloniale Montanwesen. Eine Studie über den Einsatz von Absolventen einer deutschen Hochschule in Kolonien vom Beginn des Lehrbetriebes 1766 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, 368 S., Solivagus, Kiel 2022.”, Neue Politische Literatur 68(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00491-w

Rights:

© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-04-04

Peer Reviewed

Ulrich Thiel hat mit seiner Studie über die Rolle der Bergakademie Freiberg als Ausbildungsstätte von Bergleuten, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Kolonien arbeiteten, eine wichtige Grundlage für weitere Forschungen gelegt. Solche Studien, die Grunddaten erheben und sie in kurzen Texten, in Statistiken und in Tabellen darstellen, sind nicht einfach zu rezensieren, denn es fehlt an dem narrativen Leitfaden, der historische Untersuchungen zumeist auszeichnet. In Thiels Buch „Die Bergakademie Freiberg und das koloniale Montanwesen“ geht es ausschließlich um solche Schüler, die im Laufe ihres Berufsweges eine Zeitlang in einer Kolonie tätig waren. Die Leser_innen befinden sich also in einer dynamischen Beziehungsgeschichte, in der beispielsweise ein historischer Akteur nicht mehr Teil der Untersuchung ist, wenn er in einem kürzlich unabhängig gewordenen Staat Lateinamerikas seinem Beruf als Bergwerksingenieur nachging. Diese Auswahl ist konsequent und erklärt eine Einschränkung in der immer noch sehr umfangreichen Untersuchung.

Für eine Geschichte des Bergbaustudiums im kolonialen Kontext finden sich neben den biografischen Darstellungen auch spannende Ansätze für eine Institutionengeschichte, bei der die Bergakademie Freiberg als Ausbildungsstätte im Mittelpunkt steht. Der Autor zieht einen kurzen Vergleich mit der Bergschule von Clausthal. Jedoch fehlt ein vergleichender Blick auf andere Bergbauschulen in diesem imperialen und internationalen Kontext, wie beispielsweise auf diejenigen von Paris, Saint-Etiènne oder Almadén, die ja ihrerseits wichtige Ausbildungsstätten auch für Menschen aus den Kolonien waren. Thiel kann zeigen, dass die größte Gruppe ausländischer Schüler in Ermangelung einer eigenen Bergbauschule aus Großbritannien stammte, während aus Frankreich mit seinen gleichaltrigen Ausbildungsstätten nur ein Eleve kam. Es entsteht dennoch ein umfassendes Bild der globalen Wirkung Freibergs, obwohl nur etwas mehr als drei Prozent der Gesamtschülerzahl überhaupt in Kolonien arbeiteten.

Die Studie fußt hauptsächlich auf Archivmaterial der Bergakademie, um Bildungs- und Berufsbiografien zu rekonstruieren. Die Schule trat über die Absolventen mit Bergbauregionen hauptsächlich im südlichen Afrika, in Australien, Niederländisch-Indien, aber auch im westlichen und östlichen Afrika, Spanischamerika und in Ozeanien in Verbindung. In wenigen Fällen entstand eine reziproke Beziehung, wenn ehemalige Schüler nach ihrer Zeit in kolonialen Bergbauunternehmen als Lehrer wieder an die Schule zurückkehrten.

Die eigentliche Untersuchung beschränkt sich auf rund 120 Seiten, die auch reichhaltiges, in Freiberg archiviertes Bildmaterial zur Verfügung stellen. Ein erster Anhang führt die wichtigsten Lebensdaten mitsamt Referenzen der rund 240 Absolventen der Freiberger Akademie auf, die im Laufe ihrer Karriere in Kolonien arbeiteten. Ein weitaus kürzerer Anhang zeigt narrativ verfasste Kurzbiografien und verschiedene statistische Darstellungen.

Die Rekonstruktion der Bildungswege und Berufskarrieren kann die Grundlage für weitere Forschungsarbeiten bieten. Individuelle Biografien oder Prosopografien von weltweit mobilen Experten können hier anschließen. Auch Studien über in Kolonialgebieten tätige Bergbauunternehmen oder die Kolonialwirtschaft allgemein können bei Thiel wichtige Informationen finden. Denn die Absolventen aus Freiberg fanden Anstellungen in vielen Branchen des Bergbaus, von Gold über Kohle bis hin zu Eisen und Asphalt in den Bereichen der Prospektion, der Kartierung, Erschließung und im Betrieb von Bergwerken. Es eröffnet sich demnach ein breit gefächertes Panorama der Karrierechancen, von denen einige einen Verwaltungsposten im Heimatland zeitweise gegen eine Anstellung in den Kolonien eintauschten.

Ulrich Thiels Buch ist ein wertvoller Beitrag zur Geschichtsschreibung des kolonialen Bergbaus. Er zeigt, dass sich Kolonialgeschichte nicht auf die kolonialen Territorien beschränkte, sondern Institutionen und Personen in europäischen Ländern Teil ebendieser waren. Er macht damit auf eine Forschungslücke aufmerksam, europäische und koloniale Verhältnisse noch stärker miteinander in Beziehung zu setzen. Damit tritt eine Gruppe von Akteuren hervor, die bisher zu sehr im Schatten von Alexander von Humboldt standen – nämlich die Bergbauexperten. Diese Personengruppe war ein Bindeglied zwischen der Schule und Unternehmen, zwischen Freiberg und unterschiedlichen Orten weltweit, zwischen lokalem Bergbauwissen in Freiberg und demjenigen im Tätigkeitsfeld. Die Entsandten schickten Berichte, Gesteinsproben und Fotos nach Freiberg und vermehrten so auch die wissenschaftlichen Grundlagen der Bergakademie. Indem Thiel diese Verbindungen aufzeigt und gleichzeitig deutlich macht, dass es sich nur um einen Teil der Geschichte der Bergakademie Freiberg handelt, leistet die Studie einen wichtigen Beitrag für ein internationales Forschungsfeld.