Der Erfolg der Norm der Transparenz, ihre Genese, Akteure, Praktiken und Debatten sind in den letzten etwa anderthalb Jahrzehnten zum Gegenstand interdisziplinärer Forschung geworden, in der häufig eine kritische Perspektive auf die meist unhinterfragte Idealisierung und Normativität von Transparenz eingenommen wurde. Der vorliegende Sammelband, das Ergebnis einer internationalen Tagung von 2018 in Berlin, liefert eine gewinnbringende interdisziplinäre Vertiefung und Erweiterung bisheriger Themen, Thesen und Perspektiven der Transparenzforschung. Mithilfe des Begriffs der „Transparenzkulturen“ (Cultures of Transparency) als heuristischem Zugang versucht der Band, die unterschiedlichen Perspektiven auf Transparenz zu einem Gesamtbild zu formen und so ein besseres Verständnis für die Ursprünge des Transparenzideals, seine historische Entwicklung und die zentralen Merkmale gegenwärtiger Transparenzdiskurse und -praktiken zu gewinnen.
Im ersten Aufsatz geht Sandrine Baume den theoretischen Wurzeln der Transparenz in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und um 1800 auf den Grund. Sie beschreibt, wie die damaligen auf Geheimhaltung beruhenden Staatstheorien unter Druck gerieten und sich mit dem Aufkommen repräsentativer Regierungssysteme in Europa ein Diskurs um die Transparenznorm als politisches, legalistisches und moralisches Projekt etablierte (vgl. S. 19). Als Beispiele dieser Entwicklung analysiert Baume die Werke von Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant, Jeremy Bentham und Benjamin Constant.
Jens Forssbaeck beschäftigt sich mit der klassischen Frage nach der Beziehung von Transparenz und Wirtschaftsleistung. Zwar lasse sich ein positiver Zusammenhang zwischen dem Abschneiden eines Landes in Transparenzindizes und dem Bruttoinlandsprodukt eines Landes feststellen. Dennoch kommt er zu dem ernüchternden wie erwartbaren Fazit, dass es weiterhin eine große Herausforderung ist, den Zusammenhang von Transparenz und ökonomischer Entwicklung empirisch zu fassen (vgl. S. 48).
Mark Fenster befasst sich mit dem Scheitern von „WikiLeaks“ und Julian Assange. Fenster zeigt, dass Transparenz kein unpolitisches Instrument ist und Assange zwangsläufig und entgegen den eigenen Ansprüchen zu einem politischen Akteur wurde. Außerdem sei „WikiLeaks“ an den Limitationen von Technik und Gesetzgebung gescheitert, die nicht in der Lage seien, das Demokratieproblem der Distanz zwischen Staat und Öffentlichkeit angemessen zu lösen. Auch Rogério Christofoletti behandelt die Rolle von Whistleblowern und verdeutlicht anhand des Fallbeispiels Lateinamerika die Ambivalenz ihrer Zusammenarbeit mit den Medien. Einerseits würden Gesellschaften von den so gewonnenen Informationen profitieren, andererseits aber stelle diese Kooperation den Journalismus vor ethische Herausforderungen, da Leaks zur Vernachlässigung der journalistischen Sorgfaltspflicht führen und Vorverurteilung und Parteilichkeit fördern könnten (vgl. S. 85). Außerdem bestehe die Gefahr, dass die Demokratie durch moralisierende Medienspektakel Schaden nehme (vgl. S. 89).
Susanne Fengler, Dominik Speck, Mariella Bastian und Judith Pies befassen sich mit Transparenzforderungen an Medien und Journalisten. Sie vergleichen weltweit die Maßnahmen von Redaktionen, die Arbeit der Medien gegenüber einer immer kritischeren Öffentlichkeit transparenter zu gestalten und so Vertrauen in die mediale Berichterstattung zurückzugewinnen sowie Desinformation und Fake News zu bekämpfen. Die Antwort auf die Frage, ob diese Ziele durch die verschiedenen Transparenz-Maßnahmen erreicht werden können, bleibt jedoch offen.
Michael Hartmann widmet sich einer Grundfrage der Transparenzforschung: Schafft Transparenz Vertrauen oder verstärkt sie Misstrauen eher noch? Dabei erweitert er die bisherige Debatte um eine wichtige theoretische Perspektive. Hartmann weist zunächst darauf hin, dass die Relevanz von Vertrauen mit ansteigendem Wissen abnimmt (vgl. S. 111). Er plädiert für eine „reasonably embedded transparency“, die ermöglichen könne, eine kritische Einstellung des Vertrauens gegenüber Institutionen zu bewahren, die alles in allem vertrauenswürdig agieren (S. 113). Hartmann weiß um die Unmöglichkeit vollumfänglicher Transparenz, erachtet sie jedoch nicht für notwendig, um Vertrauen zu stärken. Transparenz könne sich nur dann positiv auf Vertrauen auswirken, wenn ein Mindestmaß an Vertrauen bereits vorhanden sei. Vertrauen wiederherstellen oder gar neu schaffen, das könne Transparenz nicht (vgl. ebd.).
Stefan Hornbostel fragt nach den Vor- und Nachteilen von Transparenz im Wissenschaftsbetrieb. Intern arbeite er mit den Prinzipien von „exchange, openness and transparency“, sei aber nach außen hin intransparent (S. 132). Transparenz könne die Wissenschaft bereichern (zum Beispiel durch die Veröffentlichung von Forschungsdaten), gleichzeitig aber auch die Arbeit und das Verhalten von Wissenschaftler_innen beeinflussen und einer Kultur des Misstrauens Vorschub leisten.
Padideh Ala’i und Katayoon Beshkardana zeigen am Beispiel China, wie kulturelle Traditionen der Opazität Transparenzforderungen der Welthandelsorganisation unterlaufen. Dies verdeutliche die Limitierung gesetzlich verordneter Transparenz und die Unfähigkeit von internationalen Organisationen, ihre Bedingungen und Forderungen überall durchzusetzen.
Thomas Docherty erläutert, wie unser gegenwärtiges Transparenzverständnis zur vollständigen Identifikation des Persönlichen und Privaten mit dem Politischen und damit zur Privatisierung des Politischen geführt habe (vgl. S. 163.). Seit den 1970er Jahren habe sich eine Zeichen-Gesellschaft entwickelt, in der das Ich, das Image und die Sprache im Mittelpunkt stünden (vgl. S. 164 f.). Transparenz habe Wahrheit, Fakten und materielle Realitäten abgelöst. Damit sei die Logik der Transparenz eine wichtige Voraussetzung für die Politik ökonomischer und neoliberaler Privatisierung:
„Transparency has gone hand in hand with the politics of neoliberal greed. It replaces the demand for truth and justice with the simple demand that we know that untruths have been told, injustices have been committed – and we can do nothing about them, except re-describe them in new signs.“ (S. 169)
Gerade für gegenwärtige Debatten über Desinformation und Fake News sowie die Frage, wie man diese Phänomene erklären kann und ihnen begegnen sollte, gibt der Text wichtige Impulse.
Emmanuel Alloa warnt angesichts von Big Data und der totalen Transparenz des Internets vor den Gefahren für die Privatsphäre, zeichnet bisherige rechts- und sozialtheoretische Versuche nach, ein Recht auf Privatsphäre zu begründen, und weist auf deren Limitationen hin. Vincent Kaufmann zeigt, dass die (französischen) Avantgarden des 20. Jahrhunderts in ihrem Denken und Wirken zwar mit die Voraussetzungen der Web‑2.0‑Kultur geschaffen hätten, welche nun aber – als unbeabsichtigte Nebenwirkung – diese verdrängen, da die von ihnen geforderte radikale Subjektivität Räume der Opazität erfordere (vgl. S. 196). Zur Beziehung zwischen Transparenz und Vertrauen bemerkt er: Wo Transparenz notwendig sei, verschwinde Vertrauen oder fehle es bereits (vgl. S. 203).
Stefan Berger und Dimitrij Owetschkin zeichnen die Transparenzforderungen sozialer Bewegungen seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach und zeigen, dass diese eng mit ihrem Streben nach Macht und dem Aufbau von Ideologien verbunden waren und das Verständnis von Öffentlichkeit geprägt haben. Dabei konnte sich das Konzept der Transparenz aus den ursprünglichen Zusammenhängen lösen. So überschritten die zunächst an die Monarchen und ihre Arkanräume gerichteten Transparenzforderungen durch ihre universalistische Begründung schon bald die Klassengrenzen und wurden von der Arbeiterbewegung genutzt, um ihrerseits Transparenzansprüche gegenüber der Bourgeoisie zu stellen (vgl. S. 210).
Obwohl der Sammelband zahlreiche klassische Themen der Transparenzforschung behandelt, eröffnet er gleichzeitig neue Perspektiven und Ansätze. Dass Fragen der Empirie und nach Kausalitäten meist unbeantwortet oder unklar bleiben, liegt dabei größtenteils in der Natur des Untersuchungsgegenstands, lässt aber die Leserin und den Leser zuweilen unbefriedigt zurück. Dem Band gelingt es vor allem, die im Untertitel betonte Ambivalenz des Transparenzkonzepts in verschiedenen Kontexten herauszuarbeiten und zu problematisieren. Die daraus folgenden Implikationen eröffnen zahlreiche Anknüpfungspunkte für weitere Arbeiten, die der Transparenz und ihrer Wirkmacht weiter auf den Grund gehen können.
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