Angesichts einer veränderten Sicherheitslage initiierte Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher 1969 die Umgestaltung des Bundesgrenzschutzes (BGS), zu dessen erweitertem Aufgabenspektrum fortan auch die Unterstützung der Polizeien der Länder und der Schutz der Auslandsvertretungen gehörten. Zum Verbindungsmann zwischen der Sonderpolizei des Bundes und dem Ministerium wurde ein Jahr später Oberstleutnant Ulrich Wegener berufen, der Genscher während der Olympischen Spiele in München zu Sicherheitsfragen beriet. Durch das Attentat der palästinensischen Terrorgruppe „Schwarzer September“ auf die israelische Olympiamannschaft am 5. September 1972 wurde das Scheitern des erstellten Sicherheitskonzepts deutlich. Noch in der Nacht des misslungenen Versuchs, die Geiseln von der für solche Herausforderungen nicht ausgebildeten Münchner Stadtpolizei auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck befreien zu lassen, forderte Wegener von Genscher die Errichtung einer Antiterroreinheit unter seiner Führung und konkretisierte damit bereits angestellte Überlegungen.
Genscher überzeugte das Kabinett und die Innenministerkonferenz von diesem Vorschlag, sodass der Bundestagsbeschluss vom 26. September 1972 zur Gründung der Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9) führte. Nachdem er selbst an Lehrgängen israelischer Spezialkräfte teilgenommen hatte, um neue Erkenntnisse bei der Terrorismusbekämpfung zu gewinnen, begann Wegener mit dem Aufbau und der Ausbildung der Spezialeinheit am Standort Sankt Augustin. Bereits im April 1973 waren zwei Einheiten als Präzisionsschützen einsatzbereit, die in den folgenden Jahren systematisch erweitert und im engen Austausch mit dem FBI, den U.S. Special Forces sowie dem britischen Special Air Service nach internationalen Standards für komplexe Einsatzlagen jeder Art trainiert wurden.
Als 1977 die linksextremistische Gewalt in der Bundesrepublik eskalierte, wurde die GSG 9 bei der Fahndung nach dem entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer zu ersten Unterstützungseinsätzen herangezogen, ehe es infolge der Entführung der Lufthansa-Boeing „Landshut“ durch palästinensische Terroristen zur eigentlichen Bewährungsprobe kam: Unter dem Kommando Wegeners gelang in Mogadischu am 18. Oktober 1977 die Erstürmung der Maschine und die Befreiung der Geiseln. Der Erfolg der Operation „Feuerzauber“ förderte die Akzeptanz der GSG 9 in der Bevölkerung und ihr weltweites Ansehen, sie wurde zum deutschen Erinnerungsort. Bis heute wirkt der Mythos der „Helden von Mogadischu“ fort. Tradiert wird er nicht nur durch die ikonischen Bilder von der „Landshut“ und von Wegeners Magnum-Revolver, sondern auch durch die narrative Variation, wie sie beide hier zu besprechenden Bücher in ihrer kritischen Auseinandersetzung bieten.
Martin Herzog, der als Journalist beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter anderem für seine Beiträge zur GSG 9 bekannt ist, verfolgt das Ziel, die Geschichte der Spezialeinheit als „wichtigen Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte“ (S. 13) angemessen, das heißt frei von den verbreiteten Erzählstrategien der Heroisierung, Dramatisierung und Popularisierung, zu präsentieren. Obwohl viele hierzu notwendige Dokumente der Geheimhaltung unterliegen, kann sich Herzog auf ein breites, im Anhang nachgewiesenes Quellenspektrum aus mündlichen und schriftlichen Zeugnissen, Medienberichten und Akten stützen, was ihm eine multiperspektivische Rekonstruktion der Ereignisse gestattet.
Herzogs Darstellung besteht im Wesentlichen aus drei Teilen ungefähr gleichen Umfangs. Zuerst thematisiert der Autor die Gründung und den Aufbau der GSG 9 im Kontext der Olympischen Spiele 1972 (Kap. 1–6), im ausführlichsten Abschnitt widmet er sich dann dem ‚Deutschen Herbst‘ und den Folgen der mit dem Einsatz in Somalia 1977 beginnenden Mythisierung der Einheit (Kap. 7–12), ehe er die Jahre bis zum Scheitern des Einsatzes in Bad Kleinen 1993 in den Blick nimmt (Kap. 13–18). Den verbleibenden Zeitraum von knapp 30 Jahren bis zur Gegenwart handelt Herzog eher kursorisch ab (Kap. 19 und 20), dennoch vermittelt sich ein Eindruck von der Aufgabenvielfalt der GSG 9: Der Autor veranschaulicht an ausgewählten Einsätzen im In- und Ausland, darunter die Festnahme der „Sauerland-Gruppe“ (2007) im größten Antiterroreinsatz in der Bundesrepublik seit 1977, welchen Herausforderungen sich die Spezialkräfte heute stellen müssen. Er beschreibt, wie sich zunächst die politischen Reformen des BGS im deutsch-deutschen und europäischen Einigungsprozess, wie sich später auch die Neuorganisation der Behörde als Bundespolizei auf die GSG 9 auswirkten. Schließlich zeigt er, wie die neuen Formen des transnationalen Terrorismus nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Aufgabenwahrnehmung verändern. Unterbrochen wird die kausalchronologische Reihenfolge von vier kurzen Exkursen zu den Rechtsgrundlagen polizeilichen Handelns, zum Umgang der Einsatzeinheiten mit Frauen, zur Organisation der „Diensteinheit IX“ als Spezialeinheit der DDR und zur potenziellen Gefahr durch Korpsgeist in der GSG 9.
Charakteristisch für die gesamte Darstellung ist eine detailgenaue Rekonstruktion der Geschehensabläufe. Außerdem ergänzt Herzog jeden Abschnitt um sicherheitspolitische Aspekte, die aus seinem Buch weit mehr als eine Geschichte des Einsatzverbands GSG 9 machen. Methodisch versiert zeigt sich Herzog, wenn er die disparate Quellenlage kritisch überprüft: So kann die Fehleinschätzung Hans-Jürgen Wischnewskis zu den Umständen der Geiselbefreiung in Mogadischu durch die Konfrontation mit weiteren Zeitzeugenaussagen entkräftet und der nach Bad Kleinen aufgekommene „Mythos vom ‚Staatsmord‘“ (S. 383) durch die Diskussion alternativer Szenarien des Einsatzhandelns als verschwörungsideologisch motiviert entlarvt werden.
Michael Götschenberg, der als ARD-Experte für Terrorismus und Innere Sicherheit unter anderem Co-Autor der TV-Dokumentation „GSG 9 – Terror im Visier“ (2019) ist, erklärt es zum Ziel seines Buchs, einen „in der Tiefe und Breite“ (S. 14) neuartigen „Einblick in Deutschlands bekannteste Spezialeinheit geben“ (S. 11) zu wollen. Anders als Herzog fokussiert er sich dabei auf gegenwärtige Entwicklungen bei der GSG 9 und Vorschläge zu deren künftigem Umbau. Die wichtigste Informationsgrundlage des Autors sind von ihm selbst geführte und unmittelbar im Text nachgewiesene Interviews mit politischen Akteuren sowie ehemaligen und aktiven Angehörigen des Einsatzverbands. Seltener greift er auf vorhandene Literatur und andere Quellen zurück.
Götschenbergs Buch gliedert sich in 17 thematisch nur locker verbundene Kapitel, deren Anordnung keinem linearen Aufbau folgt. Die inhaltlichen Schwerpunkte ergeben sich aus dem Auftragsprofil und der Organisationsstruktur der GSG 9. Beiden nähert sich der Autor, indem er zum Beispiel über die Anforderungen an Bewerber_innen sowie deren Basis- und Spezialausbildung informiert (Kap. 13) oder über die komplizierten rechtlichen Detailfragen eines Einsatzes auf See aufklärt und sich mit der insbesondere durch Piraterie entstehenden Gefährdungslage für Schiffe auseinandersetzt (Kap. 15). Zu den originären Leistungen Götschenbergs gehört es, die Spezifika des Einsatzgeschehens immer ausgehend von konkreten Beispielen zu erläutern. Auf diese Weise lassen sich taktische Unterschiede zwischen Ad-hoc-Einsätzen mit akuter Gefährdungslage und planbaren Einsätzen mit hohem Gefahrenpotenzial (Kap. 5) ebenso nachvollziehen wie rechtliche Unterschiede zwischen polizeilichen und militärischen Handlungsoptionen im Ausland (Kap. 10). Historische Zusammenhänge werden von Götschenberg kapitelweise dargelegt oder an geeigneter Stelle retrospektiv eingeflochten. Während der Einsatz und die Folgen von Bad Kleinen in beiden vorliegenden Büchern ähnlich ausführlich beleuchtet werden, sind die Gründungsgeschichte der GSG 9 und die Geiselbefreiung in Mogadischu aufgrund der anderen Zielsetzung gegenüber Herzogs Buch erheblich reduziert. Dennoch entsteht daraus nicht notwendigerweise ein Nachteil: Da Götschenberg historische Vorgänge anhand der Erzählungen anderer Zeitzeugen erfasst, gewinnt seine Schilderung eine eigenständige, ergänzende Qualität.
Die Kapitelstruktur wirft hin und wieder Fragen auf, Kapitelüberschriften wie „Alte Männer, wilde Zeiten“ (Kap. 6) erscheinen nicht unmittelbar sinnvoll und nicht alle Kapitel besitzen denselben Informationsgehalt. Dennoch trägt Götschenberg entschieden zum Verständnis der deutschen Sicherheitsarchitektur bei. Er enthüllt die Dimension des Problems rechtsextremer Netzwerke bei Spezialeinheiten der Bundeswehr sowie in verschiedenen Landespolizeien (Kap. 12) und bestätigt – da über solche Vorfälle innerhalb der GSG 9 bisher nichts bekannt ist – ex negativo die Wirksamkeit der von ihr ergriffenen Vorbeugemaßnahmen wie die psychologisch begleiteten Eignungsauswahlverfahren oder den innerbehördlichen Kompass unhintergehbarer Werte. Bei der 2009 nach Kompetenzstreitigkeiten zwischen Innen- und Verteidigungsministerium abgebrochenen Befreiung des Containerschiffs „Hansa Stavanger“ aus der Gewalt somalischer Piraten attestiert Götschenberg den deutschen Sicherheitsorganen systemisches Versagen (Kap. 16). Schließlich umreißt er die für die GSG 9 aus den Bedrohungen durch Terrorismus und Extremismus, schwere und international organisierte Kriminalität erwachsenden Herausforderungen, welche nach schneller Verfügbarkeit und weiteren Standorten, nach Stärkung der (inter-)nationalen Kooperation und der Koordinationsaufgabe des Bundeskanzleramts in Krisenlagen verlangen (Kap. 17).
Gelegentlich fallen sowohl Herzog als auch Götschenberg zu sehr in journalistische Schreibmuster zurück. Formal überwiegen dann von mündlichem Duktus geprägte dokumentarfilmische und anekdotische Erzähltechniken. Rhetorisch werden Rezipient_innen häufig direkt durch textstrukturierende Fragen angesprochen („Warum also gibt es dieses Kapitel überhaupt?“, Götschenberg, S. 257), bisweilen auch durch kitschige („Kurz bevor sie die Maschine erreichen, erhellt eine Sternschnuppe den Nachthimmel. Groß wie der Stern von Bethlehem zieht sie leuchtend von Ost nach West.“, Herzog, S. 205) oder pathetische Passagen („[…] kommen dem Kanzler die Tränen. Schmidt – nicht gerade für seine Gefühlsausbrüche bekannt – verlässt den Raum, damit ihn niemand sieht.“, Herzog, S. 217) irritiert. Umgangssprachliche Formulierungen („Innenminister Beuth fackelte nicht lange“, Götschenberg, S. 230) und Polizeijargon („als sie ihre Ausrüstung abgerödelt hatten“, Herzog, S. 362) signalisieren einen Distanzverlust gegenüber dem Gegenstand der Beschreibung.
Indes wird dadurch keineswegs die Leistung beider Autoren geschmälert, erfolgreiche und fehlgeschlagene Polizeieinsätze aufzuarbeiten, die mit Auslandseinsätzen und Ausbildungskooperationen verbundenen politischen Interessen zu ergründen und Konflikte der Spezialeinheiten mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu beleuchten. Unter Verzicht auf eine wissenschaftlich-systematische Analyse gelingen ihnen für ein breites Publikum lesbare und informative Sachbücher, die sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Perspektive gegenseitig ergänzen, sich auch für die Lektüre ausgewählter Kapitel eignen und zum Ausgangspunkt einer vertieften Beschäftigung mit einem der genannten Themenbereiche werden können. Erstmals seit Rolf Tophovens 1977 erschienenem, lange vergriffenem Buch über die GSG 9 liegen nun zwei fundierte Gesamtdarstellungen vor, deren Verdienst es ist, der Spezialeinheit im fünfzigsten Jahr ihres Bestehens ihre Geschichte und ein Gesicht zu geben.