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Einzelrezension

Diner, Dan: Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935–1942, 352 S., DVA, München 2021.


Keywords: Review, Diner, Dan, 2021, Zweiter Weltkrieg, Palästina, Zionismus, Vertreibung, Flucht, Emigration, Juden

How to Cite:

Lemke, B., (2023) “Diner, Dan: Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935–1942, 352 S., DVA, München 2021.”, Neue Politische Literatur 68(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-023-00470-1

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-01-29

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Seit Jahrzehnten wird gefordert, den historischen Blick global auszurichten und die eurozentrisch geprägte Perspektive, die bis heute gerade auch in den Geisteswissenschaften vorherrscht, aufzugeben. Der wohl prominenteste Vertreter dieser Richtung ist Dipesch Chakrabarty („Provincializing Europe“). Nun muss man nicht unbedingt der postkolonialen Methodik verpflichtet sein wie Chakrabarty, um diese Meinung zu vertreten. Inzwischen ist unstrittig, dass der Zweite Weltkrieg keineswegs eine ‚rein‘ europäische beziehungsweise atlantisch-europäische Angelegenheit war, sondern ein globaler Krieg. Indes ist einschränkend zu konstatieren, dass mitnichten die ganze Erde direkt davon betroffen war, sondern vor allem zwei Großregionen, Europa und Südostasien.

Dan Diner nimmt in seiner Arbeit eine der wichtigsten Regionen zwischen diesen Hauptkampfgebieten, den Raum zwischen Ägypten und Indien – gewissermaßen den ‚globalen Süden‘ in einem engeren Sinne – in den Blick. Dabei verliert der Autor indes nie den Blick auf die Hauptkriegsschauplätze, zeigt immer wieder die Verbindungslinien auf und beleuchtet alle wesentlichen politischen, strategischen, wirtschaftlichen und militärischen Zusammenhänge. Klar bleibt, dass der Zweite Weltkrieg nicht in dieser Region gewonnen beziehungsweise verloren wurde. Diner versucht auch nicht, eine entsprechende These aufzustellen.

Er richtet den Fokus vor allem auf Palästina vor dem Hintergrund von Zionismus, Auswanderung, Flucht und Holocaust. Ob Palästina dabei tatsächlich als historischer „Schnitt- und Angelpunkt“ (S. 7) bezeichnet werden kann, muss trotz der großen, nicht zuletzt auch religiösen und ethischen Bedeutung des Landes für das Kriegsgeschehen bezweifelt werden. Militärstrategisch war Palästina sicherlich wichtig, gerade für die hart rational kalkulierenden Briten aber nur ein Baustein unter vielen neben dem entscheidenderen Ägypten oder dem Irak.

Insgesamt bietet Diner trotz der besonderen Akzentuierung nicht wirklich etwas Neues. Was jedoch den Reiz und den Mehrwert der Arbeit ausmacht, ist die differenzierte Beleuchtung von markanten Zusammenhängen und Geschichten im Rahmen der kriegerischen Geschehnisse in der Region. Insbesondere wirft Diner auch einen Blick auf die persönlichen Schicksale vieler Menschen, die gewissermaßen zwischen die verschiedensten ‚Fronten‘ gerieten, dann durch alle Sicherheitsraster fielen und schließlich nicht selten Vertreibung, Verlust und Tod zu erleiden hatten.

Als Auswahl ist vor allem das Schicksal polnischer Juden zu nennen, die von der Regierung und vielen Mitbürgern in Polen keineswegs gern gesehen waren. Bereits vor 1939 gab es Bemühungen, die Juden loszuwerden, durchaus mit Billigung oder gar Unterstützung prominenter jüdischer Vertreter (Wladimir Jabotinsky). Nach 1939 dienten auch Juden in der polnischen Exilarmee („Anders-Armee“), obwohl die polnische Regierung große Anstrengungen unternahm, um sie fernzuhalten. Besonders tragisch und geradezu verstörend ist in diesem Zusammenhang das Schicksal der beiden Flüchtlingsschiffe „Patria“ (1940) und „Struma“ (1942). Nach der Aufnahmeverweigerung durch die Behörden in Palästina und in Istanbul sanken die Schiffe mit über 1.000 Menschen, darunter 100 Kindern. Im Falle der „Patria“ spielte die zionistische Untergrundorganisation Haganah eine recht unrühmliche Rolle, indem sie bewusst Sprengstoff an Bord geschmuggelt hatte.

Darüber hinaus analysiert Diner das keineswegs immer humanitär geprägte Verhalten der Briten und dann der Amerikaner. Gerade für die Briten stand zunächst das politische, militärische und strategische Interesse im Vordergrund, weniger das Schicksal der davon betroffenen Bevölkerungen. So betrachtete man in London wie in Washington das Vichy-Regime in Frankreich nicht durchgehend als Feind aufseiten der Achsenmächte, sondern als Verhandlungspartner, da Vichy nach wie vor die Kontrolle über die französischen Kolonialgebiete ausübte.

Das Verhältnis der Briten zu den Bevölkerungsgruppen in Palästina und dem Irak war gespalten und nicht immer – wie nach 1945 mit Verweis auf die Balfour-Deklaration teils kolportiert wurde – judenfreundlich. Die Briten unterließen alles, was bei den Arabern zu Friktionen oder gar zum Aufstand führen konnte. Dies gilt nicht zuletzt für das blutige Judenpogrom in Bagdad („Farhud“) nach der Niederlage der irakischen Armee gegen die Truppen des Empire. Letztere griffen zunächst nicht wirklich ein, sondern sicherten lediglich die neuralgischen Punkte.

Die Führer des entstehenden jüdischen Staates wiederum gingen aus ihrer Sicht nur ein taktisches Bündnis mit dem Empire ein, das im Vergleich zu den Deutschen als weit geringeres Übel angesehen wurde. Als das Kriegsgeschehen sich ab 1942 zunehmend wendete, bereitete man sich auf die Befreiung des ‚eigenen‘ Landes gerade von den Briten vor.

Von den anderen Schauplätzen ist neben den direkten militärischen Geschehnissen (zum Beispiel der Burmafeldzug) die besonders schwerwiegende Hungersnot in Bengalen („bengal famine“) zu nennen, die auch auf das Konto der britischen Regierung in Indien ging. Durch Nahrungsmittelrequirierung, besondere Vorkehrungen gegen einen möglichen Angriff der Japaner sowie innerindische Wirtschaftsabschottung verhungerten mehrere Millionen Menschen – ein Ereignis, das hierzulande nur wenig bekannt ist, im Bewusstsein Indiens jedoch eine bedeutende Rolle spielt.

Das Werk schließt mit der Betrachtung der jüdischen Bevölkerung und ihrer politischen Führung in Palästina. Diner schildert die Zerstrittenheit unter den Führungskräften über die Ziele, die probaten Bündnispartner und den einzuschlagenden Weg. Der Hauptfokus lag dabei bis weit in den Krieg hinein auf Palästina selbst. So erwähnte man den „Farhud“ nur beiläufig und weigerte sich anfangs, die Berichte der Flüchtlinge aus Europa hinsichtlich des Holocaust zu glauben. Dies wiederum verweist auf einen weitergehenden grundlegenden Konflikt, der bis weit nach 1945 auch in die israelische Gesellschaft hineinreichte.

Insgesamt ist die Arbeit Diners, die sich im Wesentlichen auf die wichtigste Fachliteratur stützt, ein analytisches Glanzstück. Dies gilt auch für den recht provokanten, aber erhellenden Vergleich zweier Paraden in Brest und in Baku. In Brest marschierten 1939 Soldaten der Wehrmacht und der Roten Armee miteinander auf, in Baku 1941 wiederum Truppen der Roten Armee und der Briten. Dies zeigt nicht nur die ethische Zerfahrenheit der Situation in und um den Zweiten Weltkrieg, sondern auch die trügerische Sicherheit jedweder Ideologie. Sicherlich relativieren Vergleiche immer, sie bringen aber auch trennscharfe Ergebnisse und Erkenntnisse, wenn man es nicht übertreibt. Daher sollten sie gerade auch in der deutschen Geschichtswissenschaft im Zeitalter nach dem Historikerstreit mehr Raum bekommen.