Im Jahr 2013 entbrannte in der Bundesrepublik Deutschland eine „Pädophilie-Debatte“ (Klecha, Stephan/Hensel, Alexander: Irrungen oder Zeitgeist? Die Pädophilie-Debatte und die Grünen, in: Walter, Franz/Klecha, Stephan/Hensel, Alexander [Hrsg.]: Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte, 2015). In deren Fokus standen die Partei Bündnis 90/Die Grünen und deren Haltung gegenüber Pädophilie und der sogenannten Pädophilen-Bewegung in den 1980er Jahren. Damals hatten Teile der Partei die Straffreiheit sexueller Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen gefordert. Mit der Frage, wie sich das Diskursfeld Pädophilie seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland verändert hat, beschäftigt sich die Kulturwissenschaftlerin Katrin M. Kämpf in ihrem Buch „Pädophilie. Eine Diskursgeschichte“. Grund hierfür ist eine von ihr festgestellte Forschungslücke: „Eine ausführlichere kulturwissenschaftliche Analyse, die aus dekonstruktivistischer Perspektive sexualitäts- und medizingeschichtliche Aspekte des deutschsprachigen Pädophiliediskurses und seine biopolitischen Verknüpfungen mit anderen Diskursfeldern in den Mittelpunkt stellt, ist bislang […] weitestgehend ein Forschungsdesiderat geblieben“ (S. 21).
In ihrer Analyse stützt sich Kämpf in erster Linie auf sexualmedizinische Schriften. Außerdem bezieht sie kriminologische und sozialwissenschaftliche Sichtweisen auf Pädophilie, den pädophilen Mann und auch die pädophile Frau ein. Zu Beginn ihrer Arbeit nimmt die Darstellung von Richard von Krafft-Ebings Kategorie der „Pädophilia erotica“ großen Raum ein. Dieser ist auch gerechtfertigt, denn später nimmt Kämpf immer wieder darauf Bezug. „Pädophilia erotica“, so der Psychiater Krafft-Ebing Ende des 19. Jahrhunderts, sei eine „krankhafte Disposition, eine psychosexuale Perversion“. Bei Pädophilen handele es sich um „belastete Individuen“, die eine primäre „Neigung zu unreifen Personen“ hätten, ihre diesbezüglichen Vorstellungen seien „in abnormer Weise und zudem mächtig von Lustgefühlen betont“. Falls sie übergriffig würden, bestünden ihre „delictuösen Akte“ jedoch ausschließlich „in blosser unzüchtiger Betastung und Onanisirung der Opfer“ (zit. auf S. 15).
Neben Krafft-Ebings Definition von Pädophilie, die Kämpf als „zutiefst vergeschlechtlichtes und bürgerliches Konzept“ (S. 55) charakterisiert, stellt die Autorin im ersten Teil ihres Buches unter anderem die Sichtweise Sigmund Freuds auf Pädophilie vor und arbeitet die Differenzen zu Krafft-Ebing heraus. Bei den unterschiedlichen Konzepten von Pädophilie, die Kämpf analysiert, geht es stets auch um die Frage, welche Rolle Sexualität und Kindern/Kindheit zugeschrieben wird. Gerade bei den Autoren und Aktivisten im frühen 20. Jahrhundert ist jedoch vieles „weitgehend unbestimmt“ (S. 103) geblieben.
Ausführlich befasst sich Kämpf im mittleren Teil ihres Buches mit dem Pädophilie-Konzept im Nationalsozialismus. Es dominierte das Bild des ‚Kinderschänders‘, das zudem antisemitisch aufgeladen war. Dies zeigte sich unter anderem in dem nationalsozialistischen Wochenblatt „Der Stürmer“, das Kämpf ausgewertet hat. Dort wurden Sexualverbrechen gegenüber Kindern als „spezifisch jüdisch“ (S. 153) deklariert. Mehr noch: Sexualisierte Gewalt gegen Kinder wurde damals als Verschwörung der Jüdinnen und Juden gegen das deutsche Volk gedeutet, welches durch die Zerstörung von Familien geschwächt werden sollte. Unter anderem dadurch kam es zu einer „Verquickung von Kinderschänder- und Volksgemeinschaftsdiskurs“ (S. 161), die Kämpf en détail und gut nachvollziehbar herausarbeitet. „Arbeiten zu Pädophilie“, so die Autorin, seien dagegen im Nationalsozialismus „sehr selten“ (S. 123) gewesen. Fand der Pädophilie-Begriff Verwendung, dann habe er „oft als eine Art Überbegriff für alle möglichen Arten sexualisierter Übergriffe auf Kinder“ (S. 148) gedient.
Es folgt ein plötzlich einsetzendes, aber interessantes Kapitel über den Pädophilie-Diskurs in der DDR, der erwartungsgemäß anders als der westdeutsche verlief. Den Diskurs in der Bundesrepublik Deutschland über Pädophilie thematisiert Kämpf im letzten Teil ihres Buches, wobei sie vor allem den 1950er, 1960er und 1970er Jahren viel Raum gibt, einschließlich der „Sexuellen Revolution“. Diese schuf den Nährboden für die Forderung, sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern müssten aufgrund ihrer ‚positiven‘, zumindest ‚nicht schädlichen‘ Wirkungen auf das Kind straffrei bleiben.
Schade ist, dass die Zeit ab den 1980er Jahren vergleichsweise knapp dargestellt wird. Man merkt zum Ende des Buches immer mehr, dass Kämpf vor allem das späte 19. Jahrhundert sowie die 1900er bis 1970er Jahre interessiert haben. Wer sich zum Beispiel für die eingangs erwähnte „Pädophilie-Debatte“ um die Grünen informieren will, ist in Kämpfs Buch falsch. Auch Helmut Kentlers zu Recht problematische Perspektiven auf Pädophilie und der „Kentler-Skandal“, der seit 2013 in Medien und Wissenschaft thematisiert wird, werden nur kurz in zwei Fußnoten abgehandelt. Überhaupt ist das Buch eher an ein wissenschaftliches Publikum als an eine breitere Leserschaft adressiert, denn Kämpf schreibt gern verschachtelte, über mehrere Zeilen gehende Sätze und greift zudem häufig auf ein elaboriertes Vokabular zurück, das im Alltag eher wenig Anwendung findet, wie zum Beispiel Kasuistik (S. 75), eklektisch (S. 204 und S. 238) oder ich-dyston (S. 233). Auch werden zahlreiche Fachbegriffe wie beispielsweise Ephebophilie, Hebephilie, Medikalisierung und Neo-Malthusianer, aber auch für das Buch so zentrale Termini wie Technosecurity und Biopolitik nicht oder lediglich sehr knapp definiert.
Positiv hervorzuheben sind die übersichtliche Gliederung, die Zwischenfazite und die teilweise, gerade zu Beginn sehr ausführlichen Textanalysen, denen man als Leser_in gut folgen kann. Insgesamt ist Kämpf ein wichtiges Werk gelungen, denn erstmals werden die Wandlungen des Begriffs „Pädophilie“ seit dem 19. Jahrhundert bis heute tiefschürfend dargestellt.