Dass Juristen sich mit Literatur beschäftigen und selbst Literatur produzieren, ist nichts Ungewöhnliches. Als Beispiele seien hier nur Johann Wolfgang von Goethe, E. T. A. Hoffmann sowie in neuerer Zeit Horst Ehmke und Tonio Walter genannt. Dass auch der sogenannte „Kronjurist des Dritten Reichs“ (Waldemar Gurian) Carl Schmitt literarisch interessiert und tätig war, ist nicht unbekannt.
Nun liegt mit dem Buch von Andreas Höfele erstmals eine systematische Untersuchung dieses Feldes vor. Höfele bringt dafür eine dreifache Voraussetzung mit. Zum einen hat er selbst als Schriftsteller mit Erzählungen, Novellen und Romanen debütiert, von denen hier nur „Das Tal“ (1975) und „Die Heimsuchung des Assistenten Jung“ (1978) genannt seien, zum anderen weiß er als zeitweiliger Professor für Theaterwissenschaft seinen Stoff zu inszenieren. Darüber hinaus haben sich seine Professur für Anglistik und frühere Präsidentschaft der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft in den Kapiteln 3 und 7 sowie in der nicht ins Deutsche übersetzten Monografie „No Hamlets. German Shakespeare from Nietzsche to Carl Schmitt“ (Oxford UP, 2016) niedergeschlagen. Der Autor ist für seine Aufgabe also mehrfach prädestiniert und konnte sich außerdem auf die Hilfe des Nestors der Carl-Schmitt-Forschung Gerd Giesler stützen.
Neben Einleitung und Epilog enthält das Buch acht fast gleich lange Kapitel, die alle für sich sehr lesenswert sind, auf die im Detail hier aber nicht eingegangen werden kann.
In der Einleitung legt Höfele sein Erkenntnisinteresse dar. Er versucht sich an einer „Gesamtschau“ (S. 12), „erhebt [aber] nicht den Anspruch auf enzyklopädische Vollständigkeit […], sondern konzentriert sich auf die in den verschiedenen Phasen seines [Carl Schmitts] langen Lebens jeweils wichtigsten Autoren, Werke und Figuren der Literatur. Betrachtet werden sollen die intellektuellen und persönlichen Konstellationen und die durch diese Konstellationen gebildeten ‚Denkräume‘ (Dieter Henrich), von denen Schmitts Umgang mit Literatur geprägt ist und in denen er Resonanz findet“ (ebd.). Aber auch erste Ergebnisse nimmt Höfele in der Einleitung bereits vorweg: Schmitt wird „die Literatur zum Fundus, auf den seine Kultur- und Zeitkritik, seine politisch-theologische Großerzählung vom Niedergang des neuzeitlichen Europas und vom eschatologischen Ziel der Geschichte immer wieder zurückgreift“ (S. 10).
Insgesamt stellt Höfele vier „Modalitäten“ (S. 15) heraus, die Schmitts Verhältnis zur Literatur charakterisieren: „1. Er hat mit Literaten und Dichtern verkehrt. 2. Er hat über Literatur geschrieben. 3. Er hat selber literarische Texte verfasst. 4. Und er hat Figuren und andere Fundstücke aus der Literatur für seine Welt- und Selbstdeutung verwertet“ (ebd.).
Danach geht der Autor weitgehend chronologisch vor. Auf Schmitts Satire „Schattenrisse“, noch unter Pseudonym veröffentlicht, folgt eine Studie über Theodor Däublers esoterisches Werk „Das Nordlicht“, in der Schmitt „eine einzige Kampfansage an die bürgerlich-liberale Moderne“ (S. 67) gibt.
Das nächste Kapitel „Der Othello-Komplex“ widmet sich Schmitts „Intimdramatik“ (S. 155), worunter dessen unglückliche erste Ehe mit einer Betrügerin verstanden wird. Die Thematik spiegelt aber auch gleichzeitig die politische Lage, wie sie Schmitt analysiert, wider: „Die Begriffe, mit denen er Mitte der zwanziger Jahre Othellos Ehe auf den Punkt bringt, korrespondieren mit den gleichzeitig entwickelten Überlegungen zum Begriff des Politischen und zum Gegensatz von Parlamentarismus und moderner Massendemokratie“ (S. 191). Bei den genannten Begriffen handelt es sich um ‚Homogenität‘ und ‚Heterogenität‘, die auch heute in der Diskussion der rechten identitären Bewegung eine wichtige Rolle spielen.
Es folgt eine Betrachtung zu Schmitts „zweitem Lebensdichter“ (S. 195) Konrad Weiß, dem er „wesentliche Elemente seines Denkinventars“ (S. 211) verdankt. Hier sei nur das Diktum von der „eigentlichen katholischen Verschärfung“ (S. 212) genannt. Beide Autoren verbindet eine antiliberale Geschichtsphilosophie, die sich ebenfalls gegen die Moderne richtet.
Das nächste Kapitel behandelt Herman Melvilles „Benito Cereno“, worin Schmitt eine Art „Selbstporträt“ erblickt: „Im historisch verbrämten Selbstbildnis hat der unabhängige Geist, von der Welt verkannt, allein sich selbst“ (S. 287). Höfele weist jedoch Schmitts Deutung als „plumpen Versuch einer Selbstexculpation“ (S. 291) zurück.
Das interessanteste Kapitel lautet „Hamlet in Plettenberg“. Für Schmitt wird „Hamlet zur Symbolgestalt, in der sich die Spiegelung seiner eigenen Situation mit dem Schicksal Deutschlands und Europas überschneidet“ (S. 408f). Er sieht sich „als Sündenbock und einsamer Wahrheitssucher in einer korrupten Welt“ (S. 409), der zum „Hamlet von Plettenberg“ gemacht wird beziehungsweise sich selbst dazu macht. Bis zum Lebensende sucht er „Hamlet-Inkarnationen“ (S. 450), die als „Inkarnationen des Katechon […] als Träger einer Kraft, […] das Ende aufhält und den Bösen niederhält“ (S. 450). Das Kapitel endet mit dem DDR-Dramatiker Heiner Müller und seinem Theaterstück „Die Hamletmaschine“ von 1979/1990, der Schmitts Deutung seitenverkehrt nochmals aufgreift (vgl. S. 452ff.).
Im letzten Kapitel „Schmitt contra Blumenberg“ betrachtet Höfele vor allem die sprachlich-stilistischen Aspekte, wobei er sich nicht vor eindeutigen Urteilen scheut: „In der Echokammer seines Begriffsarsenals steigern sich Schmitts ostentativ bravouröse (oder auch rumpelstilzchenhaft cholerische) Drehungen und Wendungen zum Erregungs-Stakkato einer kulturpessimistischen Kassandra“ (S. 481). Dass dahinter auch eine Strategie Schmitts steckt, legt Höfele klar offen: „Sprachlich-stilistische Normabweichung – das heißt Normabweichung durch Literarisierung – wird zum Signum wissenschaftlicher Normabweichung, sie markiert die exzentrische Position des Autors und betont das Pathos seines Außenseitertums“ (S. 486).
Das Buch ist nicht nur in einer klaren, sehr gut lesbaren Sprache verfasst, sondern geht Schmitts Mythen auf den Grund und lässt sich nicht von dessen ‚Nebelkerzen‘ irritieren.
Wenn es etwas an dem Buch auszusetzen gibt, so sind dies zwei Aspekte, gegen die sich der Autor aber bereits im Vorwort gewappnet hat. Erstens stellt sich die Frage, welchen Literaturbegriff Höfele zugrunde legt. Gerade das Blumenberg-Kapitel lässt dies fragen, da es in dieser Kontroverse nicht primär um Literatur ging. Zweitens fehlen doch einige Autoren, wie zum Beispiel die französischen, spanischen und russischen. Zu letzteren sei nur auf die neueste Studie von Helmut Lethen „Der Sommer des Großinquisitors. Über die Faszination des Bösen“ (2022) verwiesen. Aber nicht nur an Klassikern ist Schmitt interessiert. So empfiehlt er zum Beispiel dem liberalen Journalisten Rolf Schroers die Lektüre von Stefan Heyms Roman „Lassalle“, womit nicht unbedingt zu rechnen war.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass der Autor seinem Ansatz voll und ganz gerecht wird und dem Buch eine große Leserschaft zu wünschen ist.