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Einzelrezension

Hanisch, Marc: Der Orient der Deutschen. Max von Oppenheim und die Erfindung eines außenpolitischen Raumes (1896–1909), Campus, Frankfurt a. M./New York 2021.


Keywords: Review, Hanisch, Marc, 2021, Naher Osten, Mittlerer Osten, 19. Jahrhundert, Kaiserreich, Außenpolitik, Diplomatie, Orientbild, Postkolonialismus

How to Cite:

Lemke, B., (2022) “Hanisch, Marc: Der Orient der Deutschen. Max von Oppenheim und die Erfindung eines außenpolitischen Raumes (1896–1909), Campus, Frankfurt a. M./New York 2021.”, Neue Politische Literatur 67(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-022-00450-x

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© The Author(s) 2022 under CC BY International 4.0

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2022-09-20

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Der Nahe oder Mittlere Osten – hier insbesondere der „Mashriq“, das heißt die Region von Ägypten bis zum Irak – befand sich ab 2003, dem Beginn des Dritten Golfkrieges, etwa für zehn Jahre sehr stark im Fokus der Öffentlichkeit. Obwohl das Interesse mittlerweile deutlich abgenommen hat, bleibt das Thema auf der Agenda, nicht zuletzt, weil bis zu einer Million Flüchtlinge aus der Region hierzulande leben. Auch die Historiografie muss sich weiter mit dem Thema beschäftigen. Ein wesentlicher geschichtlicher Bestandteil der Beziehungen zu der Region und ihren Menschen sind die zahlreichen Orientreisenden und Kriegsteilnehmer im Zeitalter der Weltkriege, von denen beileibe noch nicht alle hinreichend untersucht worden sind. Ferner ist der komparatistischen Dimension bislang kaum nachgegangen worden.

Relativ gut, wenn auch noch nicht vergleichend, sind inzwischen hervorstechende Reisende und Gestalten erforscht. Auf deutscher Seite ist dies besonders Max von Oppenheim, der bereits im Zuge des „Fritz-Fischer-Streites“ prominent als einflussreicher imperialistischer „Mandarin“ des Kaiserreiches und später vor allem von anglo-amerikanischer Seite als „Kaiser’s Spy“ bezeichnet wurde. Die Forschung hat dieses Bild zwischenzeitlich deutlich infrage gestellt beziehungsweise revidiert. Oppenheim war nicht der große Intrigant und Agent des deutschen Imperialismus im Orient auf dem Wege in den Ersten Weltkrieg, sondern nicht zuletzt aufgrund seiner jüdischen Herkunft ein eher untergeordnetes, wenn auch markant auftretendes Mitglied des diplomatischen Dienstes. Dennoch ist seine Bedeutung auch in kultureller Hinsicht doch eine erhebliche.

Aufbauend auf dieser Forschungslage versucht Marc Hanisch in seiner Dissertation, den historischen Stellenwert Oppenheims umfassend zu analysieren. Unter Berücksichtigung der Netzwerke im Auswärtigen Amt seit der Bismarckzeit bettet er den Lebensweg und das Wirken Oppenheims in die außenpolitischen sowie diplomatischen Rahmenbedingungen ein. Dass er dabei auch die Perspektive der britischen Außenpolitik, etwa die Initiative des britischen Premierministers Robert Arthur Salisbury zur Aufteilung des Osmanischen Reiches, berücksichtigt, ist sehr zu begrüßen. Neben der Interessenpolitik und den politischen Konflikten zwischen den Imperialmächten analysiert Hanisch die Tätigkeit Oppenheims in der ägyptischen Öffentlichkeit, hier insbesondere im Zusammenwirken mit den antiimperialistischen Oppositionellen im Lande. Im Fokus stehen die letztlich irrigen Vorstellungen von Oppenheim als dem besonders einflussreichen „Kaiser’s Spy“ und Hauptakteur bei den Versuchen zur Erregung eines „Heiligen Krieges“ gegen die britische Herrschaft in Ägypten und Indien. Schließlich wird auch Oppenheims Beitrag zur Entstehung des deutschen Orientbildes beleuchtet.

Was die außenpolitisch-diplomatische Bedeutung Oppenheims sowie seine Bemühungen zur Erzeugung eines „Dschihad“ und dessen letztliches Scheitern anbelangt, bietet Hanisch im Grunde wenig Neues. Immerhin weist das Werk neben der ausführlichen Beschäftigung mit der Forschungsliteratur eine beeindruckende, geradezu gewaltige Quellenfülle auf. Besonders verdienstvoll ist indes die zumindest streckenweise Einbeziehung der postkolonialen Perspektive. Hanisch zeigt, wie sehr Oppenheim, und wohl auch die meisten Orientreisenden, trotz ihrer Expertise in der Region zeitlebens von Stereotypen bestimmt waren. Dies gilt etwa für Vorstellungen vom ‚Orientalen‘ als obrigkeitshörigem und damit leicht zu beeinflussendem Menschen, dem angeblich stets bestimmenden Primat der Religion, der fehlenden zivilisatorischen Entwicklung sowie der mangelnden Fähigkeit zu distanzierter rationaler Reflexion. Ferner stellt Hanisch Oppenheim im Rahmen der zeitgenössischen Orientdebatte unter Einbeziehung von Paul Rohrbach oder Friedrich Naumann dar. Klar wird, dass hier ein gewisser Grundkonsens im Bild von der Region und seinen Menschen herrschte. Insofern war Oppenheim trotz seines streckenweise recht exponierten Auftretens kein singulärer Forscher, Akteur oder „Entdecker“, sondern blieb im Kontext und Meinungsbild des Kaiserreichs eingebettet.

Insgesamt bleibt dieser, in der neueren Forschung auch inhaltlich bereits durchaus gewürdigte, Aspekt bei Hanisch unterbeleuchtet. Abgesehen von der – auch quellenmäßig naturgemäß nur schwer zu erforschenden – Frage, inwieweit Oppenheim tatsächlich in die deutsche Öffentlichkeit und Gesellschaft hineinwirkte, konzentriert sich Hanisch letztlich auf die macht- und außenpolitischen beziehungsweise diplomatischen Fragen. Dabei nimmt er durch die Auswahl seiner Quellen, diplomatische Akten, die ägyptische Tagespresse oder entsprechende Publikationen, vornehmlich die Perspektive ‚von oben‘ ein. Weitgehend ausgeblendet bleibt die Perspektive ‚von unten‘, der Regionen des Osmanischen Reiches, der Beduinen, der Halbsesshaften, der Städter, der zahlreichen Ethnien und Religionsgruppen. Oppenheim bereiste diese Regionen vielfach und verweist auf unzählige Kontakte und Freundschaften. Gerade hier liegt das Potenzial für komparatistische Studien, nicht zuletzt etwa vor dem Hintergrund des Arabischen Aufstands ab 1916. Die Briten scheinen hier erheblich erfolgreicher im Verständnis der Bevölkerung abseits der Herrschaftszentren in Istanbul oder Kairo gewesen zu sein. Der Autor geht auf entsprechende Perspektiven nur kurz in einigen Fußnoten ein. Stattdessen diskutiert er erneut sehr ausführlich die Rolle Oppenheims im Zusammenhang mit den imperialistischen Konflikten auf dem Weg zum Ersten Weltkrieg in Europa, verheddert sich hierbei auch etwas. Im Zuge des sehr engagiert vorgetragenen Bestrebens zur Korrektur des in der Vergangenheit überwiegend negativen Bildes von Oppenheim entsteht stellenweise der Eindruck, dass er nicht nur kein finsterer Spion des Kaisers war, sondern eher Opfer.

Man spürt streckenweise, wie sehr Hanisch mit der historischen Bedeutung und Verantwortung Oppenheims ringt. Der Autor oszilliert zwischen der Betonung des historischen Gewichtes seines Protagonisten und der Darstellung seiner untergeordneten Stellung in Außenpolitik und Diplomatie. Das Ziel war es wohl, Oppenheim von dem Makel des imperialistischen Kriegstreibers zu befreien, ihn gleichzeitig jedoch als einen der entscheidenden, vielleicht sogar den entscheidenden Präger des deutschen Orientbildes zu beleuchten. Dass derlei mit einer Analyse des Zeitalters des Imperialismus nur schwer vereinbar ist, liegt auf der Hand. Niemand, der von Bedeutung war, konnte außerhalb der imperialistischen Machtpolitik agieren. Dieser Erkenntniskonflikt ist bereits im ambitionierten Titel „Der Orient der Deutschen“ angelegt. ‚Die‘ Deutschen haben sich in der Epoche keineswegs wie gerechte Beförderer der Interessen der Menschen in der Region aufgeführt, auch wenn entsprechende Legenden, die vor allem im Zusammenhang mit dem recht simplen und wenig vertiefenden Hinweis, Deutschland sei ja nie ‚direkte‘ Kolonialmacht im Orient gewesen, teils bis heute verbreitet sind. Da hilft auch der immer wieder vorgebrachte, eher verschleiernde Hinweis, ‚die Anderen‘ (Engländer, Franzosen) seien ja nicht besser gewesen, recht wenig.

Überhaupt fragt man sich, ob die in Zusammenhang mit den 100. Jahrestagen des Ersten Weltkrieges und des Versailler Vertrages in Teilen der historiografischen Landschaft erneut auf die Agenda gebrachte Gesamtfrage der Kriegsschuld angesichts der Globalisierung und deren humanitären, kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und auch militärischen Auswirkungen auf Europa und Deutschland überhaupt noch von Belang ist, oder in Anbetracht der auch in Zukunft weiter zu erwartenden Anforderungen nicht schon überholt.

Im Ergebnis hat die konzentrierte Fokussierung auf Oppenheim auch recht problematische Züge, denn sie verstellt die Sicht auf die zahlreichen anderen deutschen Orientreisenden und Kriegsteilnehmer. Der Leser gewinnt trotz der Einbettung in die zeitgenössische Meinungslandschaft den Eindruck, dass vor allem Oppenheim von Belang war. Hier ist – gerade mit Blick auf die recht intensive Darstellung Oppenheims in TV-Dokumentationen und den Medien generell – vor einer Verzerrung des Blickwinkels zu warnen.

Einige weitere Defizite sind festzustellen. Hanisch thematisiert etwa die Armenier nur vereinzelt am Rande, darunter das sehr negative Bild Oppenheims von den Griechen und den Armeniern. Das Werk ist sicherlich explizit kein Beitrag zur in den letzten Dekaden sehr stark betriebenen Genozidforschung zum Völkermord an den Armeniern. Dennoch ist schon zu fragen, ob auch bei einer vornehmlich außen- wie machtpolitischen Perspektive im Zeitalter des Imperialismus nicht nur innenpolitische und kulturelle Dimensionen der europäischen Staaten, sondern auch der Regionen und Reiche des globalen Südens zu berücksichtigen sind.

Wenig befriedigend ist auch die Analyse der fortwirkenden außenpolitischen Bedeutung Oppenheims nach 1918. Hanisch kann hier am Schluss lediglich einen Ausblick geben, und letztlich trotz des Nachweises der weiterbestehenden Netzwerke Oppenheims nur vermuten. Die Quellenlage gerade im Nachlass Oppenheims verweist indes eher darauf, dass Gestalten wie Werner Otto von Hentig oder Fritz Grobba die Expertise und die Beziehungen Oppenheims sehr gerne nutzten, sich von ihm jedoch nichts vorschreiben ließen und vor allem nach der nationalsozialistischen Machtübernahme tunlichst von offener Kooperation absahen. Oppenheim war nach der rassistischen Diktion der Nationalsozialisten „Mischling ersten Grades“ und damit für andere Akteure potenziell karrieregefährdend.

Abgesehen von diesen Defiziten hat Hanisch ein Standardwerk auf der Basis einer gewaltigen Quellenfülle vorgelegt. Die Frage, ob man infolge der zunehmenden Ausschöpfung der ‚traditionellen‘ Quellen der staatlichen Archive in Zukunft weiter außen- und diplomatiegeschichtlichen Fragestellungen nachgehen oder nicht doch einen methodischen Wechsel hin zu den Menschen on the ground vollziehen sollte, bleibt indes erhalten. Die Quellenlage wird es zeigen.