Die Computerisierung zählt zu den global prägendsten Phänomenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die historische Forschung der vergangenen Jahre entwickelte vielfältige Ansätze zu diesem Thema. Überblickswerke beschäftigen sich meist mit der Entwicklung technischer Artefakte. Arbeiten wie David Gugerlis „Wie die Welt in den Computer kam“ (2018) fokussieren zudem seit einiger Zeit vermehrt auf die Wechselwirkungen zwischen technischen Veränderungen, Praktiken und Märkten.
Frank Bösch stellt im Einleitungskapitel des hier besprochenen Sammelbands über „Wege in die digitale Gesellschaft“ allerdings fest, dass sich die deutsche Forschung bislang noch wenig mit der Computerisierung speziell in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt habe. So hätten bisherige Arbeiten die „Konstellationen, Argumente und sozialen Praktiken, in denen sich Computer etablierten“ (S. 7) für die Bundesrepublik kaum historisch analysiert. Mit dem Sammelband solle nun dazu beigetragen werden, die Beziehung zwischen digitaler Technik und sozialem Wandel in der BRD zu beleuchten. Der zeitliche Schwerpunkt liegt hierbei auf der Nutzung des Computers vor der Verbreitung des PCs und des World Wide Webs in den 1990er Jahren. Mit dem Fokus auf „Diskurse [...] und Praktiken des Computereinsatzes“ (S. 8) sollen unter anderem Rückschlüsse auf zeithistorisch bedeutsame Themen wie Verwaltung, innere Sicherheit und Arbeit möglich werden. Der Computer sei in diesen Bereichen nicht schlichter ‚Motor‘ für Veränderungen, sondern dessen Einsatz vielfach eine Reaktion auf neue Problemlagen der Zeit. Für den Charakter der Entwicklung verweist Bösch auf die im Untertitel genannten „Wege“, welche die graduellen und divergierenden Pfade der Computerisierung verdeutlichten. Dem Themenkomplex wird sich im Buch in drei Abschnitten angenähert: „Sicherheit und Kontrolle“, „Digitale Arbeitswelten“ und „Alternative Nutzungsformen“.
Rüdiger Bergien befasst sich im ersten Abschnitt mit dem Aufbau computergestützter Überwachungspraktiken bundesdeutscher Sicherheitsbehörden. Dabei ordnet er die zeitgenössisch geübte Kritik am ‚Überwachungsstaat‘ und Eingeständnisse für mehr Datenschutz zu Beginn der 1980er Jahre nachvollziehbar ein, indem er diese zu bereits zuvor entstandenen Methoden der Kriminalitätsbekämpfung mittels Computer in Relation setzt. Constantin Goschler, Christopher Kirchberg und Jens Wegener setzen sich mit elektronischen Datenverbundsystemen westdeutscher und amerikanischer Sicherheitsapparate sowie deren Einwirkung auf das Spannungsfeld von Sicherheit, Demokratie und Transparenz auseinander. Zwar betonen die Autoren, dass sie zunächst nur Fragen für die weitergehende Forschung aufwerfen möchten, verbleiben aber hinsichtlich des Schwerpunkts des Sammelbands wenig konkret. So bieten sie kaum Anhaltspunkte, inwiefern sich die technische Entwicklung der „neuartige[n] Sichtbarmachungsinstrumente“ (S. 84) und die sich verändernden Sicherheitsansprüche gegenseitig beeinflussten.
Für den zweiten Teil sind die aussagekräftigen Studien von Martin Schmitt und Thomas Kasper zur Computerisierung der Bankenwelt beziehungsweise der Rentenversicherung hervorzuheben. Beide stellen für die jeweilige Branche heraus, wie Computer schrittweise eine elementarere Rolle in den Arbeitsprozessen einnahmen. Schmitt charakterisiert dabei die von ihm untersuchten Banken und Sparkassen als „Prozessoren der Computerisierung“ und „Proto-Orte […] des Digitalen Zeitalters“ (S. 128f.). So sei beispielsweise die massenhafte Eröffnung von Girokonten erst über die Zuhilfenahme von Computersystemen realisierbar geworden. Kasper argumentiert in seinem Artikel schlüssig, dass die Rentenreform von 1972 erst über die digitale Datenverarbeitung möglich wurde. Mit der Schaffung des elektronischen Versicherungskontos sei zudem eine bessere Informationsmöglichkeit für die Versicherten und damit größere Transparenz generiert worden. Paul Erkers Beitrag zur Computerisierung bei den Stadtwerken München fällt gegen diese empiriegesättigten Studien etwas ab. Hier hätte ein engerer zeitlicher Rahmen oder die Fokussierung auf eine Teilaufgabe des Betriebs voraussichtlich griffigere Ergebnisse erzeugen können. Somit verbleibt es auch bei dem eher allgemeingültigen Fazit, dass sich für den Computereinsatz der Stadtwerke „keine technologische Linearität“ ausmachen lasse, sondern sich Geräte und Software unterschiedlichen Alters überschnitten und ergänzten (Vgl. S. 194f.).
Den Auftakt zum letzten, inhaltlich heterogensten Abschnitt bildet eine vergleichende Untersuchung west- und ostdeutscher Hackerkulturen von Julia Gül Erdogan. Hierfür rückt sie deren Vergemeinschaftung und die Auseinandersetzung über freien Zugang zu Software und Informationen in den Fokus. Die Autorin kann im Vergleich ähnliche Praktiken, Handlungsmaxime und Werte, etwa in Bezug auf freien Informationsaustausch und kreative Computeranwendung, empirisch stichhaltig identifizieren. Einen ähnlich nutzerorientieren Ansatz verfolgt Gleb J. Albert in seinem Beitrag. Hierin fragt er nach transnationalen Verflechtungen der „Cracker“, sprich primär jugendlicher Heimcomputernutzer, welche den Kopierschutz von Software ausschalteten und dann verbreiteten. Mit dieser Studie eröffnet Albert eine wichtige Perspektive auf die differierende Computeraneignung im privaten Bereich, zu der eben auch derartiger misuse gehörte.
Die Beiträge des Sammelbandes decken somit verschiedene Themen, Untersuchungsgegenstände und Zugänge ab und eröffnen ein breites Panorama der Computerisierung in der BRD. Die Diversität der Ansätze geht jedoch teils mit einer ungleichen Aussagekraft über die tatsächliche Computeraneignung und -nutzung einher. Arbeiten wie von Schmitt und Kasper können sehr gut die mit der Computerisierung verbundene Entwicklung branchenspezifisch greifbar machen und sowohl Rationalisierungseffekte als auch den Ausbau des Dienstleistungssektors beleuchten. Mehr nutzer- und praxisorientierte Ansätze wären jedoch auch im Abschnitt über die Arbeitswelten wünschenswert gewesen. So bleiben die alltäglichen Erfahrungen von Beschäftigten und Kunden bei der Konfrontation mit der sich verändernden Technik größtenteils außen vor. Trotzdem werden zahlreiche Erkenntnisse für die von Bösch im Einleitungskapitel genannten Themen der Zeitgeschichte geboten und ermöglichen so Rückschlüsse auf das Verhältnis von Computern und sozialem Wandel.
Funding
Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL.