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Einzelrezension

Herold, Emanuel: Utopien in utopiefernen Zeiten. Zukunftsdiskurse am Ende der fortschrittlichen Moderne, 280 S., Wallstein, Göttingen 2020.


Keywords: Review, Herold, Emanuel, 2020, Utopie, Moderne, Zukunftsdiskurse, Soziologie, literarische Utopien, Zeittheorie

How to Cite:

Krücken, C., (2022) “Herold, Emanuel: Utopien in utopiefernen Zeiten. Zukunftsdiskurse am Ende der fortschrittlichen Moderne, 280 S., Wallstein, Göttingen 2020.”, Neue Politische Literatur 68(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-022-00460-9

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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2022-11-30

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Wie kann sich in Zeiten von Krise, Krieg und Pandemie eine erstrebenswerte Zukunft vorgestellt werden? Ist das überhaupt zeitgemäß? Emanuel Herold ist sich sicher: jetzt mehr denn je! In seiner umfangreichen Theoriearbeit legt der Autor einen literatursoziologischen Ansatz vor, um die Gattung der Utopie als „Reflexion zeitlicher Verhältnisse“ verständlich zu machen. Der Titel verspricht ein spannendes Buch. Überzeugend ist auch die Einleitung, in der Herold auf die Spannungen zwischen verschiedenen Konstruktionen von Zukunft hinweist. Etwas irritierend wirkt allerdings die zweite Fußnote. Hier heißt es zur Bezeichnung von Berufsgruppen, dass zwar nur die männliche Form genannt werde, die weibliche Form aber stets „mitgemeint“ sei, um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen (S. 10). Bei soziologischen „AutorInnen“ (S. 22) scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein.

Bereits zu Beginn seiner Ausführungen bricht Herold mit einer im wissenschaftlichen Diskurs verbreiteten Vorstellung, Utopien „seien heutzutage nicht mehr in der Weise glaubwürdig und anschlussfähig, wie dies früher der Fall war. […] Unsere [gesellschaftlichen] Verhältnisse wandelten sich zu schnell und seien zu komplex, als dass utopische Literatur noch in der Lage sei, uns überzeugend alternative Möglichkeiten vor Augen zu führen“ (S. 15). Einen Grund für den intellektuellen und politischen ‚Anti-Utopismus‘ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sieht er in Reinhart Kosellecks normativ verengter Analyse der Utopie. Dies habe großen Einfluss auf die soziologische Auseinandersetzung mit der Thematik gehabt, da literarische Utopien als nicht mehr vereinbar mit einer dynamischen spätmodernen Gesellschaft beurteilt wurden (S. 16). Dort, wo literarische Utopien geschichtsphilosophischen Ideen untergeordnet würden, die dann im jeweiligen Werk als abgeschlossen gelten, wirft Herold der soziologischen Utopieforschung einen Reduktionismus vor. Dadurch würde der Utopiebegriff vom Fortschrittsbegriff abhängig gemacht. Es entstehe die Problematik, literarische Utopien nur in Bezug auf ihre politische Realisierbarkeit innerhalb gegenwärtiger Gesellschaftsverhältnisse messen zu wollen und damit ausschließlich anhand ihrer Aktualität zu bewerten, in anderen Worten: sie einer Zweck-Mittel-Rationalität zu unterwerfen.

Entgegen der in Deutschland dominierenden, unter anderem auf Karl Popper, Niklas Luhmann und Jürgen Habermas zurückgehenden Utopiekritik, thematisieren englischsprachige Forschungsbeiträge – insbesondere von Ruth Levitas, Lyman Tower Sargent oder Fredric Jameson – den Wandel moderner Zeitverhältnisse nicht rein als Krisendiagnose, sondern „im Kontext einer breiteren transdisziplinären Konjunktur der Utopie“ (S. 135). Auf diese Weise kann der Beantwortung der Frage nachgegangen werden, was es bedeutet, sich im ‚Hier und Jetzt‘ eine erstrebenswerte Zukunft vorzustellen. Somit ließe sich eine spezifische Eigenlogik der literarischen Tradition der Utopie berücksichtigen, um aus ‚kulturellen Sinnressourcen‘ Erkenntnisse über Möglichkeiten zu schöpfen. Herold plädiert dafür, Utopien dabei nicht bloß als Schablone für die Umstrukturierung moderner Gesellschaften misszuverstehen. Zur Einschätzung des soziologischen Erkenntnispotenzials müsse immer unterschieden werden „zwischen utopischer Literatur und anderen Formen des Utopischen, wie [zum Beispiel] dem politischen Utopismus“ (S. 143), „oder eine[m] weiten, philosophischen oder sozialpsychologischen Begriff, welcher im Utopischen eine bestimmte Form menschlichen Denkens sieht, die in vielen Sphären des kulturellen Lebens zum Ausdruck kommt“ (S. 37).

Nach dem gründlichen Durchlauf der historischen Entwicklung des Umgangs mit Utopien in Politik und Wissenschaft gelangt Herold zu seinem Projekt der Gegenüberstellung und Analyse utopischer Literatur. Folgende Werke seien geeignet, um gesellschaftstheoretische Erkenntnismöglichkeiten im Nachdenken über sozialen Wandel hervorzuheben: Erstens „Looking Backward“ von Edward Bellamy (1888) und „News from Nowhere“ von William Morris (1890) (S. 148–176), zweitens Ernest Callenbachs Roman „Ecotopia“ (1975) und Marge Piercys „Woman at the Edge of Time“ (1976) (S. 176–201), sowie drittens „The Great Bay“ von Dale Pendell (2010) und „New York 2140“ von Kim Stanley Robinson (2017) (S. 202–236). Eine andere Auswahl hätte hier selbstverständlich zu anderen Ergebnissen geführt.

In der ersten Gegenüberstellung arbeitet Herold heraus, wie sehr sich die beiden Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Romane aus zeittheoretischer Sicht unterscheiden. Er kommt zu dem Ergebnis, dass „Looking Backward“ an einem abstrakten historischen Gesetz des unumstößlichen Fortschritts festhalte, während „News from Nowhere“ eine Kontingenz der Geschichte nach dem Kapitalismus darstelle.

Vor dem Hintergrund des Feminismus der 1970er Jahre sieht Herold zwischen „Ecotopia“ und „Woman at the Edge of Time“ zwei sich ergänzende Zukunftsentwürfe, bei denen der Fokus auf zwei Schwerpunkten liege, die jeweils unterschiedlich gewichtet seien. So werde im ersteren eine ökologische Gesellschaft entworfen, die zusätzlich Impulse des feministischen Diskurses aufnehme, wohingegen letzterer eine feministische Vision mit Sensibilisierung für ökologische Probleme thematisiere. Zeittheoretisch werde sich in keiner der beiden Utopien auf die Geltungsansprüche einer teleologischen Geschichtsphilosophie berufen, sondern im Gegenteil grundsätzlich davon distanziert.

„The Great Bay“ und „New York 2140“ sind zeitgenössische Literatur, deren Ausgangspunkt die Veränderung der Küstenlinien durch den klimawandelbedingten Meeresspiegelanstieg ist. „The Great Bay“ zeige, so Herold, die Welt nach dem Zusammenbruch moderner Strukturen als Durch- und Nebeneinander aller möglichen alten und neuen Formen des Zusammenlebens. „New York 2140“ hingegen stelle die Erprobung von Organisationsformen in den Vordergrund, die zu einem großen Teil in einer sozialutopischen und ökotopischen Tradition stünden. In beiden Romanen sei die verbliebene Infrastruktur, vor allem die bewohnbaren Gebäude selbst, zentrale Voraussetzung für diese Experimente (S. 227).

In seiner Schlussbetrachtung betont der Autor den Mehrwert der Gegenüberstellung von Romanen für die soziologische Debatte. Literarische Utopien leisten laut Herold eine Perspektivierung verschiedener Zeitlichkeiten und zeigen mögliche gesellschaftliche Reaktionen auf absehbare Veränderungen auf. Die Wissensgenerierung von Möglichkeiten stehe im Kontrast zur zu Recht kritisierten Überforderung utopischer Sinngehalte, die anhand ihrer Realisierbarkeit in modernen Gesellschaften gemessen werden. Herold unterstützt damit neuere Akzente in der Utopieforschung und liefert einen wertvollen Beitrag zur soziologischen Auseinandersetzung mit literarischen Utopien.

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