Dieses Buch zeigt die Stärken und Schwächen heutiger Weltgeschichtsschreibung in eindrucksvoller Weise. Unmittelbar drängen sich die Stärken dem gebannten Leser auf, der sich von der Kunst des Autors mitreißen lässt, historische Vielfalt quer über die Südhälfte des Planeten zu evozieren. Die Schwächen zeigen sich, wenn man darüber nachdenkt, was da rhetorisch entfesselt wird. Sujit Sivasundaram, preisgekrönter Historiker aus Sri Lanka und Professor of World History in Cambridge, hat auf viel gelobte Monografien zur Geschichte des Pazifik und des Indischen Ozeans eine umfassende Neuinterpretation des „Revolutionszeitalters“ folgen lassen. Die Kernepoche der 1790er bis 1820er Jahre bettet er in einen größeren zeitlichen Rahmen ein, der 1722 mit dem Sturz der Safawiden-Dynastie im Iran durch afghanische Invasoren beginnt und 1853 mit der Einführung einer Repräsentativverfassung in der britischen Kapkolonie endet.
Der Autor leugnet nicht, dass die welthistorische Dynamik letzten Endes von Frankreich ausging, also vom ‚Norden‘. Er geht in seinem Revisionismus nicht so weit, die Französische Revolution zu ‚provinzialisieren‘. Auch beschönigt er die Tatsache nicht, dass es unter den zahlreichen Aufstandsbewegungen und Umstürzen im Süden keine bisher unbekannte ‚große‘ Revolution gab, folglich nichts, das der Haitianischen Revolution (1791 bis 1804) an die Seite zu stellen wäre. Das Buch zeigt hier ein realistisches Augenmaß. Seine bedeutende Leistung liegt darin, das Gesamtbild des Revolutionszeitalters um den indopazifischen Raum zu erweitern, der vom Kap der Guten Hoffnung und der Insel Mauritius im Westen bis Neuseeland und Polynesien im Osten reicht und sich nördlich bis Bengalen und zu den chinesischen Schauplätzen des Ersten Opiumkriegs (1839 bis 1842) erstreckt. Die übliche atlantische Sicht auf das Revolutionsgeschehen – Philadelphia, Paris, Haiti – wird um das ergänzt, was Sivasundaram als einen riesigen, in sich verflochtenen Kommunikationsraum des damals erst teilweise kolonisierten Südens beschreibt. Man liest allerdings zwischen den Zeilen, dass dieser Raum keine gemeinsame Identität ausbildete, sich demnach – um mit dem Zeitgenossen Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu sprechen – seiner selbst als Zusammenhang (noch) nicht bewusst war.
Sivasundaram denkt vom Wasser her. Ein immer wieder aufscheinendes Bild ist die Bewegung vom Meer zum Land. Inseln, Küsten und Hafenstädte sind für ihn wichtiger als Hinterländer. Die historische Dynamik geht von mobilen Akteuren auf dem Meer aus. Erst später wird von dort aus Herrschaft über Land aufgebaut. Solche Territorialisierung kennzeichnet dann die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ganz überraschend und thesenfrisch ist dieser Meeresakzent nicht, denn wie hätten damals die Menschen sonst über große Distanzen hinweg mobil sein können? Auch über den Atlantik reiste die Weltrevolution auf Segelschiffen.
Das Buch ist eine erstaunliche Forschungsleistung. Sujit Sivasundaram war überall, hat unzählige Archive besucht und örtliche Historikerinnen und Historiker befragt. In einem unterhaltsamen Nachwort berichtet er von seinen Forschungsabenteuern, manchmal an der Grenze zu Sand-und-Palmen-Kitsch. Es war unvermeidlich, dass dennoch viele seiner Quellen europäischer Provenienz sind. Bei allen Versuchen, indigene Stimmen neu zu entdecken, muss man manche voices versteckt in westlichen Texten suchen. Erstaunlich viele literarische Äußerungen asiatischer Akteure sind bereits vor längerer Zeit übersetzt und ediert worden. Es ist ein großes Verdienst des Autors, dieses Material zusammengetragen und zum Sprechen gebracht zu haben.
Mit großem Geschick macht Sivasundaram Lebensläufe anschaulich. Das Buch ist mikrohistorisch-individualistisch angelegt und sagt wenig über Gruppen und überhaupt über soziale Formationen aus, damit einer in der Globalgeschichte verbreiteten Scheu vor dem Sozialen folgend. Die suggestive Weltunmittelbarkeit einzelner Biografien ist jedoch nicht unbedingt plausibel. Vieles, was uns heute als atemberaubend ‚global‘ erstaunt, dürfte für die Menschen um 1800 gar nicht so grandios gewesen sein. Manche von ihnen lebten mobil, waren unterwegs und mussten von Station zu Station mit den jeweiligen lokalen Verhältnissen (‚Kontexten‘) zurechtkommen.
Drei Schwächen dieses eindrucksvollen Werkes weisen symptomatisch über das Buch selbst hinaus. Erstens deutet der Autor verschiedentlich an, dass hinter lokalen „Revolutionen“ eher Selbstbehauptung (self-assertion) als antikolonialer Umsturzwille steckte, mithin die defensive Abwehr Europas. Solche Selbstbehauptung – typischerweise als Stärkung und Zentralisierung existierender Monarchien, manchmal auch deren Bürokratisierung – war reaktiv und wählte oft Lösungen, die den Norden imitierten. Beispiele dafür, dass man bewusst und auf längere Sicht erfolgreich auf einheimische politische Formen zurückgriff, waren selten – etwa buddhistische Vorstellungen von Monarchie in Südostasien und Sri Lanka. Dieser, wie man es nennen könnte, strukturelle Eurozentrismus passt nicht so recht ins postkoloniale Gesamtbild und wird nicht thematisiert. Sivasundarams Anschlussthese, all diese kreative Unruhe sei ab den 1830er Jahren von einem eisernen europäischen Kolonialismus niedergewalzt worden, verkauft dann paradoxerweise die asiatische Selbstbehauptung unter Wert. Nach der Jahrhundertmitte erzielte sie durchaus Erfolge: in Japan, Siam, Korea, zum Teil auch in China, das seine vollständige Kolonisierung verhindern konnte.
Zweitens führt Sivasundaram überraschend und nahezu kontextfrei einen klassischen Begriff des europäischen politischen Denkens ein. Immer wieder habe sich das Standardmuster „revolution followed by counter-revolution“ (S. 333) wiederholt. Es hilft aber nicht weiter, den zweifellos aggressiven und zerstörerischen Kolonialismus ab den 1830er Jahren – in Indien gab es immerhin, wie der Autor zugibt, zunächst eine nicht ganz so fürchterliche Reformphase – als „Konterrevolution“ zu bezeichnen. Wenn die Aufstände und Selbstbehauptungen im indopazifischen Raum kaum als „Revolutionen“ charakterisiert werden können, was soll dann „Konterrevolution“ bedeuten, sprich die zumindest intendierte Wiederherstellung früherer Zustände? Briten, Niederländer und (etwas später) Franzosen taten eher das Gegenteil. Sie arrangierten sich entweder mit einheimischen Machthabern und praktizierten „colonialism on the cheap“ (wie in Malaya) oder zerschlugen (wie in Burma oder auf Java) alte Strukturen. Kolonialismus wirkte eher revolutionär als „konterrevolutionär“. Dieser aus dem Europa Edmund Burkes und Joseph de Maistres importierte Begriff führt in die Irre.
Drittens regt das Buch dazu an, die Methodologie von Globalgeschichte zu überdenken. Das dominierende Bild ist das der „Wellen“ (waves, häufiger: surges), in dem eine kraftvolle agency des Südens zum Vorschein kommt. Dieses Bild ist im 20. Jahrhundert durch die Komintern, den Maoismus und den tiers-mondisme in Umlauf gekommen. Es lässt sich schön mit Sivasundarams Meeres-Geschichte assoziieren. Nun sind damit aber nicht die regelmäßigen Bewegungen der Ozeane gemeint, sondern großräumige und dramatische Revolutions-Tsunamis, die sich durch mechanische Impulsfortpflanzung rasend schnell verbreiten. Eine konventionelle Geschichtsschreibung hätte die Metaphorik des Flächenbrandes bevorzugt, in Pandemiezeiten könnte man von „revolutionärer Ansteckung“ sprechen. Hinter solchen naturalistischen Metaphern verbergen sich schwierige Fragen nach den Formen politischer Transmission und letzten Endes nach Kausalität. Wirkungszusammenhänge müssten im Detail nachgewiesen und nicht nur pauschal suggeriert werden. Sivasundaram hat dafür im Prinzip das Material zur Hand. Aber die abstrakt immer wieder behauptete „Konnektivität“, die sich zu den surges verdichtet, schwebt als fast schon geschichtsphilosophische Vision hoch über den vielen schönen Protestgeschichten, die das Buch erzählt. Es ist eine andauernde Herausforderung an die Globalgeschichte, „Konnektivität“ nicht nur zu behaupten und in Narrativen auszubreiten, sondern ihre Funktionsweise – geradezu ihre Mechanismen – zu beschreiben und zu erklären. Hätte Sujit Sivasundaram das getan, wäre sein schwungvolles Buch freilich pedantischer und langweiliger ausgefallen. Eine deutsche Übersetzung hätte es in jedem Fall verdient.
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