„Aufklärung habsburgisch“ ist ein beeindruckend gelehrtes Buch über die intellektuelle Landschaft des Habsburgerreiches von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Franz Leander Fillafer verbindet mit seinem gut 600 Seiten starken Werk den Anspruch, den Epochenbruch um 1800 weniger scharf zu zeichnen als vielfach vormals geschehen. Insbesondere auf dem Gebiet der „Staatbildung, Wissenskultur und Geschichtspolitik in Zentraleuropa“ – so der Untertitel der Studie – möchte er aufzeigen, wie sich die Gedankenwelt der Zeitgenossen kontinuierlich fortentwickelte. Starke Brüche, wie sie bereits von den Zeitgenossen durch die Kanonisierung gewisser Werke der josephinischen Zeit (S. 122) konstruiert wurden, sieht Fillafer als überzeichnet an.
Das Buch geht teilweise auf Fillafers 2012 in Konstanz eingereichte Dissertation zurück, ist 2020 erstmals bei Wallstein erschienen und liegt nun in zweiter, durchgesehener Auflage vor.
Die Studie untersucht im Detail zeitgenössische Debatten auf dem Feld des „Patriotismus und der Religion, […] der Wissenschaften wie der Bibelhermeneutik und der Naturforschung, sowie […] der Ökonomie und der Rechtsgeschichte“ (S. 497). Immer wieder kann der Autor dadurch aufzeigen, dass der vermeintliche postrevolutionäre Bruch in der Gedanken- und Ideenwelt von den Zeitgenossen selbst konstruiert wurde. Diese grenzten die Aufklärung dabei auf gewisse überzeitliche Themen ein und schlossen andere Bereiche, in denen die Aufklärer des 18. Jahrhunderts ebenfalls substanzielle Beiträge geleistet haben – etwa die Bibelhermeneutik – von ihrer Definition der Aufklärung aus, obwohl sie die intellektuellen Techniken fortsetzten.
Die große Stärke des Bandes liegt in der akribischen Quellenarbeit. Zeitgenössische Debattenzusammenhänge rekonstruiert Fillafer Kapitel für Kapitel, Thema für Thema genau und präsentiert sie in einer klaren Sprache.
Der Rezensent hätte sich jedoch eine stärkere theoretisch-methodische Fundierung oder eine intensivere Auseinandersetzung mit der rezenten Aufklärungsforschung über den Tellerrand der Habsburgermonarchie hinaus gewünscht. Das gilt insbesondere deshalb, weil das Buch den Anspruch erhebt, auch über das geografische Fallbeispiel Habsburg hinaus Gültigkeit zu besitzen und Anregungen für eine Reevaluierung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu bieten. Reform und Revolution seien ein Kontinuum, so Fillafer überzeugend für die Habsburgermonarchie (etwa S. 331–333). Um diesen Befund auf andere – auch weitere zentraleuropäische – Räume zu übertragen, wäre es sicherlich hilfreich gewesen, etwa den Wissensbegriff, der der Studie zugrunde liegt, genauer herauszuarbeiten. Dadurch wäre es möglich gewesen, schneller eine Anschlussfähigkeit an Forschungen auf dem Feld der Wissensgeschichte herzustellen. So bleibt es Aufgabe der Leserin, diese Verbindungen in der detailreichen Darstellung selbst herauszulesen.
Dazu allerdings bietet das Buch reichhaltige Gelegenheit. Es ist jedem zu empfehlen, der sich der Komplexität der Staatsbildungsprozesse in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und deren Ideengeschichte nähern möchte. Es bietet Widersprüchlichkeiten und ‚langen Linien‘ viel Raum. Dadurch entsteht ein komplexes Bild der Gedankenwelt habsburgischer Beamter und Wissenschaftler in den Bereichen des Rechts, der Ökonomie und der Geisteswissenschaften.
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