Voltaire ist ein Ereignis der europäischen Aufklärung. Er ist einer der schöpferischsten und bedeutendsten Schriftsteller und Philosophen Frankreichs, dem ein bewegtes Nachleben beschieden ist. Sein Leben und Werk sind denn auch Gegenstand eines interdisziplinären Forschungszweigs, der vor allem in Frankreich und im angelsächsischen Raum ganze Bibliotheken hervorgebracht hat – mitsamt einer seit 1968 erarbeiteten, soeben abgeschlossenen, 205 Bände umfassenden kritischen Gesamtausgabe der Werke Voltaires. In Deutschland allerdings sind die Beiträge zur Voltaire-Forschung recht überschaubar. Umso erfreulicher ist es, dass der Historiker Volker Reinhardt nun eine neue Biografie Voltaires vorgelegt hat, die durch genaue Literaturkennntis, abgewogene Urteile und souveräne Darstellung besticht.
Dabei geht Reinhardt von der Prämisse aus, dass Voltaire durch die Sprache, in der Sprache und mit der Sprache lebte; sie sei ihm ein „Instrument der Selbstfindung, der Erkenntnis sowie der Herrschaft über sich selbst und die Öffentlichkeit“ gewesen (S. 18). Voltaires Denken hat sich in so vielen Mitteilungsformen geäußert, wie sie sonst kaum einem Autor zur Verfügung standen und stehen: von unzähligen Briefen, Gedichten und Theaterstücken über Erzählungen, Märchen und Romane bis hin zu philosophischen Abhandlungen, einer anspruchsvollen Geschichte Frankreichs und der ganzen Menschheit. Diese unterschiedlichsten Texte Voltaires versucht Reinhardt in seiner Darstellung zu würdigen, wofür er auch längere Zusammenfassungen in Kauf nimmt, die etwas langatmig geraten sind und ermüden, ohne dem ganzen Werk am Ende ein Sinnzentrum entnehmen oder gar Geheimnis entlocken zu können. Der Autor vermeidet es jedenfalls, dem Lebenswerk Voltaires mit einer klaren Deutungsperspektive zu Leibe zu rücken, auch wenn er im Untertitel des Buches den Kampf um Freiheit als Leitmotiv anspricht. Die Größe und Aktualität Voltaires sieht er gerade darin, dass dieser keinen vernünftigen Systementwurf entwickelt, sondern in seinem disparaten Werk die Absurdität und das Fragmentarische des menschlichen Lebens vielfach reflektiert und widergespiegelt habe (S. 18).
Der Historiker verfolgt und skizziert die Lebensstationen Voltaires chronologisch vor allem entlang der Entstehung seiner Schriften. Schon im Jesuitenkolleg machte sich die ungewöhnliche Sprachbegabung des frühreifen Knaben bemerkbar; zudem fiel er durch seine notorische Aufmüpfigkeit auf. Bereits hier gelangte er durch ein großes Versepos zu Ruhm – der wichtigsten Währung seines Lebens, die er später vermehren sollte und ihn am Ende zu einem „König durch Geist“ werden ließ, der dem „König durch Geburt“ Konkurrenz machte (S. 570). Die scharfsinnige Kritik an der absoluten Macht des Monarchen und an der Intoleranz der Kirche bildet eine Konstante des Denkens und Schreibens von Voltaire, die Reinhardt in mehreren Anläufen mit Sympathie thematisiert. Voltaire bedient sich in seiner Kritik bevorzugt der Stilmittel des Spottes, der Ironie, der Verkleidung und Bloßstellung, und zwar mit einer Virtuosität, die bis heute ihresgleichen sucht. Als 25-jähriger Autor wurde er 1717 schon früh wegen Pamphleten mit beleidigenden Ausfällen gegen den Regenten und dessen Tochter für knapp ein Jahr im Staatsgefängnis eingekerkert. Später sollte Voltaire eine Reihe von Strategien entwickeln, um die Gefahren der Verfolgung und Freiheitsberaubung zu umschiffen; er verschleierte seine Autorenschaft, suchte die Nähe zum Hof, buhlte um die Gunst der Mächtigen seiner Zeit oder ging ins Exil nach London, Potsdam und Genf. Seine schier unerschöpfliche Produktivität kann man nur bestaunen und bewundern, wenn man bedenkt, dass er nicht nur gegen äußere Hindernisse zu kämpfen hatte, sondern auch stets gegen die eigene fragile Gesundheit. Im Rückblick sprach Voltaire gar von einem 60 Jahre andauernden Sterben, mit dem er das eigene Leben meinte. Zu seiner „Ökonomie des Überlebens“ hat wohl ebenfalls maßgeblich sein ausgeprägter Geschäftssinn beigetragen; durch Spekulationen und Kreditvergabe häufte er ein Vermögen an, das ihm Unabhängigkeit und Macht verschaffte (S. 93, 105). Seine 1733 veröffentlichten „Philosophischen Briefe“ aus England zeigen, dass er von der Börse in London, der Toleranz gegenüber Religionen, der Physik Isaac Newtons und den Dramen William Shakespeares begeistert war. Für die deutsche Geschichte, Kultur und Sprache hingegen konnte Voltaire sich nicht sonderlich erwärmen, obwohl er bekanntlich mit dem preußischen König, Friedrich II., einen intensiven Gedankenaustausch hatte, der von 1750 bis 1752 in einen Gastaufenthalt am Hof in Potsdam münden sollte. In diese Zeit fällt auch die Fertigstellung seines bedeutenden Werkes über das Zeitalter Ludwigs XIV., die Reinhardt zu Recht als „erste Kulturgeschichte der europäischen Historiographie“ würdigt: „Niemals zuvor oder danach wurde Geschichte so elegant, so geistreich und zugleich so fesselnd vergegenwärtigt“ (S. 345, 347). Wie in Voltaires philosophischen Märchenerzählungen, etwa „Candide oder der Optimismus“, kommt seine Prosa ebenso in den historischen Arbeiten oft im ironisch-sarkastischen Tonfall leichtfüßig und spielerisch daher und enthält doch eine tiefgründige Analyse mit scharf- und hintersinnigen Urteilen. Als Beleg für die Originalität des Epochenporträts aus Voltaires Feder erwähnt der Historiker dessen wichtige Rezeption durch den Soziologen Norbert Elias in seinen Werken „Die höfische Gesellschaft“ und „Über den Prozeß der Zivilisation“ (S. 348).
Ansonsten interessiert sich Reinhardt aber kaum für die Rezeptionsgeschichte von Voltaires Oeuvre. Noch bedauerlicher ist jedoch, dass er in seiner Biografie die eingangs erwähnte Forschungsliteratur zum Leben und Werk Voltaires so gut wie gar nicht berücksichtigt. Dadurch hätte das gezeichnete Porträt vom Menschen und Denker Voltaire schärfere Konturen bekommen. Auch die Einordnung Voltaires in die philosophische Landschaft seiner Zeit lässt manches zu wünschen übrig, obwohl Reinhardt auf dessen Mitarbeit an der großen Enzyklopädie von Denis Diderot und D’Alembert sowie auf den Streit mit Jean-Jacques Rousseau eingeht. Zudem fällt auf, dass er die Schattenseiten im Leben und Denken Voltaires unterbelichtet. So spricht er dessen Antisemitismus zwar kritisch an, aber die Frage nach rassistischen und kolonialistischen Denkmustern wirft er nicht auf. Das hat wohl einiges damit zu tun, dass Reinhardt mit seiner Lebensdarstellung Voltaires eine Art pädagogische Absicht verfolgt; immerhin erklärt er dessen bewegtes und bewegendes Leben zu einem „Musterfall für alle Zeit“ (S. 20). Gleichwohl handelt es sich um die zuverlässigste und lesenswerteste Biografie, die jemals auf Deutsch über Voltaire geschrieben worden sein dürfte.