Den sechs Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftlern Jürgen W. Falter, Kristine Khachatryan, Lisa Klagges, Jonas Meßner, Jan Rosensprung und Hannah Weber, die gemeinsam dieses Buch verantworten, geht es um die Beweggründe für den Beitritt zur NSDAP: Welche Motive nannten deren Mitglieder selbst, und welche persönlichen, sozialen und politischen Umstände beeinflussten ihre Entscheidung zum Parteieintritt?
Grundlage der empirischen Analysen, die auf langjährige Forschungsarbeiten an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zurückgehen, sind Berichte von Nationalsozialisten aus der NS-Zeit selbst und Unterlagen aus Entnazifizierungsverfahren nach dem Krieg. Im Mittelpunkt steht meist die sogenannte „Alte Garde“ der Partei, das heißt jene Parteimitglieder, die eine Mitgliedsnummer unter 100.000 hatten, spätestens bis zum 1. Oktober 1928 eingetreten waren – und anschließend nicht wieder austraten. Zu Beginn der Spruchkammerverfahren zur Entnazifizierung galten sie a priori als Hauptschuldige. Mehrere hundert Lebensberichte wurden 1934 für ein von der New Yorker Columbia University reichsweit ausgelobtes Preisausschreiben verfasst; eine weitere Sammlung entstand 1936, nachdem die „Alte Garde“ im Gau Hessen-Nassau aufgefordert worden war, autobiografische Texte „für ein geplantes Ehrenbuch“ vorzulegen (S. 11). Ergänzend konnten auch Angaben aus einer 1936 hier durchgeführten Fragebogenaktion genutzt werden, die sich an zum damaligen Zeitpunkt ‚inaktive‘ Parteigenossen richtete, sowie aus der NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv Berlin. Zum Vergleich zog man für das Mainzer Forschungsprojekt aus Akten im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Bestand 520 (Spruchkammern), überdies „eine zufallsangenäherte Stichprobe“ unter jenen, die sich der NSDAP 1933 oder später anschlossen (S. 13, 15). Ausgehend von einem rund 1.400 Personen umfassenden Datensatz wurden Anstrengungen unternommen, Entnazifizierungsakten derjenigen ausfindig zu machen, die in den 1930er Jahren die genannten Berichte verfasst hatten. Dies gelang bei einigen hundert Fällen, die hier eingehender analysiert werden.
Der Inhalt des Buches gliedert sich in fünf Teile, darunter zwei einleitende Beiträge von Jonas Meßner und Jürgen Falter. Unter der Überschrift „Vorläufer und Zwischenwirte“ betrachtet Jan Rosensprung, welche Einflüsse und welche anderen Parteien und Gruppierungen auf die frühen Mitglieder der NSDAP einwirkten. Im dritten Teil „Ein- und Austrittsmotive“ erläutert Falter „Beitrittsgründe zur NSDAP“ (S. 159), und zusammen mit Kristine Khachatryan sodann auch die teils voneinander abweichenden Beweggründe von Männern und Frauen. Meßner gibt Gründe für den Austritt aus der NSDAP an, während Hannah Weber auf die Rolle des Antisemitismus beim NSDAP-Eintritt eingeht. Der vierte Teil über die Entnazifizierung wendet sich in einem weiteren Beitrag von Falter „Erklärungs- und Entschuldigungsversuchen“ in den Spruchkammerverfahren zu, ehe er mit Khachatryan „Entlastungsstrategien im Entnazifizierungsprozess“ nachgeht (S. 267, 311). Mit Widersprüchen zwischen den Angaben aus beiden Sammlungen von Berichten aus der NS-Zeit befasst sich Rosensprung, wohingegen Lisa Klagges die Entnazifizierung der „Alten Garde“ im Gau Hessen-Nassau aufgearbeitet hat. Drei weitere Aufsätze schildern die empirischen Grundlagen, bevor Falter die Ergebnisse abschließend zusammenfasst.
Die schematische Analyse der Unterlagen aus der NS-Zeit ist vor allem darauf angelegt, „Anreize zum Eintritt“ aufzufinden (S. 448). Am Ende ergibt sich, dass kein „dominierendes, alles überstrahlendes Motiv“ zu ermitteln sei, sondern „sehr unterschiedliche Beweggründe“ in Erscheinung treten (S. 520). Die am häufigsten genannten Motive für den NSDAP-Eintritt seien Nationalismus, Antikommunismus beziehungsweise -marxismus, der Glaube an den Führerkult und die Effizienz der Partei sowie eine vorausgehende SA-Mitgliedschaft. Erst danach komme der Antisemitismus ins Spiel. Denn nur in 40 Prozent der Berichte aus der NS-Zeit gebe es antisemitische Äußerungen; dass sie bei den meisten fehlten und unter den „ideologiebezogenen Nennungen“ nur 10 Prozent ausmachten, findet Falter angesichts der „Judenverfolgung und Judenvernichtung“ erstaunlich (S. 172, auch 186). Doch wird Antisemitismus hier schlicht allzu eng gefasst, etwa vom Antikommunismus/-marxismus und von der Kritik am Weimarer ‚System‘ abgespalten. An dieser Stelle ist Hannah Weber zuzustimmen, die feststellt, dass die „ideologisch unterschiedlich ausgerichteten antisemitischen Einstellungen der Nationalsozialisten auf komplexe Weise miteinander verknüpft und nur schwer voneinander abzugrenzen [seien]“ (S. 247).
Als problematisch erweist sich durchweg die eingeschränkte Repräsentativität der Daten, die es erschwere, „allgemeingültige Schlüsse“ zu ziehen, die für die gesamte Bevölkerung „oder auch nur [die] frühen Nationalsozialisten“ zuträfen (S. 246, auch 264). So sind sie teils durch ein (groß-)städtisches Übergewicht verzerrt (S. 224, 509), und über weibliche NSDAP-Mitglieder gibt es einfach zu wenige Datensätze (S. 211).
Die schematisch angelegte Auswertung der Spruchkammerunterlagen legt den Schwerpunkt auf folgende Themen: die Gründe, weshalb jemand der NSDAP beigetreten (und nicht wieder ausgetreten) war, die Argumente, mit denen man sich auf automatische Überführungen und auf andere Milderungsgründe in Bezug auf die Mitgliedschaft berief, die Aussagen, mit denen man auf die eigene Ablehnung der Judenverfolgung einging und den Anspruch erhob, ‚anständig‘ geblieben – ja zur NSDAP auf Distanz gegangen – zu sein, etwa durch Nichtbefolgen nationalsozialistischer Vorschriften bis hin zu Formen des ‚Widerstands‘. Um sich selbst zu schützen, ging es den in den Spruchkammerverfahren sich Rechtfertigenden darum, zu „verdrängen, verschweigen, verfälschen, vermeiden und verniedlichen“ (S. 534). Auf diese Weise „wurden aus Judenfeinden Judenfreunde, aus Verfolgern Verfolgte und Widerständler“ (S. 359). Unterdessen waren die Spruchkammern „zumeist überfordert“ dabei, entlastende Behauptungen zu überprüfen (S. 323).
Die vorgelegte empirische Forschungsarbeit bietet wenig Überraschendes und bestätigt weitgehend das, was bislang über die Motivationen der NSDAP-Mitglieder bekannt war. Höchst bedauerlich ist, dass die Verantwortlichen alle Vor- und Nachnamen aus Gründen eines vermeintlich „auch postum geltenden Daten- und Persönlichkeitsschutzes abgekürzt oder durch Pseudonyme ersetzt“ haben (S. 24, Anm. 2). Dadurch lassen sich die in diesem Band angeführten Aussagen und Angaben über deren Urheber nur schwer konkreten Biografien zuordnen. Dabei wären lokal- und landesgeschichtlich Interessierte dankbar gewesen, wenn die Verhältnisse vor Ort sich hier greifbarer widerspiegeln würden. Auch Orts- und Personenregister fehlen am Ende des Buches.
Hervorzuheben ist aber, dass nun erstmals in großer Zahl Aufzeichnungen von NSDAP-Mitgliedern aus der NS-Zeit mit Aussagen derselben Personen im Spruchkammerverfahren verknüpft wurden, um deren Entlastungs- und „Entschuldigungsstrategie“ (S. 296) klar herauszuarbeiten. Klagges hat Angaben der „Alten Garde“ Hessen-Nassaus ausgewertet und auch mit den Ergebnissen der Zufallsstichprobe verglichen. Demnach unterlagen die Entnazifizierungsverfahren dieser schwer Belasteten einer zeitlichen Verzögerung und gingen dann häufiger in Berufung. Aus abmildernden Gesetzesänderungen und Herabstufungen in eine geringer belastete Gruppe konnten diese frühen Parteimitglieder größeren Nutzen ziehen als die übrigen. Dem stand allerdings entgegen, dass sie durch die Internierungs- und Exklusionspraxis von 1945 an schon vor ihrem Verfahren einer Sühne ausgesetzt waren – und am Ende mussten sie insgesamt „härtere Spruchkammerurteile“ über sich ergehen lassen als andere Personen (S. 407).