Pierre Rosanvallon ist ein prominenter Autor, der in rascher Folge viel beachtete Werke zur Demokratiegeschichte, zur politischen Gegenwartsdiagnose und zu grundlegenden sozialen Fragen vorgelegt hat. In der „Neuen Politischen Literatur“ hat ihm Lutz Raphael 2013 bereits eine ausführliche Werkschau gewidmet. Rosanvallons neuestes Buch liefert eine Analyse insbesondere der französischen Gegenwartsgesellschaft und trägt den merkwürdig poetischen, geradezu elegischen Titel „Die Prüfungen des Lebens“. Der Autor benutzt die Kategorie der „Prüfungen“ freilich ganz ernsthaft als analytisches Instrumentarium, um den Blick auf die subjektiven Lebenslagen, Probleme und Erfahrungen zu lenken, die die jüngsten gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Entwicklungen mit sich bringen. Mehr als in seinen vorausgegangenen Büchern versteht sich Rosanvallon hier als Soziologe, der seine Aufmerksamkeit zahlreichen Problemlagen der Gegenwartsgesellschaft widmet, die als individuelle Herausforderungen erlebt werden. Unter den persönlich erfahrenen „Prüfungen“ macht er vier Typen aus: die Missachtung, die Ungerechtigkeit, die Diskriminierung und die Unsicherheit, deren Analyse er jeweils ein Großkapitel widmet. Mit seinem Buch beansprucht Rosanvallon erklärtermaßen ein Neuverständnis gesellschaftlicher Konfliktlagen, das alternative Problemverständnisse und emanzipatorische politische Lösungswege eröffnet.
Rosanvallon bezieht sich in seiner Analyse zwar vornehmlich auf die französische Gesellschaft in ihrer historischen Entwicklung und aktuellen Lage – was an markanten Stellen nationale Besonderheiten jenseits von Frankreich und kulturspezifische Unterschiede zu anderen Staaten und Regionen verwischt oder ganz außer Acht lässt. Dennoch treten bei der Analyse allgemeine und bedenkenswerte Befunde zutage. Unter dem Stichwort der „Missachtung“ subsumiert Rosanvallon etwa die auffällige Tendenz, dass sich in der Gesellschaft eine klassenübergreifende Kultur der Herablassung und Gleichgültigkeit ausgebreitet hat, mit der sich in jeder Statuslage Personen und Gruppen ausfindig machen lassen, die man seinerseits herabwürdigen oder missachten kann – womit die gesellschaftliche Gleichheit zum substanzlosen Postulat verkommt. Diese Missachtung trifft insbesondere, zumal in Frankreich, Personen mit Migrationshintergrund, in den USA bezieht sie sich in einer rassistischen Grundierung auf Nichtweiße. In den in Frankreich virulent gewordenen Protestaktionen der „Gelbwesten“ macht Rosanvallon den Aufstand gegen eine solche Entwürdigung ausfindig: die aufgebrachte Zurückweisung der „Missachtung durch Gleichgültigkeit“ (S. 57) und die erboste Forderung, „einen gewissen Stolz wiederzuerlangen“ (S. 58).
Ganz im Fahrwasser prominenter soziologischer Gegenwartsdiagnosen führt Rosanvallon die Ungerechtigkeit auf die Tendenz zu einem „Singularitätsindividualismus“ (S. 76) zurück. Damit bezeichnet er die Verflachung eines auf alle Menschen bezogenen Autonomieanspruchs, wie er noch in der Französischen Revolution erkämpft worden war, zu einem Bestreben nach individueller Einzigartigkeit und Besonderheit, die jede Rücksicht auf gleichlautende Ansprüche seitens jedes anderen vernachlässigt. Heraus kommt eine Art kollektive Vereinzelung im konkurrierenden Geltungskampf, die ungleiche Entfaltungschancen zementiert.
Die Belastungen durch Diskriminierung liegen auf der Hand: Geschlecht, Herkunft und Religion erweisen sich als besonders virulente Merkmale, um die sich die Formen der Diskriminierung ranken. Im Sog des Singularitätsindividualismus verblasst die Sensibilität für die Herabwürdigungen, die sich aus unfreiwillig erlangten Eigenschaften herleiten. Dementsprechend diskriminierte Personen werden zugleich aus einer Gesellschaft der Gleichen wie auch aus der Aussicht auf die Erlangung von Singularität ausgeschlossen – was das in den modernen Gesellschaften verbreitete „Versprechen der Gleichheit“ (S. 119) auf fatale Weise konterkariert. Gerade an diesem Punkt fordert Rosanvallon einen genaueren Blick auf die Einzelschicksale von Betroffenen ein, um einerseits eine solidarisierende und das Leid mildernde „Empfindung geteilter Prüfungen“ (S. 129) zu wecken, andererseits die gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf strukturelle Phänomene der Missachtung zu lenken.
Die Prüfungen der Unsicherheit sind in soziologischen, politikwissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Analysen bereits vielfach unter dem Stichwort der zunehmenden „Risiken“ verhandelt worden. In der Moderne gilt der immer feingliedriger eingreifende Sozial- und Wohlfahrtsstaat als das bevorzugte Mittel, individuelle Risiken zu mindern. Dieser sieht sich aber – beispielsweise angesichts der Überalterung der Gesellschaften und der daraus resultierenden Probleme einer hinreichenden Rentenversorgung – mit ständig neuen Herausforderungen konfrontiert, die nicht unmittelbar und nicht für alle gleichermaßen die erfahrenen Unsicherheiten zu beseitigen vermögen. Die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse liefert ein Beispiel dafür, wie neue Konstellationen einer strukturellen Unsicherheit entstehen. Abstiegsangst oder der tatsächliche Abstieg markieren die sozialen Folgen. Die globalen Umwelt- und Klimakrisen bewertet Rosanvallon als eine immense Steigerung von Unsicherheit, der man sich kaum mehr durch individuelle Maßnahmen entziehen kann. So entsteht durch die allseits erfahrenen Bedrohungen eine Art apokalyptische Gleichheit aller.
Um dem Stress und Leid solcher Prüfungen zu entkommen, empfiehlt Rosanvallon eine allgemeine Politisierung. Er fordert von den modernen Demokratien und von den Regierenden ein differenzierteres Verständnis der Zeitlichkeit und der handelnden Subjekte. In Hinblick auf die Zeitlichkeit bedürfe es einer langfristigen, nachhaltigen Planungsbereitschaft, die weit über den nächsten bevorstehenden Wahltermin hinausreicht. In Hinblick auf die handelnden Subjekte werde eine sehr viel umfassendere politische Repräsentation erforderlich, die weitaus entschlossener die zukünftig lebenden Menschen, aber auch die Natur in der Stellvertretung ihrer mutmaßlichen Anliegen und Ansprüche berücksichtigt. Damit würden gewissermaßen die „Prüfungen des Lebens“ aus der ohnmächtigen Leidenserfahrung herauskatapultiert und zu einem Kollektivgut befördert, mit dessen Hilfe man sich den bestehenden Herausforderungen gemeinschaftlich, in emanzipatorischer Absicht, widmen könne. Der Singularitätsindividualismus, den Rosanvallon im Buch durchweg als beherrschendes Muster des Zeitgeists beschreibt, scheint also zugleich ein objektiv beobachtbarer Gesellschaftszustand unter vereinzelten Individuen zu sein wie auch eine normative Triebfeder zur Aktivierung von widerständigen Kräften, die vereinzelte Individuen zu einem tatkräftigen Kollektiv zusammenschweißen. Damit verblasst allerdings das eingangs reklamierte deskriptive Potenzial der Kategorie „Prüfungen“ und weicht der Kennzeichnung einer Reflexionserfahrung, mit deren Hilfe man beklagenswerte Gesellschaftszustände erkennt und überwindet. Diese kategoriale Umpolung verwirrt, und der Begriff der „Prüfungen“ erscheint damit zu unspezifisch. Das schmälert aber kaum den Ertrag einer – wieder einmal – höchst erhellenden, scharfsichtigen und hintersinnigen Beobachtung und Beschreibung gesellschaftlicher Entwicklungen, die Rosanvallon in seinem Buch erbringt.
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