Dass die ehemalige preußische Königsdynastie und das ab 1871 deutsche Kaiserhaus der Hohenzollern in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahren noch einmal die Gemüter erregen konnte, hatte verschiedene Gründe. Die Frage, ob der vormalige Kronprinz Wilhelm von Preußen Anfang der 1930er Jahre der Machtübernahme Adolf Hitlers „erheblichen Vorschub“ geleistet habe, stand dabei jedoch im Mittelpunkt. Es handelte sich um ein rein juristisches Problem, von dem Entschädigungsleistungen des Bundeslandes Brandenburg an die Familie der Hohenzollern abhängig gemacht wurden. Anstatt die Klärung dieser Frage den Juristen zu überlassen, ließen sich eine Reihe von Historikern dafür einspannen, sie mit den Methoden der Geschichtswissenschaft zu untersuchen. Das konnte zu keinem guten Ergebnis führen, da historische Verantwortlichkeiten nicht ohne Weiteres mit juristischer Schuldhaftigkeit gleichgesetzt werden können.
Es ist deshalb sehr zu begrüßen, dass mit Lothar Machtan ein Historiker den Versuch unternommen hat, erst einmal herauszufinden, was Wilhelm von Preußen zwischen 1931 und 1933 überhaupt politisch wollte, ehe festzustellen ist, was er tatsächlich bewirkt hat. Machtan stellt sich in seinem Buch „Der Kronprinz und die Nazis“ diese Frage und hält sie fast bis zum Ende durch. Dass er seiner Darstellung noch einen „Epilog“ anhängt (S. 241–245), hätte er allerdings besser unterlassen. Indem er Wilhelm hier als „Mitläufer“ (S. 241) bezeichnet, fällt er auf juristische Einschätzungen zurück, ohne diese fachgerecht zu erläutern. Ja, er kennzeichnet das Verhältnis des Hohenzollern zu Hitler moralisierend als „Verstrickung“ und ein „Konglomerat aus Angst, Feigheit und vielleicht auch Hoffnung“ (ebd. f.).
Sieht man davon einmal ab, handelt es sich um ein sehr aufschlussreiches Buch, das die historische Rolle der Hohenzollern und besonders des früheren Kronprinzen einleuchtend darstellt. Machtans These ist, dass Prinz Wilhelm – anders als sein ehemals kaiserlicher Vater – bis 1933 und sogar darüber hinaus an eine Wiederherstellung der Monarchie glaubte. Er selbst habe sich als Kronprätendenten gesehen, ihm habe aber die nötige politische Intelligenz und die ausreichende Entschlossenheit gefehlt, um sich in der Politik durchzusetzen. Warum Wilhelm überhaupt auf die Idee gekommen war, in die Politik zu gehen, kann Machtan treffend auf dessen Wahrnehmung des faschistischen Regimes in Italien zurückführen. Bekannt ist schon länger, dass der Prinz 1928 zum ersten Mal von Benito Mussolini in Rom empfangen wurde. Dem folgten vier weitere Audienzen beim italienischen Diktator, die nächste schon im März 1930. Wilhelm konnte das faschistische Regime als „eine Art Dyarchie“ (S. 32) zwischen König Viktor Emanuel III. von Italien und dem Ministerpräsidenten Mussolini verstehen. Indem er dieses Modell auf Deutschland übertrug, sah er sich in einem autoritären Regime selbst als Monarch, von dem der Reichskanzler abhängig gewesen wäre. Es fehlte nur noch der ‚Führer‘ einer faschistischen Massenbewegung. Nach seinem Wahlsieg vom 14. September 1930 war dies in den Augen des Kronprinzen Adolf Hitler. Schon am 30. Oktober traf er sich erstmals mit ihm.
Als 1932 die Wiederwahl des Reichspräsidenten anstand, sah Wilhelm seine Chance gekommen. Er wollte bei der Wahl kandidieren, um als demokratisch gewählter Reichspräsident die Monarchie wiedereinführen zu können. Hitler sollte „als Duce“ (S. 119) die Exekutive erhalten. Tatsächlich bewirkte der Prinz mit dieser Initiative, dass die Hohenzollern in der politischen Öffentlichkeit erstmals wieder präsent waren. Faktisch saß er jedoch „zwischen den Stühlen“ (S. 124). Hitler spielte zudem nur zum Schein mit. In seinem Tagebuch bezeichnete Josef Goebbels den Hohenzollern als „harmlosen Irren“ (zit. S. 96). Der Exkaiser sprach intern von „absolutem Blödsinn, einer Utopie“ (S. 97) und gab seinem Sohn den Befehl, seinen politischen Plan sofort aufzugeben. Dem folgte dieser bekanntermaßen bedingungslos, was ihn politisch aus dem Spiel brachte. Wie Machtan überzeugend zeigen kann, hat Wilhelm dies nur nicht wahrgenommen. Nach dem 30. Januar 1933 wandte er sich sofort Hitler zu, in der absurden Hoffnung, mit ihm die Krone zurückgewinnen zu können. Deshalb ließ er sich in der Potsdamer Garnisonskirche zu einem Schulterschluss mit dem ‚Führer‘ missbrauchen. Und deshalb versicherte er Hitler immer wieder, sogar nach den politischen ‚Säuberungen‘ durch die Röhm-Morde, seine „vorbehaltlose Treue“ (S. 227). Treffend bezeichnet Machtan dieses Verhalten als „würdelos“; er erklärt es mit einer Mischung aus Opportunismus und Panik (ebd.).
Das Buch ist geradezu flott geschrieben, was seine Lektüre durchaus erleichtert. Es kann jedoch nicht verschwiegen werden, dass sich der Autor häufig zu Wendungen versteigt, die nur als Stilblüten bezeichnet werden können. Dazu nur ein paar Beispiele: Ein Besuch Hitlers im Hause des Kronprinzen sei „etwas kryptisch verhunzt“ wiedergegeben worden (S. 49); dem Kronprinzen sei „viel Wind ins royale Antlitz“ geblasen worden (S. 143); von einer „verantwortungsfreien Intrigenwirtschaft à la Ancien Regime“ ist die Rede (S. 151); „Schleichers vermeintlicher Geniestreich“ wird als ein „totgeborenes Kind“ bezeichnet (S. 164). Man kann darüber aber auch hinweglesen. An der Substanz des Buches ändert das ohnehin nichts. Trotz aller Einwände handelt es sich um ein wichtiges und lesenswertes Buch.