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Einzelrezension

Landa, Ishay: Der Lehrling und sein Meister. Liberale Tradition und Faschismus, übers. v. Raul Zelik, 408 S., Dietz, Berlin 2021 (engl. 2009).


Keywords: Review, Landa, Ishay, 2021, Ideengeschichte, Faschismus, Liberalismus, Intellektuelle, italienischer Faschismus, deutscher Nationalsozialismus, faschistische Autoren

How to Cite:

Schieder, W., (2023) “Landa, Ishay: Der Lehrling und sein Meister. Liberale Tradition und Faschismus, übers. v. Raul Zelik, 408 S., Dietz, Berlin 2021 (engl. 2009).”, Neue Politische Literatur 68(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00475-w

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-04-21

Peer Reviewed

Wenn es je einen Beweis dafür gegeben haben sollte, dass man das historische Phänomen des Faschismus nicht allein ideengeschichtlich beschreiben kann, dann liefert ihn das Buch des israelischen Historikers Ishay Landa. Der Faschismus wird darin als rein intellektuelles Produkt von zudem noch ziemlich willkürlich ausgewählten Intellektuellen dargestellt. Von einer realhistorischen Kontextualisierung fehlt jede Spur. Nur indirekt geht aus dem Buch gelegentlich hervor, dass Landa offenbar lediglich den italienischen und den deutschen Nationalsozialismus als ‚Faschismus‘ versteht. Eine Aussage darüber, dass der italienische Faschismus, der von Benito Mussolini regelrecht erfunden wurde, Vorbildcharakter hatte, sucht man hier vergeblich. Richtig ist daran zwar, dass es nur in Italien und Deutschland zu einer faschistischen Regimebildung gekommen ist, während es in allen anderen europäischen Ländern in der Zwischenkriegszeit sonst nur faschistische Bewegungen gegeben hat. Dass dieser Unterschied jedoch ein zentrales Problem der Faschismusforschung darstellt, kommt dem Autor nicht in den Sinn.

Wie wenig er auch über die faschistischen Regime in Italien und Deutschland Bescheid weiß, kann an einem Beispiel gezeigt werden. Landa bezeichnet Alfredo Rocco als „prominenten Führer der faschistischen Bewegung“ (S. 145), obwohl dieser erst 1923 aus der konkurrierenden nationalistischen in die faschistische übergewechselt ist. Rocco hat zwar als Jurist die wichtigsten Diktaturgesetze Mussolinis formuliert, er war jedoch nie in der faschistischen Partei, schon gar nicht in deren Führungsriege aktiv. Unzutreffend bezeichnet Landa auch Carl Schmitt als einen der „klügsten Intellektuellen, die sich dem Faschismus anschlossen“ (S. 172) – auch dieser hatte aktiv weder etwas mit der NSDAP noch mit der SA zu tun. Die eigentlichen intellektuellen Wortführer des Italofaschismus wie Giuseppe Bottai oder Giovanni Gentile beziehungsweise des Nationalsozialismus wie Joseph Goebbels oder Alfred Rosenberg kommen in dem Buch so gut wie nicht vor. Selbst Adolf Hitler und Benito Mussolini werden als Programmatiker nicht systematisch behandelt.

Landa vertritt in seinem Buch durchgehend eine einzige These, nämlich die, dass der Faschismus aus dem Liberalismus entstanden sei. Dafür greift er weit zurück, bis Alexis de Tocqueville und Thomas Carlyle, bis Edmund Burke und Herbert Spencer. Wenn die für ihn präfaschistischen Autoren nicht in seine Interpretation passen, bezeichnet er sie kurzerhand als „antiliberale Liberale“ (S. 121). Zu diesen rechnet er sogar Arthur Moeller van den Bruck, dessen skeptische Frage „Italia docet“ er jedoch nicht einmal kennt. Dass Georges Sorel, Oswald Spengler, Vilfredo Pareto und Gaetano Mosca von Landa als im Ursprung liberale Protofaschistischen angesehen werden, kann nicht überraschen, ist aber wenig überzeugend. Sie als Ultranationalisten zu bezeichnen, verschiebt nur das Problem, trägt aber nicht zur Erklärung des Faschismus bei.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass es sich bei Landas „Lehrling und sein Meister“ um ein intellektuell prätentiöses Buch handelt, dessen Anspruch, eine neue These zur Interpretation des Faschismus vorzulegen, jedoch nicht zu überzeugen vermag. Der Faschismus wird in dem Buch letzten Endes nur aus der Sicht von Autoren behandelt, die ihn von außen sehen.