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Einzelrezension

Knöbl, Wolfgang: Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Sozialtheorie, 316 S., Suhrkamp, Berlin 2022.


Keywords: Review, Knöbl, Wolfgang, 2022, Soziologie, Sozialtheorie, Theoriegeschichte, Geschichtsphilosophie, Historismus, Kritik, Prozessbegriffe

How to Cite:

Dipper, C., (2022) “Knöbl, Wolfgang: Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Sozialtheorie, 316 S., Suhrkamp, Berlin 2022.”, Neue Politische Literatur 68(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-022-00457-4

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© The Author(s) 2023 under CC BY International 4.0

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Published on
2022-11-25

Peer Reviewed

„Geschichte“ sei „die Sinngebung des Sinnlosen“, formulierte 1919 Theodor Lessing provokant. Nach der Lektüre von Wolfgang Knöbls beeindruckendem Buch möchte man ergänzen, dass auch Soziologie die Sinngebung des Sinnlosen ist. Und wie Lessing seinerzeit die Aufmerksamkeit seiner Kollegen – vergeblich – auf die Fallen ihres Metiers hat lenken wollen, damit sie von ihren unreflektierten geschichtsphilosophischen Grundannahmen ablassen, so deckt Knöbl die Tücken auf, die seine Disziplin wegen ihrer zumeist unbewussten geschichtsphilosophischen Grundannahmen zu übersehen pflegt. Die größte Tücke ist zweifellos die Modernisierungstheorie, gegen die Knöbl seit Jahren zu Felde zieht, aber in diesem Buch geht es ihm ganz generell um die Prozessbegriffe, die die Soziologie seit Langem prägen. Anhand der drei Beispiele „Industrialisierung“, „Demokratisierung“ und „Individualisierung“ demonstriert er mit bemerkenswerter Literaturkenntnis (drei Sprachen, vier Disziplinen) die Probleme des freihändigen Umgangs mit ihnen. Aber es ist ja nicht nur die Soziologie, die Prozesse ohne Weiteres als realhistorische Gegebenheiten betrachtet. Politik- und Geschichtswissenschaft – letztere vorzugsweise, sofern sie sich als Historische Sozialwissenschaft betrachtet – begehen vielfach denselben Fehler, wenn sie Prozesse als quasi-naturhafte Verläufe in Richtung Gegenwart und Epochen ohne nähere Prüfung ihrer Tragfähigkeit verwenden, wo doch schon Johann Gustav Droysen seine Hörer ermahnt hat, „daß es in der Geschichte so wenig Epochen gibt wie auf dem Erdkörper die Linien des Äquators und der Meridiankreise […]“.

Doch der Reihe nach. Das Buch – übrigens mit Sach- und Personenregister und einer zusammenfassenden Einleitung ausgestattet, was das Arbeiten mit ihm sehr erleichtert – gliedert sich in zwei Teile. Der erste lautet: „Sozialtheorie zwischen Geschichtsphilosophie und Historismus“ und enthält im Wesentlichen einen Rückblick auf die Theoriegeschichte bis 1933/1945, der trotz dieser Zäsur nicht auf Deutschland beschränkt ist. Der zweite ist programmatisch angelegt und daher mit der Losung überschrieben: „Befreiung von Historismus und Geschichtsphilosophie – so oder so“. Man könnte auch sagen, es geht zunächst um Re-, dann um Dekonstruktion der Sozialtheorien mit ihren Gegenwartsdiagnosen. Nur diese interessieren Knöbl, also die akademischen Diskurse, nicht die ganze Soziologie, nicht das, was neuerdings „praktische Soziologie“ heißt.

Mit „Wege nicht gegangen“ ist Kapitel 2 überschrieben, in dem Knöbl die unvereinbaren Grundhaltungen der großen Antipoden Talcott Parsons und Raymond Aron gegenüberstellt. Letzterer ist Knöbls ‚Held‘, weil er „das Ich unhintergehbar als ein historisches Wesen und als einen im historischen Kontext handelnden (politischen) Akteur“ begriff (S. 42). Dass er sich wegen der Zeitumstände nicht durchsetzen konnte, führte zu den beschriebenen Mängeln der soziologischen Disziplin. Die beiden folgenden Kapitel zeichnen mit beeindruckender Sachkenntnis die Auseinandersetzung zunächst der Historiker – insoweit ist das Buch fast zugleich eine Geschichte der Geschichtsschreibung – und später der Soziologen mit der übermächtigen Geschichtsphilosophie und dem in dieser Hinsicht ziemlich erfolglosen Historismus nach, zumal in der krisenhaften Zwischenkriegszeit die Geschichtsphilosophie „wegen gesteigerter Nachfrage nach Sinngebung“ zu „einer neuen Blüte“ (S. 124) gelangt ist. Karl Mannheim erfährt bedingtes, Siegfried Landshut dagegen hohes Lob – nicht der Entdecker der Marx’schen Frühschriften, sondern der Autor der „Kritik der Soziologie“ (1929). Sie reflektiere nicht wirklich, wozu es sie geben soll, und konstruiere überdies mithilfe der von ihr vorgenommenen Dichotomisierung der Vergangenheit unhinterfragte Prozessbegriffe. Landshuts Kritik, die, durchaus nachvollziehbar, auch Max Weber wegen dessen unreflektierter Koppelung seiner Idealtypen mit Prozessen einschloss, sei „nach wie vor aktuell“ (S. 135), endet der erste Teil.

Kapitel 5 beschreibt die Amerikanisierung der Soziologie, genauer: die Verbreitung einer Großtheorie sozialen Wandels, deren politischer Ursprung – Harry S. Trumans Containment-Strategie – längst vergessen ist. Knöbl wiederholt hier seine schon oft vorgetragenen Einwände: Es handle sich um klassische Geschichtsphilosophie, die ‚den Westen‘ verabsolutierte (die postkoloniale Kritik daran leide bei aller Berechtigung daran, dass sie sich ihrerseits nicht hinterfrage) und innergesellschaftliche Ungleichzeitigkeiten nicht beachte. ‚Moderne‘ sei trotz gegenteiliger Bemühungen kein Ausweg, zumal ihr viele auch noch Subjektcharakter verliehen hätten, sodass sie jetzt sogar selbst handle. Die von Neil Smelser und Niklas Luhmann ins Spiel gebrachte Alternative – Differenzierung – habe sich nicht durchgesetzt, das Moderne-Konzept blieb „letztlich sakrosankt“ (S. 161), zumindest während der trente glorieuses, als es wohl einem verbreiteten Zeitempfinden entsprach. Damals (später nicht mehr, möchte der Rezensent hinzufügen) ordnete ihr sogar Reinhart Koselleck seine Sattelzeithypothese unter, weshalb er von Knöbl nur eingeschränktes Lob erhält. Knöbl irrt jedoch, wenn er der historischen Semantik vorwirft, sie gebe „keine ausreichenden Hinweise“, ob die sprachlichen Zäsuren verlässliche Erkenntnisse über tatsächliche Epochengrenzen vermitteln, um „damit der im Historismus virulenten Frage der Willkür der Perspektiven zu entkommen“ (S. 166). Kosellecks begriffsgeschichtliche Arbeiten lieferten jedenfalls den Nachweis, dass bereits die Zeitgenossen die Vorstellung einer Zäsur entwickelt hatten. Und da Zäsuren bekanntlich nicht in der Natur vorkommen, sondern nur in der menschlichen Vorstellung – siehe Droysen –, sind die so festgestellten Epochengrenzen eine geschichtliche Tatsache. Den beiden anderen Vertretern einer verzeitlichten Moderne-Theorie, Luhmann und Hartmut Rosa, spricht Knöbl dagegen zu Recht eine gelungene Korrektur beziehungsweise Erweiterung der Moderne-Theorie ab.

Das siebte Kapitel – „Weg von der Geschichte, hin zu den Prozessen [Hervorh. im Orig.]“ überschrieben – stellt letztere in den Mittelpunkt, weshalb, von Luhmann abgesehen, deutsche Soziologen hier nicht vorkommen. Lob erhalten hingegen Christian Meier und Wolfgang J. Mommsen für ihre – freilich am Ende gescheiterten – Versuche einer historiographischen Prozess-Theorie, entschieden mehr jedoch die vom landestypischen Strukturalismus beeinflussten französischen Soziologen Georges Gurvitch und Michel Dobry mit ihrer großen Skepsis gegenüber linearen Theorien sozialen Wandels. Den entscheidenden Hinweis verdanke man jedoch Andrew Abbott, der bei seiner Kritik der Prozessbegriffe auf die bisher vernachlässigte Bedeutung der Narrativität für die Sozialwissenschaften hingewiesen und damit Knöbl das entscheidende Stichwort für das nächste Kapitel geliefert hat.

Dieses zeigt die Soziologie seit den 1980er Jahren „Auf dem Weg zu einem reflektierten Umgang mit den ‚‑isierungen‘“ (Überschrift). Neben hier nicht referierten konkreten Anstößen war das letztlich der sich abzeichnende, von Knöbl aber nicht weiter diskutierte linguistic turn, der „innerhalb der Wissenschaftstheorie“ zu einer Abschwächung des „Verdachts gegen das Erzählen als eines unwissenschaftlichen Vorgehens“ führte (S. 249). Eine Nebenfolge sei gewesen, dass nun „allzu große Meistererzählungen“ in Verruf kamen (S. 255), selbst so vorsichtig konstruierte wie die von Jürgen Habermas oder Klaus Eder. Die sieben wesentlichen Erkenntnisse der erzähltheoretischen Debatte benutzt Knöbl abschließend, um an den drei eingangs genannten Prozessbegriffen zu demonstrieren, was sozialwissenschaftlich zu tun ist.

Im kurzen Schlusskapitel formuliert Knöbl sein zentrales Anliegen: Die Soziologie müsse ihre Prozessbegriffe endlich ernsthaft reflektieren und sich damit auf das Niveau ihrer Nachbarfächer stellen. Er verstehe sein Buch daher „nicht als eine Fundamentalkritik an der Geschichtsphilosophie“ (S. 300), weil man auf sie gar nicht verzichten könne, lediglich an der althergebrachten „materialen“, während die modernere die Aussagebedingungen für die Vergangenheit berücksichtige. Keine ‚Tempelreinigung‘, sondern „kritische Sichtung“ (S. 279) mit dem Ziel, „das Theoriebesteck der Soziologie durch Rückgriff auf erzähltheoretische Argumente zu erweitern und Formen der Begriffsbildung zu hinterfragen und auf eine neue Basis zu stellen“ (S. 304). Die Verknüpfung mit der Handlungstheorie sei Aufgabe der Zukunft.

Knöbl redet vor allem seiner eigenen Disziplin ins Gewissen, die Geschichtswissenschaft kommt bei ihm gut weg. Gleichwohl schreibt er auch ihr ein paar Dinge ins Stammbuch, die abschließend wenigstens genannt werden sollen. Was meinen Historiker eigentlich, wenn sie von ‚Prozess‘ sprechen, und was ist ein geschichtliches ‚Ereignis‘? Der jüngst verstorbene Thomas Welskopp versagte sich bei Ersterem 2015 große Hoffnungen, weil sich mit diesem deterministische und/oder teleologische Annahmen nahezu zwingend einschleichen, während Frank Bösch 2020 zuversichtlich von den Möglichkeiten sprach, das ‚Ereignis‘ von der ‚Tatsache‘ trennen zu können. Und welche Folgen hat es, wenn die Geschichtswissenschaft dem breiten Trend nachgibt und eine strikte Zäsur zwischen Moderne und Vormoderne annimmt? Wer zu diesem Stichwort in geschichtswissenschaftlichen Lexika nachschlägt, findet nichts. Das gibt zu denken.

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