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Einzelrezension

Calhoun, Craig/Gaonkar, Dilip Parameshwar/Taylor, Charles: Degenerations of Democracy, 368 S., Harvard UP, Cambridge, MA/London 2022.


Keywords: Review, Calhoun, Craig/Gaonkar, Dilip Parameshwar/Taylor, Charles, 2022, Demokratietheorie, Demokratie in der Krise, Populismus, Volksaufstände, Demokratisierungswellen, Entdemokratisierung

How to Cite:

Jörke, D., (2023) “Calhoun, Craig/Gaonkar, Dilip Parameshwar/Taylor, Charles: Degenerations of Democracy, 368 S., Harvard UP, Cambridge, MA/London 2022.”, Neue Politische Literatur 68(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-022-00467-2

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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Published on
2023-09-30

Peer Reviewed

Am Ende des hier rezensierten Buches wird es pastoral: „Politics must be poiesis, working together to make and remake not just government but also society itself“ (S. 286). Auch der in der umfangreichen Literatur über die Krise der Demokratie so beliebte Hinweis fehlt nicht, dass gegen die derzeitigen Übel der Demokratie einzig mehr Demokratie helfe (S. 257). Doch im Unterschied zu einem Großteil der in den letzten Jahren veröffentlichten politikwissenschaftlichen wie populärwissenschaftlichen Auseinandersetzungen über die Krisen der Demokratie und den Aufstieg des Populismus begnügen sich die Autoren Craig Calhoun, Dilip Parameshwar Gaonkar und Charles Taylor nicht mit der erneuten Beschwörung der Grundprinzipien der liberalen Demokratie. Sie ergehen sich auch nicht in einer wohlfeilen Kritik des Populismus, obwohl durchaus immer wieder deutlich wird, dass sie den meisten der gegenwärtig zu beobachtenden Populismen ablehnend gegenüberstehen. Bei aller Differenz im Detail sind sich die drei Autoren darin einig, dass die aktuelle populistische Revolte als Symptom einer viel tiefergehenden Krise zu deuten ist.

Die meisten der einzelnen Kapitel des Bandes stammen jeweils von einem alleinigen Autor; Ausnahmen stellen lediglich das vierte über „Authenticity und Meritocracy“ und das siebte Kapitel „What Is to Be Done?“ dar, die gemeinsam von Calhoun und Taylor verfasst wurden, sowie die Einleitung und der Schluss, für die alle drei Autoren verantwortlich zeichnen. Ein von drei Verfassern geschriebenes Buch ist notwendigerweise von Spannungen gekennzeichnet. Das ist auch bei diesem Werk der Fall. Gleichwohl gelingt es den Autoren immer wieder, den gemeinsamen Fokus herauszustellen und sich wechselseitig aufeinander zu beziehen. Dabei sind drei Annahmen zentral. Erstens stelle Demokratie „a Telic Concept“ (S. 19) dar, der Idee der Demokratie wohne mithin, wie Taylor im ersten Kapitel herausarbeitet, eine Logik der immerwährenden Fortentwicklung inne. Insofern könne es auch nie eine perfekte Demokratie geben, sondern immer nur Phasen der Demokratisierung, aber auch der Entdemokratisierung. Zweitens, so Calhoun im zweiten und dritten Kapitel unter Rückgriff auf Karl Polanyi, beruhe die Demokratie auf Voraussetzungen, die sie selbst nur bedingt kontrollieren könne. Die gegenwärtige Krise sei einer „Engels’s pause“ geschuldet – benannt nach Friedrich Engels –, die zwischen der Zerstörung alter Sozialstrukturen und der Etablierung neuer stabiler Verhältnisse bestehe, also etwa wie diejenige Phase zwischen der Entfaltung des Manchesterkapitalismus und der Etablierung sozialstaatlicher Schutzmechanismen. Eine ähnliche Konstellation sei auch heutzutage nach der neoliberalen Aushöhlung des fordistischen Arrangements und des Endes der trente glorieuse wieder zu beobachten. Dieses Argument führt weiter zur dritten, von Gaonkar im sechsten Kapitel formulierten These, dass eine Erneuerung der Demokratie nur durch Volksaufstände erreicht werden könne. Dabei verweist er sowohl auf die wiederkehrenden und im Westen wenig beachteten Aufstände von Armutsbetroffenen im globalen Süden, aber auch auf medial präsentere Bewegungen wie Black Lifes Matter, Occupy Wall Street oder auch die „Regenschirm-Proteste“ in Hongkong.

Zu dieser Argumentation passt der Bezug auf Samuel Huntington (S. 162, 260). Ihm zufolge verlaufen Demokratisierung und Entdemokratisierung in Wellen; zuletzt gab es nach dem Zusammenbruch des Ostblocks eine dritte Demokratisierungswelle, momentan erleben wir eine Welle der Entdemokratisierung. Und auch wenn es eher zwischen den Zeilen steht, scheinen die Autoren davon auszugehen, dass eine neue Welle der Demokratisierung nicht lange auf sich warten lassen werde, denn die Idee der Demokratie – das von Taylor beschworene „Telic Concept“ – sei nicht zu stoppen. Entsprechend skizzieren Taylor und Calhoun im gemeinsam verfassten siebten Kapitel („What Is to Be Done?“) mit Blick auf die USA eine Reformagenda. Dort entfalten sie ein Potpourri von Vorschlägen, die größtenteils eine links-progressive Handschrift aufweisen, so die Begrenzung der Macht des Geldes und des Lobbyismus im Bereich der Politik, eine Wiedererstarkung staatlicher Handlungsmacht und damit die Einschränkung neoliberaler Politikvorstellungen, die Überwindung von geschlechtsspezifischer Benachteiligung in der Arbeitswelt und insbesondere in der Fürsorgearbeit, die Beseitigung des in vielen Bereichen vorherrschenden Rassismus und einen Green New Deal. Das ist aus Sicht des Rezensenten eine normativ überzeugende Reformagenda. Zustimmungswürdig ist auch die gleichzeitige Betonung der Notwendigkeit des Wiederaufbaus lokaler Bindungen – „Changes can come about when citizens of a local community get together with the aim of improving their condition“ (S. 236) – und der Relevanz der nationalstaatlichen Ebene (S. 217), nicht zuletzt bei der Umsetzung der erforderlichen Eingriffe in den Markt. Gleichwohl wirken die entsprechenden Passagen stark von der Kraft der Autosuggestion getrieben. So schreiben Calhoun und Taylor hinsichtlich des Prozesses, der zu einem Wiedererstarken der Solidarität führen könnte: „It is a process of legal reform, economic integration, and social movements. It is a process of negotiated settlements and mutual recognition. It can be linked to the telos of democracy“ (ebd.). Ja, das könnte passieren. Aber ist es auch wahrscheinlich? Diese Frage führt zurück zum Beitrag von Gaonkar. Sein Verweis auf Volksaufstände als treibende Kraft einer Redemokratisierung ist insofern mit einem Fragezeichen zu versehen, als diese im Westen – man denke an Occupy Wall Street oder die diversen Platzbewegungen – entweder in sich zusammengebrochen sind oder es gerade nicht vermochten, jene nationale Solidarität zu erzeugen, die Calhoun und Taylor einfordern. Hinzu kommt: Viele der in den letzten Jahren zu beobachtenden Proteste und Aufstände haben nicht der links-progressiven Agenda entsprochen, sind teilweise – und hier zeigt sich die ‚schmutzige‘ Seite des Populismus – diesen geradezu entgegengesetzt. So bleibt am Ende die Frage unbeantwortet, wie sich die Mehrheit der Bevölkerung für die progressiven Ideen der drei Autoren wird mobilisieren lassen. Vielleicht ist das Buch am Ende doch zu optimistisch und das „Telic Project“ der Demokratie inzwischen an eine unüberwindbare Grenze gestoßen.

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