Der Ideenhistoriker Jens Hacke hat mit seiner 2018 veröffentlichten Habilitationsschrift „Existenzkrise der Demokratie“ eine viel beachtete Studie zum politischen Denken der Weimarer Republik vorgelegt, in der er liberale Autoren wie Hans Kelsen, Karl Loewenstein und Moritz Julius Bonn gegen rechte bis rechtsextreme Positionen in Stellung gebracht hat. Damit verbunden war die implizite These, dass auch heutzutage eine Rückbesinnung auf die „politische Theorie des Liberalismus in der Zwischenkriegszeit“, so der Untertitel der Studie, erforderlich sei. Was Hacke damals jedoch nur andeutete, rückt er in dem nun vorgelegten Sammelband „Liberale Demokratie in schwierigen Zeiten“ ins Zentrum, wie bereits der Untertitel annonciert: „Weimar und die Gegenwart“.
Der Band enthält elf Beiträge, die mal einen stärker essayistischen, mal einen stärker politikwissenschaftlichen Charakter besitzen. Der größte Teil enthält Miniaturen zu zentralen politischen Denkern der Weimarer Republik. Dabei setzt sich Hacke nicht nur mit liberalen Autoren wie Max Weber, Moritz Julius Bonn, Karl Loewenstein und Hans Kelsen auseinander, sondern es geht auch um dezidierte Kritiker der parlamentarischen Demokratie wie Carl Schmitt und Robert Michels sowie um ambivalente politische Denker wie Thomas Mann. Die Texte sind insgesamt sehr flüssig geschrieben. Keinen Zweifel lässt der Autor daran, wo seine Sympathien liegen, nämlich wenig überraschend bei den liberalen Autoren und insbesondere bei Bonn, dessen Wiederentdeckung Hacke wesentlich zu verdanken ist. Bemerkenswert ist aber, dass er eine durchaus differenzierte Position zu Carl Schmitt einnimmt. Zwar ist Hacke weit davon entfernt, dem „Faszinosum Schmitt“ zu erliegen und auch für ihn ist Schmitt der Antipode des Liberalismus, doch zugleich attestiert Hacke Schmitt, dass er „die Gefahren, die dem politischen System der Weimarer Republik drohten, klarer analysierte als viele liberale Demokraten“ (S. 161). Das kann man als zumindest implizites Plädoyer dafür deuten, auch heutzutage wieder Schmitt zu lesen – nicht um seiner antiliberalen Suggestionskraft zu erliegen, sondern um einen geschärften Blick für die strukturellen Probleme der liberalen Demokratie zu entwickeln.
Allerdings distanziert Hacke sich von einer vorschnellen Parallelisierung des Endes der Weimarer Republik mit den heutigen Verhältnissen liberaler Demokratien und sieht lediglich „oberflächliche Strukturähnlichkeiten“ (S. 9), im Einzelnen die zunehmende Infragestellung des Parlamentarismus, die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und schließlich „einen Vorbehalt gegenüber den Verteilungsgerechtigkeiten einer kapitalistischen Ordnung“ (ebd.). Hacke überzeugt mit seiner Distanzierung von einer Gleichsetzung der heutigen „Krise der Demokratie“ mit den Verhältnissen am Ende der Weimarer Republik, denn zu viele Unterschiede springen ins Auge: angefangen bei einem anderen demokratischen System mit stärker ausgeprägtem Parlamentarismus und einer deutlichen Einbettung in ein europäisches Mehrebenensystem über eine zumindest vergleichsweise gefestigtere demokratische Kultur gerade bei den Eliten bis hin zu völlig anderen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Dennoch bleibt Hacke eine detaillierte Antwort auf die Frage, wo genau sich „Weimar und die Gegenwart“ (S. 7) unterscheiden, schuldig.
Dem ungeachtet ist die Aufsatzsammlung bemerkenswert. Denn auch wenn Bonn unter dem Schlagwort „liberale Vernunft“ firmiert wird und damit eine Antwort auf die „Herausforderung des Autoritarismus“ zu liefern verspricht, hat sich doch der Tonfall gegenüber dessen früherer Lobpreisung in der Habilitationsschrift deutlich verändert. So betont Hacke nun, dass Bonns Bestreben, Kapitalismus und Demokratie zu versöhnen, „wenig systematische Anhaltspunkte bot“ und dass trotz Bonns Einsatz für Mindestlöhne und seiner Kritik an der Macht großer Kartelle dessen Ablehnung „sozialpolitischer Maßnahmen“ (S. 132) zu „verheerenden politischen Folgen“ (S. 135) führte.
Dass der sozialen Frage nicht nur mit Blick auf die Weimarer Republik, sondern auch für die heutigen Herausforderungen der liberalen Demokratie eine besondere Rolle zukommt, ist eine der zentralen Thesen der Aufsatzsammlung, und das gerade in den jüngeren Veröffentlichungen. Entsprechend beherzt plädiert Hacke – neben einer „Reaktivierung demokratischer Selbstkritik“ (S. 176) sowie der Notwendigkeit des Vertrauens gerade auch in staatliche Institutionen – für einen erneuerten Sozialliberalismus: „Die Pflege des öffentlichen Raumes in Kommunen und Städten, der Zugang zur Bildung, die Gewährung von Lebenschancen, die Bereitstellung einer funktionierenden Infrastruktur, die Sorge um die ökologischen Grundlagen“ (S. 177). Soziale Gerechtigkeit bezeichnet er an späterer Stelle in einem Beitrag über die „Krise der Repräsentation“ sogar als das „Kernversprechen der Demokratie“ (S. 217). Dem bleibt wenig hinzuzufügen, bis auf die Tatsache, dass ausgerechnet ein politischer Denker der Weimarer Republik, der am entschiedensten für eine soziale Demokratie plädiert hat und der von Hacke ebenfalls dem liberalen Denken zugeordnet wird, lediglich am Rande und auch nur mit Blick auf seinen Beitrag zur „wehrhaften Demokratie“ zu Wort kommt: Hermann Heller.
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