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Einzelrezension

Feroz, Emran: Der längste Krieg. 20 Jahre War on Terror, 224 S., Westend, Frankfurt a. M. 2021.


Keywords: Review, Feroz, Emran, 2021, Afghanistan, Krieg, Gewalt, Kriegsverbrechen, 11. September, Antiterrorkrieg, Postkolonialismus

How to Cite:

Drephal, M., (2022) “Feroz, Emran: Der längste Krieg. 20 Jahre War on Terror, 224 S., Westend, Frankfurt a. M. 2021.”, Neue Politische Literatur 67(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-022-00451-w

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© The Author(s) 2022 under CC BY International 4.0

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Published on
2022-09-20

Peer Reviewed

Mit „Der längste Krieg. 20 Jahre War on Terror“ legte Emran Feroz 2021 ein wichtiges Buch vor, das die „afghanische Sichtweise der Dinge“ (S. 18) aufzeigen und die „Märchen und Falschaussagen rund um die Afghanistan-Kriege dekonstruieren“ sollte (ebd.). Das Buch ist ein Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit westlichem Wissen beziehungsweise mit „Unwissen, oder rassistischen und orientalistischen Stereotypen“ unter den „Unwissenden und Ignoranten“ (S. 13, 11), welche nicht erst seit 2001 militärische und andere Interventionen in Afghanistan unterbaut haben. Diese einschneidende Kritik ist von enormer Relevanz – in Afghanistan selbst, aber auch in allen gesellschaftlichen Bereichen ‚bei uns‘, wo Aufarbeitung stattfindet.

In der Einleitung umreißt das Buch die kolonialen Muster in Erzählungen zu Afghanistan und fügt sie dabei in un- und untererfasste Skalen von Gewalt seit 2001 ein. Der Beginn des Krieges 2001 erscheint hier als „kollektive Bestrafung eines gesamten Volkes, das mit den Anschlägen in den Vereinigten Staaten nichts zu tun hatte“ (S. 12). Manche Sätze prägen sich ein: „Es spricht im Grunde genommen für sich, dass bis heute niemand sagen kann, wie viele Afghanen in diesen Tagen zu Tode bombardiert wurden. Niemand hat sie gezählt“ (S. 14). Feroz berichtet von „den brutalsten Kriegsverbrechen in der jüngeren afghanischen Geschichte“ (ebd.) und klagt die Auslöschung von Tausenden von Leben an. Er erläutert, wie „Folter und Massenmord“ legalisiert (S. 20), militärische Gewalt (gewollt) nicht erfasst und kritische Stimmen sowie unerwünschte Fakten unterdrückt wurden.

Das zweite Kapitel – „Wie der Kreuzzug begann: Der Pate des Dschihad“ – bespricht die Vorgeschichte des 11. September 2001. Anschließend widmet es sich Hamid Karzai und seinem Aufstieg zum „Präsident[en] des ‚neuen‘ und ‚demokratischen‘ Afghanistans“ beziehungsweise „‚Bürgermeister[s] von Kabul‘“ (S. 49). Feroz beschreibt, wie bereits zu Beginn des Antiterrorkrieges Strukturen des Scheiterns in Afghanistan geschaffen wurden. Die internationale Allianz arbeitete nicht nur mit sogenannten „Warlords“ zusammen, sondern führende Politiker und Diplomaten, wie der Sondergesandte und spätere US-Botschafter in Afghanistan Zalmay Khalilzad „wiederholt[en]“ auch „neukolonialistische Narrative“ (S. 48) über Afghanistans ethnische Heterogenität – eine aus der britischen Kolonialzeit des 19. Jahrhunderts stammende ethnografische Wissensproduktion. Trotzdem wurde der Afghanistan-Einsatz von 2001 zu einem ‚guten‘ und bis heute immer noch selten hinterfragten Krieg stilisiert.

Kapitel 3 – „Das ideologische Gerüst des ‚War on Terror‘“ – befasst sich eingehender mit jener „Weltanschauung“, welche Gewalt in Afghanistan ideologisch ermöglichte beziehungsweise sie als solche unsichtbar machte. Der Bogen greift dabei von der britischen Kolonialgeschichte bis zum „genozidalen Antiterrorkrieg der Sowjets“ (S. 68) in den 1980er Jahren. Das Kapitel bringt so auch das tiefe, historische Leiden Afghanistans und seiner Menschen vom 19. und frühen 20. Jahrhundert zum Vorschein – Geschichte(n), die oftmals unter dem eurozentrischen und neoimperialen Wendepunkt von 2001 unterschlagen werden.

Das Kapitel mit der Überschrift „Auszüge des Grauens“ behandelt „Kriegsverbrechen westlicher Truppen“ (S. 83) (anderswo auch „Massaker“ genannt, so zum Beispiel S. 15). Hier sticht mutiger Journalismus heraus, der sich den Gesetzen von Macht widersetzt. Warum der Autor lediglich von einem „deutsche[n] Schandfleck Kunduz“ (S. 85) spricht, bleibt offen, denn was bei der Lektüre deutlich wird, ist, dass mit der Charakterisierung von Kriegsverbrechen als ‚Einzelfall‘ (wie etwa die ‚Einzelfälle‘ Klein und Bales) die Frage nach (Il‑)Legitimität unausgesprochen bleibt. Trotzdem arbeitet die Diskussion genau in diese Richtung und führt weitere ‚Einzelfälle‘ an, die oft undokumentiert geblieben sind, weil sie an den Grenzen (zerstörter oder auch bewusst unterwanderter) afghanischer Staatlichkeit und Jurisdiktion begangen wurden.

Das längste Kapitel 5 bespricht „sechs Vergehen des ‚War on Terror‘“: im Einzelnen die Expansion von Terror anstelle von dessen Bekämpfung, eine westliche „Kreuzzügler-Kultur“ (S. 117), das Unterfüttern von „Warlordismus“ und „Korruption“ (S. 124), die „Todesengel“ des Drohnenkriegs (S. 142) sowie Flüchtlingskrisen und „die Mär von der Frauenbefreiung“ (S. 169). Angesichts der eingehenden Beschäftigung mit diesen Vergehen erscheinen in Kapitel 6 „ernüchternde Realitäten“.

Im Abschluss plädiert Feroz für einen „innerafghanische[n] Frieden von unten“ (S. 216), abseits von eingesessenen regionalen, nationalen und internationalen Machtvertretern. Hier eröffnet das Buch auch eine Anbindung an kritische Literatur, die sich mit der Marginalisierung von afghanischem Friedensdenken befasst hat, wie zum Beispiel Mechthild Exos „Das übergangene Wissen“ (2017). In der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft orientiert sich das Buch an der Zeit vor 1978. Um aber „Nostalgie und Verklärung“ (S. 215) zu vermeiden, darf man den Ost-West-Konflikt und seinen (post-)kolonialen Kampf um Hegemonie in Afghanistan nicht ausblenden.

„Der längste Krieg“ ist ein wichtiges Buch, das für all diejenigen besonders relevant ist, die sich infolge der beschriebenen Ereignisse mit Afghanistan beschäftigen – beginnend mit der Grundschule. Es ist Kritik, Autobiografie und journalistische Spurensuche zugleich, und regt eingehend an, über die eigene Positionierung gegenüber Wissen und Macht zu reflektieren. Es fügt sich ein in eine Reihe kritischer politik- und geschichtswissenschaftlicher Literatur der vergangenen zwei Jahrzehnte. Der Autor hat es mit Zitaten bekannter postkolonialer Denker und Denkerinnen wie Pankaj Mishra und Priyamvada Gopal reich durchsetzt, aber auch mit Aussagen einer Vielzahl von Zeitzeugen, die an westlicher Macht orientierte Diskurse effektiv zu durchbrechen verstehen.

Zu einer Zeit, in der die öffentliche Auseinandersetzung mit dem jüngsten Afghanistan-Krieg stattfindet und gleichzeitig auch bedroht ist, anderen friedensrelevanten Fragen in der internationalen Politik untergeordnet zu werden, macht das Buch deutlich, dass keine Aufarbeitung Geschichte ungeschehen machen kann: der Einband spricht von „Wunden, die womöglich niemals heilen werden“. Und doch ist die Aufarbeitung historisch gewachsener Gewalt ‚hier‘ und ‚dort‘ eine weiterhin dringliche Aufgabe.