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Einzelrezension

Holzhauser, Thorsten: Demokratie, Nation, Belastung. Kollaboration und NS-Belastung als Nachkriegsdiskurs in Frankreich, Österreich und Westdeutschland (Historische Zeitschrift, Beiheft 80), 186 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2022.


Keywords: Review, Holzhauser, Thorsten, 2022, NS-Beslastung, Kollaboration, Nachkriegsdiskurs, Entnazifizierung, Demokratisierung, Nation, Diskursgeschichte

How to Cite:

Thonfeld, C., (2023) “Holzhauser, Thorsten: Demokratie, Nation, Belastung. Kollaboration und NS-Belastung als Nachkriegsdiskurs in Frankreich, Österreich und Westdeutschland (Historische Zeitschrift, Beiheft 80), 186 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2022.”, Neue Politische Literatur 68(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00476-9

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-04-24

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Zur Sanktionierung von Formen politischer Belastung aus der NS-Zeit wurde in Deutschland und Österreich im Rahmen der ‚Entnazifizierung‘, in Frankreich mit der sogenannten Épuration ein verfahrensförmiger Umgang gefunden. Die deutsche Forschungsdiskussion zur Entnazifizierung war lange vom Kontrast zwischen dem systemverändernden ostdeutschen und dem funktionsorientierten westdeutschen Vorgehen geprägt beziehungsweise von der Gegenüberstellung von ‚Säuberung ohne Demokratie‘ und ‚Demokratie ohne (oder zumindest mit zu wenig) Säuberung‘. Der daraus für Westdeutschland abgeleitete kritische Diskurs, der von einer Restauration oder sogar Renazifizierung westdeutscher Behörden in den 1950er und 1960er Jahren sprach, wurde durch das Ende der Ost-West-Systemauseinandersetzung um 1990 überschrieben. Da Gesellschaftsordnung und politisches System Westdeutschlands sich faktisch als erfolgreicher erwiesen hatten, erschien auch deren Umgang mit NS-Belastungen retrospektiv in einem milderen Licht. Der flächige Befund vom Scheitern der Entnazifizierung wird seither einer genaueren Betrachtung unterzogen. Kurz- und langfristige Auswirkungen des Umgangs mit NS-Belastungen gerieten konkreter in den Blick, so auch die „Amnestiepolitik in den Bonner Anfangsjahren“ (Norbert Frei, 1996). Erkenntnisinteressen verschoben sich von der Feststellung nomineller Mitgliedschaften in NS-Organisationen hin zur Erkundung von Erfahrungsprägungen, Handlungsspielräumen und der Anpassungsbereitschaft historischer Akteur_innen sowie korrespondierender Narrative (Hanne Leßau, 2020). Zudem wurde deutlich, dass sich diese Debatte aus der ost-west-deutschen Systemverklammerung lösen und den Blick über den Tellerrand der Nachfolgestaaten des ‚Dritten Reichs‘ hinaus wagen musste.

An diesen Punkten knüpft die Studie von Thorsten Holzhauser an. In methodischer Hinsicht geht es ihm darum, die starke moralische Rahmung der zeitgenössischen Debatte um die Entnazifizierung bis Mitte der 1950er Jahre nicht nur von außen zu bewerten, sondern hinsichtlich ihrer inneren Konstruktionsbedingungen zu befragen. Er untersucht dazu in diskursgeschichtlicher Hinsicht, wie einschlägige Begrifflichkeiten geprägt und verändert wurden, um sich wandelnden politischen Deutungsambitionen und gesellschaftlichen Repräsentationsansprüchen Ausdruck zu verleihen. Die titelgebende Trias aus Demokratie, Nation und Belastung beschreibt der Autor als Angelpunkte dieser Verschiebungen, aus denen die Demokratie offensichtlich als Erstplatzierte hervorging.

Holzhauser präpariert heraus, wie die Nation das eigentliche Zentrum des Diskurses war und blieb. Zu ihrer Rehabilitierung nach dem Scheitern von Diktatur und Kollaboration bedurfte sie zunächst der Säuberung, um ihre Integrität wiederherzustellen und der Demokratie, um Legitimität repräsentieren zu können. Waren diese Prozesse einmal durch Staatsneu- beziehungsweise -wiedergründungen etabliert, wendete sich relativ schnell das Blatt. Säuberung und Demokratie gerieten nun verstärkt in ein Spannungsverhältnis zueinander (S. 27), weil sie sich zunehmend an den Bedarfen der rehabilitierten Nationen beziehungsweise ihrer Mehrheitsgesellschaften ausrichten mussten. Maßstab dieser Ausrichtung waren nicht Verbrechen an Opfern von Verfolgung und Massenmord, sondern das Verhältnis, in welches sich Täter und Tatverdächtige zum nationalen Kollektiv setzten (S. 130). Dabei ist im Gesamttrend zunächst eine relativ große Übereinstimmung zwischen den untersuchten französischen, österreichischen und westdeutschen Kontexten bemerkenswert, weil sich die Ausgangsbedingungen zwischen dem von Besatzung, Kollaboration und Widerstand polarisierten Frankreich, dem für Verfolgung und Krieg hauptverantwortlichen Deutschland und dem an Verfolgung und Krieg mitbeteiligten, sich jedoch als Opfernation wahrnehmenden Österreich deutlich unterschieden.

In den Details werden daher auch einige wichtige Differenzen sichtbar. Die anfängliche Schärfe des politischen Diskurses der NS-Belastung hatte in Österreich im Vergleich zu Frankreich weit weniger Rückhalt in der Bevölkerung (S. 49). Der prominent verwendete Begriff der Freiheit hatte in Frankreich und Österreich gegenwärtige Resonanz, während er in Westdeutschland erst als Zielpunkt einer gesetzlich verordneten Säuberung erschien (S. 58). Mit der Säuberung verband sich in Westdeutschland und Österreich unmittelbar eine Aussicht auf Rehabilitierung, die den Weg zur „Mitläuferfabrik“ (Lutz Niethammer, 1982) ebnete, während Frankreich länger an der kategorialen Unterscheidung ‚guter‘ und ‚schlechter‘ Bürger festhielt (S. 62). Im Ergebnis setzte eine gezielte Reintegrationspolitik in Österreich merklich schneller ein als in Frankreich und Westdeutschland (S. 76).

Holzhausers Studie differenziert die Forschungslandschaft zur Entnazifizierung weiter aus. Die bekannte These der Behinderung der Demokratisierung durch Reintegration NS-Belasteter wendet er dahingehend, ob nicht der Prozess der Redemokratisierung aus sich heraus auf diese Reintegration abzielen musste. Die Diskreditierung der Säuberung von links als „nicht weitgehend genug“ wird insofern historisiert, als Holzhauser sie – im Gegensatz zum Diskurs der „steckengebliebenen Revolution“ nach dem Ersten Weltkrieg – weniger als faktischen Befund, sondern eher als Ausdruck der zeitgenössischen Enttäuschung darüber wertet, dass Säuberung und nationale Rekonstruktion zunehmend in Widerspruch miteinander gerieten. Zuletzt zeigt sich auch der Vorteil einer europäisch geweiteten Perspektive, in der die in Frankreich besonders ausgeprägte „binäre Diskurslogik“ (S. 142) von ‚Gut und Böse‘ sich in den größeren Zusammenhang mehrerer anderer während des Zweiten Weltkriegs deutsch besetzter Länder einordnen lässt.