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Einzelrezension

Veidlinger, Jeffrey: Mitten im zivilisierten Europa. Die Pogrome von 1918 bis 1921 und die Vorgeschichte des Holocaust, übers. v. Martin Richter, 456 S., Beck, München 2022 (engl. 2021).


Keywords: Review, Veidlinger, Jeffrey, 2022, Holocaust-Forschung, Pogrome, antijüdische Gewalt, Ukraine, Zwischenkriegszeit, russischer Bürgerkrieg, ukrainische Nationalbewegung

How to Cite:

Friedrich, K., (2022) “Veidlinger, Jeffrey: Mitten im zivilisierten Europa. Die Pogrome von 1918 bis 1921 und die Vorgeschichte des Holocaust, übers. v. Martin Richter, 456 S., Beck, München 2022 (engl. 2021).”, Neue Politische Literatur 68(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-022-00465-4

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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2022-09-11

Peer Reviewed

Im Jahr 2022 kämpft die Ukraine um ihr staatliches Überleben gegen einen hochgerüsteten, atomar bewaffneten und schier übermächtigen Feind. Auf einen Teilaspekt davon, wie der moderne ukrainische Staat seinen Anfang nahm, blickt nun Jeffrey Veidlinger. Er lässt sich von ineinander verflochtenen Fragestellungen leiten: Wie war es möglich, dass im Anschluss an den Ersten Weltkrieg und die russischen Revolutionen „mitten im zivilisierten Europa“ Bauern, Stadtbewohner und Soldaten Pogrome begingen? Wie verliefen diese antijüdischen Gewaltausbrüche? Inwieweit sind sie als Vorboten dessen zu bezeichnen, was sich zwei Jahrzehnte später im gleichen Raum abspielte, als die deutschen Eroberer den planmäßigen Mord an der jüdischen Bevölkerung ins Werk setzten?

Der Verfasser konzentriert sich auf die antijüdischen Gewaltausbrüche in Podolien, Wolhynien, Ostgalizien sowie in weiteren Teilen der heutigen West- und Zentralukraine. Wie Veidlinger mit Kritik an der Holocaust-Forschung feststellt, galten die von ihr übersehenen Pogrome als „Relikte einer vergangenen Epoche“ (S. 18). Doch seien sie in ihrer Gesamtheit „die größte Katastrophe“ gewesen, „die das jüdische Volk bis dahin erlebt hatte“ (S. 34). Bei mehr als 1.000 Pogromen in rund 500 Orten auf dem Gebiet der heutigen Ukraine wurden demnach 40.000 unmittelbar Getötete und etwa 70.000 mittelbare Todesopfer gezählt, die an den Folgen der Gewalt starben.

Wie Veidlinger in seiner Einleitung deutlich macht, war man in der US-amerikanischen Presse nach dem Ersten Weltkrieg besorgt darüber, dass es in Europa als nächstes zu einem „Massaker an den Juden“ kommen könnte. Im ersten Hauptteil seiner Studie, überschrieben mit „Krieg und Revolution“, schildert er die Entwicklung zwischen 1881 und Dezember 1918. Die letzten Jahre des Russischen Kaiserreichs führten das Selbstständigwerden der ukrainischen Gebiete herbei: Im Januar 1918 erklärte sich die Ukrainische Volksrepublik für unabhängig. Doch blieb das Land bis 1921 Schauplatz des russischen Bürgerkriegs.

Im zweiten Abschnitt befasst sich Veidlinger mit der Entwicklung von Ende 1918 bis März 1919. Er greift vier Pogrome – in Owrutsch, Schytomyr, Proskurow und noch einmal in Schytomyr – heraus, deren Verlauf er anhand einer Vielzahl von Quellen rekonstruiert. Dafür hat er vor allem Berichte herangezogen, mit denen Mitarbeiter jüdischer Hilfsorganisationen das Vorgefallene dokumentierten. Ihre Unterlagen wurden gesammelt und in den 1920er Jahren nach Berlin gebracht. Sie waren dort Teil einer „Ostjüdisches Historisches Archiv“ genannten Einrichtung, die dem Historiker Elias Tcherikower (1881–1943) unterstand und mit mehreren Veröffentlichungen hervortrat. Der Großteil der Archivalien konnte später nach New York gerettet werden. Außerdem hat Veidlinger eine große Zahl weiterer Archive in mehreren Ländern konsultiert, um die Begleitumstände der Massengewalt nachzuzeichnen.

Im dritten Hauptteil über das „Machtvakuum“ von März bis August 1919 stehen die in dieser Übergangsphase tonangebenden Kriegsherren im Mittelpunkt, denen es gelang, Gebiete des Landes zu unterwerfen. Ausländische Mächte versuchten, auf den Bürgerkrieg Einfluss zu nehmen, indem sie gegenrevolutionäre Truppen unterstützten oder – wie Polen – sich unmittelbar einmischten. Die Ukraine wurde zum Schlachtfeld.

Erst die Niederlage der gegenrevolutionären Freiwilligenarmee beim „Triumph des Bolschewismus“ (S. 247), den Veidlinger im vierten Abschnitt beschreibt, beendete im Zeitraum von August 1919 bis März 1921 den Bürgerkrieg. Die Anführer der Bolschewiki schritten gegen Antisemitismus am tatkräftigsten ein – und zogen damit jüdische Anhänger an. Dies zeitigte längerfristig verhängnisvolle „Nachwirkungen“, denen der Verfasser im abschließenden Hauptkapitel nachgeht: dem Schicksal der 600.000 Flüchtlinge, dem Mordanschlag Scholom Schwartzbards auf den exilierten Staatschef der Ukrainischen Volksrepublik Symon Petljura im Jahr 1926 und den mit einem Freispruch endenden Prozess, die Lage in der Ukraine zwischen den Weltkriegen – und dem Beginn des Holocaust 1941. Der Hass auf jüdische Funktionäre im sowjetischen Sicherheitsapparat, auf die Verfolger der ukrainischen Nationalbewegung, nährte Rachegefühle und setzte eine Massengewalt in Gang, die sich gegen die gesamte jüdische Bevölkerung richtete. Die nach ‚Lebensraum‘ in Osteuropa ausgreifenden Nationalsozialisten machten sich dies zunutze: „Als die Deutschen kamen“, resümiert der Verfasser, „fanden sie eine jahrzehntealte Todeszone vor, wo sich der Massenmord an unschuldigen Juden in die kollektive Erinnerung eingebrannt hatte, wo das Unvorstellbare bereits Realität geworden war“ (S. 19). Ehe es dazu kam, hatte der Umstand, dass viele der ostjüdischen Flüchtlinge nach Deutschland gezogen waren, die völkische Propaganda dort ungemein verstärkt.

Das Zerstörungswerk in der Ukraine war unterdessen mit dem Triumph der Bolschewiki keineswegs zu Ende. Aber Veidlinger geht nur en passant auf die menschengemachte Hungersnot ein (S. 347), ohne den Begriff „Holodomor“ zu verwenden: von Frühjahr 1932 bis Herbst 1933 starben 3,5 bis 4 Millionen Ukrainer an Hunger, vor allem auf dem Land. Die Bevölkerung in den Städten, darunter auch viele Juden, war weitaus weniger betroffen, während durchaus bekannt war, dass an dem sowjetischen Völkermordverbrechen Kommunisten jüdischer Herkunft an führender Stelle mitwirkten.

Die vom Verlag für die Umschlagabbildung gewählte, mit dem beschaulichen Titel „Winter in Brest-Litowsk 1918“ versehene Fotografie einer Allee verfehlt leider das Thema, zumal der im heutigen Belarus gelegene Ort vom eigentlichen Schauplatz weit entfernt liegt. Der Werbetext auf dem Rückumschlag verkündet nachlässig (und damit der Originalausgabe folgend), es seien 1918 bis 1921 in der Ukraine „über 100.000 Juden von Bauern, Städtern und Soldaten ermordet [worden], die sie für die Russische Revolution und deren Folgen verantwortlich [Hervorh. d. Rezensenten]“ machten. Hier ist ein Blick auf die internationale Wirkung von Veidlingers Studie lehrreich, die rasch auch ins Niederländische und ins Spanische übersetzt wurde. Bei letzterer Fassung heißt es zutreffend, dass die Pogrome „den Tod von mehr als 100.000 Juden herbeiführten“ (En el corazón de la Europa civilizada. Los pogromos de 1918 a 1921 y el comienzo del Holocausto, Barcelona 2022). Mehr Vorsicht ließ man im Münchner Verlag beim Untertitel walten: Hier wandelt sich der „Beginn des Holocaust“ aus gutem Grund zu dessen bloßer „Vorgeschichte“. Die Fotoaufnahmen im Innenteil sind hilfreich, ebenso das abschließende Orts- und Personenregister.

Jeffrey Veidlinger, für den die Nationalsozialisten Vollender eines Geschehens sind, das mit den ukrainischen Pogromen von 1918 einsetzte, erscheinen sie am Ende nur als eine weitere der von ihm zuvor ausgemachten Tätergruppen. Der Holocaust-Forschung gibt die von ihm gezogene Kontinuitätslinie neue Denkanstöße, die kritisch aufgenommen werden sollten.