In ihrem knappen, aber klugen Vorwort „Ein feministischer Klassiker“ (S. 3) ordnen die beiden Herausgeber Vincent Streichhahn und Hans Geske „Die Grenzen der Geschlechtsmoral“ in das Gesamtwerk des Soziologen Robert Michels und in den historischen Kontext ein. Dabei folgen sie weitgehend den Pionierarbeiten von Timm Genett, der in Michels einen „Pionier der Bewegungsforschung“ (S. 7) sieht, der eine Dreiteilung der Sozialen Frage in Arbeiterbewegung, nationale Autonomiebewegungen und Frauen- beziehungsweise Sexualreformbewegung vorgenommen habe. Während Michels als Elitentheoretiker und Parteiensoziologe im Gedächtnis geblieben ist – zumal eine Kontinuität vom Sozialisten, der im Deutschen Reich keine Professur erhalten konnte, zum Faschisten, der an der Parteihochschule der italienischen Faschisten in Perugia lehrte, vielfach angenommen wurde –, sind die anderen beiden Aspekte bisher wenig behandelt worden. Seine Studien „Der Patriotismus“ und „Die Grenzen der Geschlechtsmoral“ sind nach ihrem Erscheinen wenig rezipiert und bis vor Kurzem nicht mehr aufgelegt worden. Dies hat sich nun geändert und beide Schriften sind wieder greifbar. Die „Grenzen“ stehen im Mittelpunkt des neuen Bandes (S. 23–159), dem ersten Teil der Neuauflage aus dem Xenomoi Verlag.
Den zweiten Teil (S. 163–283) bilden weitere 15 Aufsätze, darunter einer von Gisela Michels-Lindner, mit der Michels eine gleichberechtigte Ehe führte und die als eigenständige Soziologin sein Werk begleitete. Die Artikel werden in die fünf folgenden Gruppen gegliedert: I. Soziale Bewegungen, II. Institutionen, Öffentlichkeit und Frauenbilder, III. Sexualpädagogik, IV. Eugenik und V. Sexualwissenschaft und Moralstatistik. Sie umfassen den Zeitraum 1902 bis 1914, wobei die meisten vor dem Erscheinen der „Grenzen“ 1911 veröffentlicht wurden und teilweise in das Buch eingegangen sind. Neben dem Zweitverwertungscharakter fällt auf, dass die Herausgeber der Frage nicht nachgehen, warum Michels nach 1914 sein Interesse an der Thematik verloren hat. Dem Aufschwung der Frauenbewegung steht ein gleichzeitig abnehmendes Interesse von Michels gegenüber.
In seinem Vorwort von 1910 nennt Michels sein Buch („Die Grenzen der Geschlechtsmoral“) „das Resultat langjähriger Beobachtungen eines Mannes, der über die sexualen Probleme von jüngster Jugend auf viel und ernst nachgedacht hat“ (S. 23). Als Methode gibt er an: „Auf Empirie gestützte Beobachtungen also, überwiegend psychologischer Art. Nicht streng wissenschaftlich, d. h. wenn auch keineswegs ohne Hilfe der vertrauten Sozialwissenschaften, so doch mit möglichster Umgehung des der Beschreibung lästigen statistischen Apparates und nicht in dem den gebildeten Massen unverständlichem Jargon verfaßt“ (S. 24). Die Zielgruppe definiert Michels negativ: „Dieses Buch wurde nicht für solche Leser geschrieben, welche die Probleme der sexuellen Moral in ihrem Kopfe auf Grund eines vorgefaßten Dogmas – möge dieses Dogma nun christlich-bibelgläubig, Darwin-Häckelisch, libertär oder libertin sein – bereits gelöst haben“ (S. 25).
Danach wendet er sich „einer kleinen Schar auserwählt wichtige[n] Fragen“ (ebd.) in oft anekdotischer Form zu, wobei er vor persönlichen Bekenntnissen nicht zurückschreckt (vgl. S. 24, 30). Eine dieser Fragen ist das Schamgefühl, dem Michels nicht nur einen individuellen Charakter zuspricht, sondern in dem er auch einen Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat, einen Klassengegensatz, sieht (vgl. S. 46). Auch die Prostitution, die er vergleichend in Paris, Rom und Berlin untersucht, betrachtet er unter Klassengesichtspunkten, aber auch unter dem Aspekt der Menschenwürde (vgl. S. 64): „Die Prostitution als gesellschaftliche Institution schließt für die betroffene Frau eine doppelte Degradation in sich: als Weib und als Proletarierin […] Die Prostitution bedeutet, ethisch betrachtet, einen Schlag ins Gesicht der gesamten Frauenwelt“ (S. 78). Zum Problem der Vergewaltigung, unter dem eigenartigen Titel „Der Dualismus des Weibes in der primären Geschlechtsliebe“ abgehandelt, finden sich neben unhaltbaren Behauptungen wie „Von Fällen absoluter Wehrlosigkeit abgesehen […] ist die Genotzüchtigte an der an ihr verübten Handlung in irgendeiner Form mitschuldig“ (S. 89), auch Aussagen, die ein modernes Frauenbild fordern: „Eine freie Frau, wie der moderne Mann sie sich wünschen muß zur stolzen, selbstbewußten, mitschaffenden Gefährtin […]“ (S. 90) – für die damalige Zeit ungewöhnlich.
Als Nächstes behandelt Michels unter „Wert und Grenzen der Keuschheit“ den vorehelichen Sexualverkehr von Mann und Frau und seine gesellschaftliche Bedingtheit. Die damit verbundene „Brautstandsmoral“ brandmarkt er als unmoralisch und ungesund (S. 108 ff., besonders 110). Bei den „ehelichen Grenzproblemen“ analysiert Michels anhand einer Verlobungsanzeige eines Rittergutbesitzers die sprachliche Widerspieglung der „Macht des Agrarkapitalismus“, den „Tiefstand unserer sozialen Zustände“ (S. 123), um daraus zu folgern: „Eine in konsequentem Denken geübte Frauenbewegung müßte sich gegen alle äußeren Formen des öffentlichen Lebens wenden, hinter denen sich eine Geringschätzung oder doch eine geringere Einschätzung des Weibes dem Manne gegenüber versteckt.“ Hier zeigen sich auch Elemente, die die Theorie des „deutschen Sonderwegs“ beziehungsweise eines „deutschen Sonderbewusstseins“ bestätigen. Wie die Bielefelder Schule um Hans-Ulrich Wehler, Jürgen Kocka und Hans-Jürgen Puhle 60 Jahre später schreibt auch Michels von der „politischen und sozialen Rückgradlosigkeit des deutschen Bürgertums“ im Vergleich zu den „sozial fortgeschritteneren Ländern England und Amerika“ (S. 121), die dafür verantwortlich sei, dass in Deutschland der Feudalismus noch lange nicht überwunden sei (vgl. ebd. f).
Mit den Folgen der Schwangerschaften setzt sich Michels unter dem Blickwinkel „des ewigen dreiteiligen Kampfes zwischen Mutterpflichten und Gottespflichten und den Pflichten der Frau gegen sich selbst“ (S. 139) auseinander, um zu dem Ergebnis zu gelangen: „Jedes menschliche Wesen hat ein Recht auf seine Existenz“ (ebd.). Auch befürwortet Michels die Empfängnisverhütung sowie die Abtreibung und spricht sich gegen den Neomalthusianismus aus (vgl. S. 141). Michels feiert die Sexualität und die Verhütung: „Wir müssen den Mut haben, zu bekennen, daß wir die Liebe und ihre Extase um ihrer selbst willen lieben“ (S. 146) und „Der zivilisierte Mensch hat ein Recht auf sich selbst. Dieses Recht schließt zugleich das Recht auf Nachkommenschaft, auf die Zahl der Nachkommenschaft wie auf die Nichtnachkommenschaft ein“ (S. 148). Hier stellt sich zugleich die Frage: Wen meint Michels mit dem „zivilisierten Mensch“? Wer sind demgegenüber ‚die Wilden‘?
Im letzten Abschnitt behandelt Michels den „Intellektualismus des Weibes und seine Grenzen“ (ebd.). Was zu chauvinistischen Vorurteilen führen könnte, entpuppt sich gerade als dessen Gegenteil. „Dem Intellektualismus des Weibes sind somit in vielen Fällen schon durch den Egoismus des Mannes Grenzen gezogen“ (S. 150). Sodann beschäftigt er sich mit der Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft (S. 151), ja es finden sich sogar Anklänge an die Queer-Bewegung (vgl. S. 152). Über die Rolle der Hausfrau schreibt er: „Die Geringachtung der Frau als Hausfrau ist eine logische Folge der Geringachtung der von der Frau dem Manne im Haushalt geleisteten Dienste“ (S. 157). Auch plädiert er für die „größere Anteilnahme des Mannes an den häuslichen Arbeiten“ (S. 158).
Im Anhang finden sich 15, in fünf Gruppen angeordnete Aufsätze verwandter Thematik aus den Jahren 1902 bis 1914. Die Titel sprechen teils bereits für sich: „Frauenstimmrecht – schon heute eine Notwendigkeit“ (1902) und überschneiden sich teilweise mit den „Grenzen“ wie „Das Weib und der Intellectualismus“ (1902). Erfreulich ist der Abdruck „Geschichte der proletarischen Frauenbewegung in Italien“, erschienen 1903 in Clara Zetkins Zeitschrift „Die Gleichheit“, in der Michels den drei ‚großen‘ Frauen Laura Solera Mantegazza, Anna Maria Mozzoni und Anna Kuliscioff ein Denkmal setzt. Nebenbei erfährt man einiges über die menschenverachtende Entlohnung der Reispflanzerinnen und das brutale Vorgehen des italienischen Militärs, das im Mai 1898 eine Demonstration in Mailand blutig niederschlug, bei der es 200 Tote gab.
Problematisch, um das Mindeste zu sagen, ist die Haltung Michels zur Eugenik. Auch wenn er sich auf Versuche in den USA bezieht, bleibt die innewohnende Tendenz zur „Eliminierung gänzlich untauglicher wie sittlich minderwertiger Elemente aus der geschlechtlichen Zirkulation“ (S. 267). Aber Michels ergänzt diese Seite durch „das Einsetzen einer die ökonomischen und sozialen Verhältnisse des Menschen bessernden Reformarbeit“ (S. 267). Mehrfach lehnt er Friedrich Nietzsches Gedanken einer Höherzüchtung ab.
Als Fazit bleibt festzuhalten, dass sich die beiden Herausgeber Streichhahn und Geske nicht nur um die Michels-Forschung insgesamt verdient gemacht, sondern auch durch die Auswahl der Texte gezeigt haben, dass noch nicht alle Probleme der Frauenforschung ad acta gelegt sind.