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Einzelrezension

Rupflin, Barbara: Umkämpfte Menschenrechte. Katholische Kirche und Militärdiktatur in Argentinien (1976–1983), 308 S., Böhlau, Köln u. a. 2022.


Keywords: Review, Rupflin, Barbara, 2022, Menschenrechte, Argentinien, Militärdiktatur, Katholische Kirche, Bischofsdokumente, innerkirchliche Aushandlungsprozesse, Aneignung

How to Cite:

Straßner, V., (2023) “Rupflin, Barbara: Umkämpfte Menschenrechte. Katholische Kirche und Militärdiktatur in Argentinien (1976–1983), 308 S., Böhlau, Köln u. a. 2022.”, Neue Politische Literatur 68(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00474-x

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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2023-04-24

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Die Haltung der katholischen Kirche Argentiniens zur Menschenrechtsfrage während der jüngsten Militärdiktatur von 1976 bis 1983 ist gut dokumentiert und erforscht. Überwiegend wird der Kirche eine zu große Regimenähe oder gar eine komplizenhafte Haltung gegenüber der Militärjunta attestiert. Die im Kontext des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ (Universität Münster) entstandene geschichtswissenschaftliche Dissertation von Barbara Rupflin möchte diese Sichtweise differenzieren, ohne jedoch in eine „Apologie der argentinischen Kirche zur Zeit der Militärdiktatur“ zu verfallen (S. 16). Ihr Anliegen ist es, die innere Heterogenität der Kirche Argentiniens in Menschenrechtsfragen aufzuzeigen. Dazu analysiert Rupflin die Aushandlungsprozesse, die den offiziellen Positionierungen der Amtskirche vorausgingen. Hierbei nimmt sie sowohl die innerkirchlichen Auseinandersetzungen als auch den Austausch des Episkopats mit der Menschenrechtsbewegung in den Blick. Das Erkenntnisinteresse kreist um die Frage, „wie die offiziellen Positionierungen der Institution Kirche zustande kamen und in welchen Kontexten und auf welche Weise die autoritativ festgeschriebenen, aber deutungsbedürftigen und deutungsoffenen Aussagen zu Menschenrechtsfragen in den Dokumenten der Bischöfe von katholischen Akteur*innen kritisiert oder angeeignet werden“ (S. 38).

Diese doppelte Perspektive auf Genese und Rezeption bischöflicher Dokumente erweist sich als ertragreich. Anhand zahlreicher Beispiele zeigt Rupflin auf, wie aus inhaltlichen Dissensen innerhalb der Bischofskonferenz in Aushandlungsprozessen Kompromissformeln oder gar widersprüchliche Dokumente entstanden. Die Autorin spricht hier von „Konsensfassaden“ mit „Fissuren und Ambivalenzen“. „Selbst logische Widersprüche konnten in ein und demselben Dokument nebeneinander Bestand haben, so dass diametral entgegengesetzte Positionen in die Bischofsdokumente integriert wurden, ohne dass notwendigerweise eine inhaltliche Kohärenz geschaffen worden wäre“ (S. 55 f.). Luzide rekonstruiert sie auf der Basis unterschiedlicher Dokumentenfassungen sowie handschriftlicher Notizen der in Menschenrechtsfragen profilierten Bischöfe Jaime de Nevares und Alberto Devoto den Entstehungsprozess bischöflicher Dokumente während der Frühphase der Diktatur. Spannend ist ebenso die Analyse der Rezeption des „ambiguen Sprechens“ der Bischofskonferenz: Rupflin zeigt auf, wie die regimenahe Presse auf der einen sowie Akteure und Medien, die für Menschenrechtsfragen offen waren, auf der anderen Seite jeweils jene Aspekte selektiv rezipierten und weiterverbreiteten, die ihnen zupass kamen.

Ähnlich untersucht Rupflin weitere Schlüsselereignisse, die Aufschluss geben über innerkirchliche Aushandlungsprozesse und über den Austausch mit zivilgesellschaftlichen Gruppen. Anhand parteiisch-partieller Rezeptionspraktiken zeigt sie, wie Akteure um die Deutungshoheit gerungen haben, wie Narrative etabliert wurden und wie sich der (kirchliche) Menschenrechtsdiskurs wandelte. Aufschlussreich sind etwa die Debatten um die Verleihung des Friedensnobelpreises 1980 an den Menschenrechtsaktivisten Adolfo Pérez Esquivel, der seinen Einsatz für die Menschenrechte maßgeblich mit seinem katholischen Glauben begründete. Es folgte eine polemisch geführte Debatte über die „Katholizität“ des Preisträgers, bei der zugleich implizit die Haltung der katholischen Kirche zu den Menschenrechten verhandelt wurde.

Da sich die Haltung der Kirche nicht auf die deklaratorische Ebene reduzieren lässt, nimmt Rupflin im zweiten Teil ihrer Studie religiöse Praktiken in den Blick, die von kirchlichen wie nichtkirchlichen Akteuren genutzt wurden, um Menschenrechtsfragen zu thematisieren. Sie konzentriert sich hierbei auf einige Diözesen (Neuquén, Goya, Quilmes). Indem sie die Bistümer als die „sinnstiftende Organisationseinheit“ (S. 269) untersucht, in der das kirchliche Engagement konkret wird, leistet sie einen weiteren Beitrag zur Differenzierung der Sichtweise auf die katholische Kirche Argentiniens, die nicht auf die Bischofskonferenz reduziert werden kann. In diesem Zusammenhang formuliert sie die Hypothese, dass „die Menschenrechtspraxis […] wesentlich auf der Ebene der Diözesen geleistet wurde“ (S. 350). Konkret untersucht Rupflin etwa die Konflikte um die Erwähnung der „Verschwundenen“ in Gottesdiensten und anderen liturgischen Handlungen: Das Spektrum reichte von Messen, bei denen explizit die „Verschwundenen“ im Zentrum standen und denen teilweise Bischöfe selbst vorstanden, über Geistliche, die von ihren Bischöfen sanktioniert wurden, weil sie in Gottesdiensten das Politische mit dem Religiösen vermischten, bis hin zu Versuchen der „Aneignung“ liturgischer Handlungen durch die Menschenrechtsbewegung. So besuchten etwa die Madres de Plaza de Mayo, also die Mütter der „Verschwundenen“, die durch ihre weißen Kopftücher weithin erkennbar waren, in großer Zahl Gottesdienste – auch solche, die von regimenahen Bischöfen geleitet wurden – und machten somit ihr Anliegen in der öffentlichen Wahrnehmung auch zu einer Angelegenheit der Liturgie. In ähnlicher Weise wurden etwa Wallfahrten oder Karfreitagsprozessionen mit dem Menschenrechtsthema konnotiert – sei es durch die Integration von Elementen, die explizit auf das Schicksal der „Verschwundenen“ abhoben, oder durch Aneignungen seitens der Menschenrechtsbewegung.

Am Beispiel der patagonischen Diözese Neuquén des menschenrechtsaffinen Bischofs Jaime de Nevares zeigt Rupflin die Bedeutung des Bistums als Bezugsrahmen für Gläubige, die sich in der Amtskirche beziehungsweise in ihren Heimatbistümern aufgrund der ambivalenten Haltung zur Menschenrechtsfrage kirchlich nicht mehr beheimatet fühlten. Sie zeichnet nach, wie sich Kleriker, Seminaristen und Laien durch Ortswechsel oder auch durch „imaginäre Zugehörigkeitsgemeinschaften auf Distanz“ nach Neuquén orientierten, um „Anschluss an katholische Gemeinschaften und Praktiken zu finden, mit denen sie sich identifizieren konnten“ (S. 271).

Insgesamt gelingt es Rupflin in ihrer erhellenden Dissertation, die sich auf eine breite Quellenbasis stützt, die Vorstellung der Kirche in Argentinien als monolithischen Akteur aufzubrechen. Sie zeigt die Spannungen innerhalb des Episkopats, aber auch die unterschiedlichen Praktiken in den Bistümern auf. Bei aller Fokussierung auf kirchliche Menschenrechtsakteure ist sie sich der Gefahr bewusst, „den Bemühungen um die Menschenrechte zu viel Gewicht zuzuschreiben, so dass die junta-nahe Haltung der Amtskirche in den Hintergrund rückt und die katholischen Anteile in der Menschenrechtsbewegung überbetont werden“ (S. 16). Rupflin schafft es jedoch, mit dieser Problematik in einer guten Weise umzugehen, sodass ein gleichermaßen differenziertes wie ausgewogenes Gesamtbild entsteht.