Kaum jemand überblickt so souverän das Gesamtwerk Max Webers wie der Hamburger Soziologe Stefan Breuer. Für sein neues Buch hat er die inzwischen abgeschlossene Max Weber-Gesamtausgabe mit ihren zeitgeschichtlichen Kontextualisierungen, biografischen Detailrecherchen und werkgeschichtlichen Rekonstruktionen akribisch zur „Ausleuchtung des Kontextes“ ausgewertet, in dem Webers Werk seine unverwechselbare Gestalt angenommen hat.
Breuers Interesse richtet sich gezielt auf den „Dialog mit signifikanten Anderen“ und auf die Art, wie die Impulse von Webers Umfeld sein Denken geformt und wie die Auseinandersetzungen mit seinen Zeitgenossen Eingang in seine Schriften gefunden haben. Wie der Untertitel ausweist, konzentriert sich Breuer auf drei Wissens- und Handlungsfelder: auf Politik, Wirtschaft und Religion. „Wissenschaft als Beruf“, deren Eigenwert in der weltanschaulich pluralisierten Moderne Weber ein Leben lang verteidigte, bleibt hier ausgespart. Zeitlich trennt Breuer markant zwischen dem „Frühwerk“ bis zu Webers schwerer psychosomatischer Krankheit von 1898 und dem „Neustart“ von 1903 als Privatgelehrter in Heidelberg. Er gliedert sein Buch in insgesamt drei Teile mit je fünf gut aufeinander abgestimmten Kapiteln.
Der erste Teil umgreift Webers frühe politische Orientierungen und die ersten Stationen seiner wissenschaftlichen Karriere. „Straßburger Erbschaften“ ist das Einstiegskapitel überschrieben, in dem Breuer die überraschende These entwickelt, die für sein Weltbild bestimmenden Impulse habe Weber nicht aus der Metropole Berlin, sondern „von der Peripherie her“ erhalten. Der Onkel mütterlicherseits, der Straßburger Historiker Hermann Baumgarten, habe die politische Urteilskraft des jungen Max in Gesprächen und Korrespondenzen stärker gelenkt als der Vater, der im Zentrum des neuen Nationalstaates und der explodierenden Großstadt „Politik als Beruf“ verkörperte (Guenther Roth). Als signifikante Impulsgeber bei Studienabschluss greift Breuer dann die Althistoriker Karl Rodbertus und Theodor Mommsen heraus. Rodbertus ist mit seinem Typus der antiken Oikenwirtschaft noch in die agrarhistorischen Passagen von „Wirtschaft und Gesellschaft“ eingegangen. Und der Charlottenburger Nachbar Theodor Mommsen hat dem jungen Weber ganz generell als Rollenvorbild eines wissenschaftlich gezügelten animal politicum gedient. Sein politisches Doppelziel der nach außen machtvoll gestärkten und nach innen bürgerlich reformierten Nation verfolgte der examinierte Jurist Weber seit den frühen 1890ern mit enormer strategischer Konsequenz. Breuer demonstriert das an Webers agrarpolitischen Interventionen, an seinem Mitwirken im „Evangelisch-sozialen Kongreß“, zu dem ihn weniger genuin religiöse Werte motivierten, sowie an seiner kurzen Mitgliedschaft im „Alldeutschen Verband“, den sich Weber als Speerspitze eines „innereuropäischen Imperialismus“ wünschte.
Seine Befunde bündelt Breuer in einer „Erste[n] Zwischenbetrachtung“ zu Nation und Nationalismus als dem entscheidenden Bindeglied zwischen Webers Früh- und Spätwerk. Überzeugend ist sein Argument, Weber habe sehr wohl einen sozialwissenschaftlich tragfähigen Grundbegriff von „Nation“ entwickelt: als Erinnerungs- und Opfergemeinschaft abgegrenzt vom Herrschaftsgebilde „Staat“. Noch etwas kommt hinzu. Deutlich unterschied Weber zwischen den geopolitischen Interessen von Großmächten – in seiner Sprache „Weltmächte“ –, unter denen sich das Deutsche Reich neben Russland und England zu behaupten habe, und den „kleinen Nationen“, zu denen er unter anderen auch die Ukraine zählte. Webers kategoriale Scheidung von ‚großen‘ und ‚kleinen‘ Nationen hätte eine intensivere Betrachtung gelohnt. Mit Recht porträtiert Breuer Weber als einen „demokratischen Nationalisten“, so wie er Zeit seines Lebens „Kritik an der fehlenden inneren Nationsbildung“ geübt habe.
Für den zweiten Teil zu „Politik und Ökonomie 1902/03–1920“ wählt Breuer als exemplarische Dialogpartner Werner Sombart zum Komplex „Kapitalismus“ und Robert Michels zur Begründung der „Politischen Soziologie“ in Deutschland. Bei ihnen – wie überhaupt bei allen „signifikanten Anderen“ – kann Breuer eine Eigenart in Webers Beziehung zu befreundeten Kollegen gut herausarbeiten. Eine anfängliche Zuneigung verändert sich im Laufe der Zeit mehr und mehr zu Gegnerschaft. Webers persönlicher und brieflicher Umgang selbst mit Vertrauten erhält rasch etwas sachlich Unerbittliches.
Sachliche Schärfe und polemische Angriffslust zeichnen Weber gleichermaßen aus, wenn er zu den großen weltanschaulichen Strömungen seiner Zeit Stellung nimmt, zu Imperialismus, Sozialismus und Liberalismus. Vor dem Weltkrieg votierte Weber für die „Verstärkung des imperialistischen Kapitalismus“, musste aber als Kriegsresultat resigniert einsehen, dass es mit Deutschlands „weltpolitischer Rolle“ vorbei war. Den „Sozialismus“ nahm Weber als rational-planwirtschaftliche Herrschaft sehr ernst. Umso mehr zweifelte er, ob sich die Industriearbeiterschaft einer Herrschaft von Berufsrevolutionären ohne Gewalt unterordnen würde und perhorreszierte den Bürgerkrieg.
War Weber ein Liberaler, und wenn ja, von welcher Ausstrahlung? Breuer widmet dieser regelmäßig gestellten Frage eine knappe „Zweite Zwischenbetrachtung“. Er kann die Forschungslinie bestätigen, die einen Wandel Webers vom gemäßigt Liberalen im Einflussfeld seines Vaters und Hermann Baumgartens hin zum demokratischen Liberalismus nach 1917 konstatiert, offen zur Sozialdemokratie, aber bei Aufrechterhaltung des Privateigentums. Breuer schließt mit der These, Weber sei hier „ein Autor des 19. Jahrhunderts geblieben, der dem 21. Jahrhundert wenig zu sagen hat“. Hat Ralf Dahrendorf sich so geirrt, als er sich für den Weber’schen Typus des „Konfliktliberalismus“ als zukunftsfähigen Denkstil stark machte?
Im dritten Teil geht es allein um die Lebenssphäre „Religion“ und um die klassische Forschungsfrage, welche „Musikalität“ für religiöse Themen Weber von der frühen „Protestantischen Ethik“ bis zum Arrangement der religionssoziologischen Aufsätze in seinem Todesjahr 1920 empfunden und ausgedrückt hat. Webers weltgeschichtliche Betrachtungen und soziologische Differenzierungen zielen auch für Breuer ganz auf einen Punkt: Welche Sonderstellung hat der asketische Protestantismus unter den Weltreligionen eingenommen, um eine Trennung von Diesseits und Jenseits so zu gestalten, „dass das Diesseits aktiv und rational bearbeitet werden konnte“, im Sinne einer „sachlichen“ Lebensführung? Darin sieht Breuer den Kern von Webers „Religionssystematik“, die dieser in intensiver Aneignung der religionshistorischen Literatur seiner Zeit ausgefeilt habe. So unterschiedliche Gelehrte wie Oswald Spengler, Erwin Rohde und Ernst Troeltsch greift Breuer einzeln heraus. Spenglers Devise, „Über Geschichte soll man dichten“, provozierte den Geschichtstheoretiker in Weber besonders, wenn er sich mit dessen Ausführungen über „magische Religionen“ auseinandersetzte. Entscheidendes zu „magischem Charisma“, wie Breuer mit den Materialien der Weber-Gesamtausgabe jetzt zeigen kann, verdankte Weber dagegen dem Nietzschefreund Erwin Rohde.
Den gewichtigen Schlussakzent des Buches setzt Breuer mit Webers intellektuellem Weggefährten Ernst Troeltsch, Freund und Rivale in einem. Im langjährigen Umgang der beiden wird eine Spannung sichtbar, aus der heraus sich große Teile der intellectual history des frühen 20. Jahrhunderts schreiben ließen. Breuer arbeitet das webertypische Muster von Aneignung und Abwehr klar heraus, die partiellen Übereinstimmungen wie unterschiedlichen Erkenntnisziele und Denkstile von Weber und Troeltsch. Das Kapitel hätte noch an Schärfe gewonnen, wäre Breuer die Nutzung der Kritischen Troeltsch-Gesamtausgabe durch die Pandemie nicht verwehrt geblieben, wie er schreibt. Nach einem Vergleich des Kunstverständnisses der beiden Gelehrten und einem kurzen Blick auf ihre jeweilige Bewertung des Verhältnisses von Religion und Politik bricht der Band etwas abrupt ab. Es gibt keine Schlussbetrachtung. Das Buch ist Hubert Treiber zum 80. Geburtstag gewidmet, Breuers „signifikantem Anderen“ in der Weberforschung, wie er an vielen Stellen ausweist. Auf ein Personenregister hat der Autor verzichtet. Um die nicht in den Überschriften genannten Dialogpartner Webers aufzuspüren, wie Erich Marcks, Gustav Schmoller, Max Sering, Werner Siebeck oder Otto Hintze, muss man gründlich lesen, tut dies aber durch alle Kapitel hindurch mit großem Gewinn.