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Einzelrezension

Gehler, Michael: From Saint-Germain to Lisbon. Austria’s Long Road from Disintegrated to United Europe 1919–2009 (Internationale Geschichte/International History, Bd. 5), übers. v. Philip Isenberg, 1.287 S., VÖAW, Wien 2020.


Keywords: Review, Gehler, Michael, 2020, Österreich, Europäische Integration, Europäische Union, Großraumdenken, wirtschaftliche Zusammenarbeit

How to Cite:

Angerer, T., (2022) “Gehler, Michael: From Saint-Germain to Lisbon. Austria’s Long Road from Disintegrated to United Europe 1919–2009 (Internationale Geschichte/International History, Bd. 5), übers. v. Philip Isenberg, 1.287 S., VÖAW, Wien 2020.”, Neue Politische Literatur 67(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-022-00440-z

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© The Author(s) 2022 under CC BY International 4.0

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2022-12-04

Peer Reviewed

Michael Gehler ist der Pionier historischer Forschung zur Stellung Österreichs in den Europäischen Integrationsprozessen seit 1945 und legt hiermit die erste Gesamtdarstellung zum Thema in englischer Sprache vor. Schon in seinen vorausgehenden Monografien zum Thema („Der lange Weg nach Europa. Österreich vom Ende der Monarchie bis zur EU“ mit begleitendem Dokumentenband und „Österreichs Weg in die Europäische Union“, Innsbruck 2002 bzw. 2009) griff der Verfasser hinter 1945 zurück. In seinem neuen Buch erweitert er das Einstiegskapitel zur Ausgangssituation am Ende des Ersten Weltkriegs, um die Wurzeln der Problematik im ‚Alten Österreich‘ deutlicher zu machen, und führt das Thema bis zu den populistischen Nachwehen der österreichischen Ratifikation des Lissaboner Vertrags. Auf über 900 Seiten Darstellung, die von zahlreichen Grafiken und Bildquellen aufgelockert werden, folgen 200 Seiten oft unveröffentlichter Dokumente sowie eine ausführliche Chronologie und umfangreiche Quellen‑, Literatur- und Personenverzeichnisse. Deutschsprachige Quellen werden im Dokumentenanhang im Original belassen, in der englischsprachigen Darstellung in den Fußnoten original zitiert. Eiligen Leser_innen seien die knapp 50-seitigen Schlussfolgerungen (Kapitel X) als Einstieg und Überblick empfohlen.

Die Kernthese in Gehlers neuem Buch baut zu Recht auf den älteren, allerdings nach wie vor wichtigen Forschungen Klemens von Klemperers zum ‚Großraumdenken‘ im nachimperialen Österreich auf: Österreichische Regierungen, Parteien und zivilgesellschaftliche Organisationen waren und blieben nach der Auflösung der Donaumonarchie noch lange auf der Suche nach einem Ersatzgroßraum. Ursprünglich suchten sie ihn vor allem in „Großdeutschland“, was die Siegermächte bis 1938 allerdings zu verhindern wussten und was nach dem Zusammenbruch des „Großdeutschen Reichs“ unter nationalsozialistischen Vorzeichen ein Trauma hinterließ. An der bekanntesten Alternative zur Anschlussbewegung in der Zwischenkriegszeit, der Paneuropa-Bewegung Richard Coudenhove-Kalergis, war nach dem Zweiten Weltkrieg schwer anzuknüpfen, weil junge Europa-Bewegungen und der Kalte Krieg die Karten neu gemischt hatten. Während es Österreich trotz sowjetischer Besatzungstruppen im Ostteil des Landes und in der Hauptstadt Wien noch gelang, im Zuge des Marshallplans an der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa voll teilzunehmen und nach Abzug der Alliierten Besatzung auch dem Europarat beizutreten, hatte es lange große Mühen, ein Verhältnis zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zu finden, auf deren Märkte es angewiesen war. Die Mitgliedschaft in der Europäischen Freihandelszone EFTA war kein hinreichender Ersatz für die gescheiterte Große Freihandelszone, die EWG- und EFTA-Staaten unter ein gemeinsames Dach hätte bringen sollen. Nach vergeblichen Assoziationsbemühungen erlangte Österreich zusammen mit anderen EFTA-Staaten bilaterale Freihandelsabkommen. Hier zeigt der Verfasser, dass die sozialdemokratische Regierung unter Bruno Kreisky damit eine Ernte einfuhr, die ihre konservative Vorgängerin unter Josef Klaus gesät hatte. Das Binnenmarktprojekt brachte Österreich freilich unter neuen Zugzwang, wobei sich ein Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft beziehungsweise zur Europäischen Union angesichts der österreichischen Wirtschaftsinteressen bald als alternativlos herausstellte. Die zunehmende Alternativlosigkeit dieses Wegs ist der zweite Teil von Gehlers Kernthese. Ihm ist dabei hoch anzurechnen, dass er die wiederholte, doch vergebliche Suche nach Alternativen sowie deren entsprechende Akteure und innere wie äußere Hintergründe jeweils genau beleuchtet.

Das Buch besticht durch den schieren Reichtum an Information, deren Gründlichkeit und Verlässlichkeit. Der Verfasser hat so gut wie alle, oft entlegene Literatur aufgespürt und Jahrzehnte eigener, außerordentlich umfangreicher Quellenforschungen eingearbeitet: aus österreichischen, deutschen, britischen, französischen, belgischen und amerikanischen Archiven ebenso wie aus Archiven europäischer Institutionen, Verbände und Parteien, nicht zuletzt aus zahlreichen Nachlässen. Außerdem hat er über 70 Zeitzeugeninterviews geführt und Hunderte von Zeitungsartikeln, Karikaturen, Plakaten und Fotos ausgewertet.

Konzeptuell unterscheidet Gehler zwischen „Europapolitik“ im weiteren und „Integrationspolitik“ im engeren Sinn, um die durchgehende österreichische Haltung zu erfassen, die sich stets dagegen verwahrte, die Europäischen Gemeinschaften oder auch nur den Europarat (jedenfalls vor dessen Osterweiterung) mit Europa zu verwechseln oder die Bandbreite an Möglichkeiten wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit auf supranationale Vergemeinschaftung einzuengen. Methodisch folgt der Verfasser einer ereignisgeschichtlich erzählenden, Quellen referierenden und kommentierenden Tradition und setzt auf neue Quellen, weniger auf neue Lesarten. Postmodernen und kulturell ‚gewendeten‘ Ansätzen erteilt er im Vorwort eine scharfe Absage.

Wie seiner ersten deutschsprachigen Monografie zum Thema ist auch diesem Buch eine baldige, gründlich überarbeitete Neuauflage zu wünschen, die den Text verschlankt, von Verästelungen, Wiederholungen und enzyklopädischen Ausführungen befreit und in einen Rahmen bringt, der leichter zu überschauen ist sowie das Wesentliche deutlicher hervortreten lässt. Die hilfreichen Zwischenbilanzen am Ende der Kapitel könnten ergänzt werden, wo sie zu kurz geraten (wie in Kapitel VI) oder fehlen (Kapitel I, II und VII). Nicht zuletzt verdient der Text eine wesentlich bessere englische Übersetzung.