Ulrich Herbert stellt sich eine Frage, die eigentlich so klar noch selten gestellt worden ist. Nach 1945 gehörte es zur postfaschistischen Erinnerungskultur in Deutschland, die Antwort darauf schon immer gewusst zu haben, ohne lange darüber nachzudenken. Einig war man sich allein darin, dass nicht alle Deutschen Nationalsozialisten waren, wie das die These von der Alleinschuld des Nationalsozialismus unterstellte. Dass lediglich die Mitglieder der NSDAP und ihrer Nebenorganisationen, angefangen bei der SA und der SS, Nationalsozialisten waren, wurde gerne vorausgesetzt. Auch nur die Parteifunktionäre vom Blockwart bis zum Gauleiter oder gar nur die Führungsclique um Adolf Hitler als Nationalsozialisten anzusehen, war ebenfalls verbreitet. Die Behauptung, dass es letzten Endes allein Hitler war, der als ‚Führer‘ der ‚Volksgemeinschaft‘ den Nationalsozialismus verkörperte, fand schließlich sogar am meisten Anklang.
Herbert will auf seine Frage nicht einfach eine weitere Antwort – schon gar keine quantitative – geben. Sein Buch ist analytisch angelegt; in elf Kapiteln liefert er eine komplexe Untersuchung seiner zentralen Frage. Eine „durchgehende, weitgehend chronologisch strukturierte Studie“ (S. 11), wie Herbert meint, ist dabei nicht herausgekommen, wie man überhaupt von dem Buch keine kohärente Darstellung des Nationalsozialismus und seiner Träger erwarten sollte. Es handelt sich, wie aus dem Vorwort hervorgeht, um eine Sammlung von Aufsätzen und Vorträgen.
Es gehört zu den besonderen Vorzügen des Buches, dass Herbert seine Themen mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen angeht. Das ergibt eine bunte Mischung, die der Lektüre einen erfrischenden Charakter verschafft, auch wenn manches etwas verkürzt dargestellt wird. In dem Kapitel über den „deutschen Professor im Dritten Reich“ (S. 105–131) stellt der Autor zum Beispiel etwas willkürlich vier Biografien von Ordinarien vor, zieht aber aus diesen keine Summe. Die wissenschaftsgeschichtliche Forschung ist sich jedoch längst darin einig, dass es nach 1945 – ungeachtet aller Verschiedenheiten – in der Wissenschaft die gemeinsame Apologie gab, nur ‚reine Forschung‘ betrieben zu haben. Vorzüglich liest sich dagegen Herberts Rückführung des deutschen „Radikalnationalismus“ (S. 55) auf die Zeit vor 1914 sowie die gegenteilige Betonung, dass der Antisemitismus in Deutschland, im Unterschied zu Russland und Frankreich, vor 1914 noch keine besondere Rolle gespielt habe. Wie Herbert entschieden betont, wurde er in Deutschland erst zwischen 1918 und 1923 zum „Passepartout, zur Erklärung nahezu aller Widersprüche des modernen Lebens“ (S. 69).
Die ungeheuerliche „Bilanz des Judenmordes“ (S. 223) behandelt Herbert getrennt von der Antisemitismusproblematik in einem sehr überzeugenden, in zehn Punkte chronologisch gegliederten Kapitel. Er weist die Annahme, dass es sich dabei um einen „nahezu folgerichtigen, seit langem angestrebten Schritt gehandelt habe“ zu Recht mit dem Hinweis darauf zurück, dass dieser vor 1939 noch „gar nicht vorstellbar“ gewesen sei (S. 207).
Streng sozialgeschichtlich ist das Kapitel über „Nachklänge der Volksgemeinschaft“ (S. 226) angelegt, in dem Herbert dem nationalsozialistischen Postulat der ‚Volksgemeinschaft‘ das Aufkommen der Konsumgesellschaft und der Populärkultur gegenüberstellt. Besonders hervorzuheben ist auch das Kapitel über die Inklusion der NS-Eliten in die demokratische Entwicklung Westdeutschlands unter alliierter Besatzung. Entgegen der vielfach vertretenen Behauptung vertritt Herbert die These, dass die Alliierten mit ihrer Politik der Reeducation „ganze Arbeit geleistet“ hätten (S. 247). Erst in der Bundesrepublik sei ab 1949 „in weniger als fünf Jahren der überwiegende Teil der alliierten Säuberungsmaßnahmen aus den Nachkriegsjahren rückgängig gemacht und das Gros der nationalsozialistischen Funktionsträger amnestiert und weitgehend reintegriert worden“ (S. 251). Auch wenn sich dieses historische Urteil nur auf die politischen Funktionäre des ‚Dritten Reiches‘ bezieht und die wirtschaftlichen und kulturellen Eliten nicht einbezogen sind, lohnt die Lektüre des Bandes allein schon, um mit dieser Erkenntnis konfrontiert zu werden.