Einleitung
Die Geschichte der öffentlichen Gesundheit und staatlicher Strategien im Umgang mit Epidemien hat seit Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie viel öffentliches Interesse auf sich gezogen. Unter Historiker_innen besteht Uneinigkeit darüber, ob uns Erkenntnisse aus dieser historischen Forschung in der derzeitigen Pandemie weiterhelfen können. Malte Thießen hat jüngst davon abgeraten und empfohlen, die Pandemie eher als Brennglas zu verstehen, durch welches die Besonderheiten unserer heutigen Gesellschaft sichtbar werden.1
Diese Forschungsperspektive ist wiederum keineswegs neu, sondern seit dem späten 20. Jahrhundert immer wieder in der Kultur- und Medizingeschichte wie auch der Medizinsoziologie eingenommen worden. Peter Baldwin etwa sieht seine historische Untersuchung von Seuchenbekämpfungsstrategien im Europa des 19. und 20. Jahrhundert als Ansatz, allgemeinere Strukturen, Staatlichkeit und politische Kultur in verschiedenen Ländern zu analysieren. Auch er interessierte sich dafür, ob die Bedrohungen und Krisen, die mit Epidemien einhergingen, dauerhaft den Stil der gesetzlichen Intervention und Regierungsweisen eines Landes prägten: „What are the sources of the political traditions that are so often themselves invoked as final historical causes of variation between nations?“2 Besonders seit den 1990er Jahren haben verschiedene Historiker_innen mit ähnlichen Forschungsfragen die Entstehung öffentlicher Gesundheitsdienste und Präventionsstrategien vor allem mit Fokus auf Europa, Nordamerika (Peter Baldwin, Charles Rosenberg, Dorothy Parker) und in transnationaler Perspektive (Mark Harrison, Alison Bashford) in den Blick genommen. In diese Forschungstradition lässt sich auch Charles Allan McCoys vorliegende Studie einordnen.
Der Professor für Soziologie an der State University of New York at Plattsburgh kritisierte 2013 und 2014 die Reaktionen der USA auf die Ebolaepidemie in Westafrika und verwies schon damals in Presseartikeln auf die historischen Kontinuitäten der US-amerikanischen Seuchenpolitik. Seit dieser Zeit liegen McCoys Forschungsschwerpunkte im Bereich Medizin sowie Gesundheits- und vergleichenden historischen Soziologie. In seinem Buch „Diseased States“ geht er der Frage nach, warum „Industrienationen“ wie das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten von Amerika so unterschiedliche Stile und bevorzugte Techniken im Umgang mit Epidemien aufweisen. Für beide Staaten untersucht er die Entstehungsbedingungen und die -geschichte der Strukturen zur Kontrolle von Seuchen. Auch wenn McCoy die politischen Reaktionen auf das SARS-CoV-2-Virus nicht berücksichtigen konnte – sein Manuskript stammt noch aus der Zeit vor der Corona-Pandemie – hätte der Autor kaum einen besseren Zeitpunkt für seine Fragestellung wählen können. Seine Studie regt zum Nachdenken darüber an, wie die Erfahrungen mit der Pandemie und mit den divergierenden Strategien und Techniken zu ihrer Bewältigung den zukünftigen Umgang mit Infektionskrankheiten dauerhaft prägen werden.
In vier Kapiteln und weniger als 200 Buchseiten arbeitet sich McCoy entlang verschiedener Epidemien, die die britischen Inseln und die Vereinigten Staaten zwischen 1793 und 2015 bedrohten, durch die Geschichten der Seuchenbekämpfung der beiden Staaten und achtet dabei vor allem auf die großen Unterschiede. Im Zentrum steht die Frage, unter welchen Umständen Erfahrungen mit Seuchen nicht nur zu kurzfristigen Reaktionen, sondern zu der dauerhaften Einrichtung staatlicher Strukturen führten. War etwa die Einrichtung von Kommissionen und die Errichtung spezieller Krankenhäuser zunächst nur Reaktion auf einen Seuchenausbruch oder eine Epidemie, so konnte diese jedoch eine sich selbst verstärkende Rückkopplungsschleife in Gang bringen, die, wie McCoy argumentiert, eine Stabilisierung und Verstetigung der zu Beginn etablierten Strukturen und Ansätze der Seuchenbekämpfung zur Folge hatte. Das britische Modell bildete sich, wie der Autor veranschaulicht, entlang der Erfahrungen mit den ersten Choleraepidemien sowie Pocken- und Typhusausbrüchen in den 1840er bis 1860er Jahren heraus. Die Ausbrüche fielen in eine Zeit beschleunigter Urbanisierung, Industrialisierung und gravierender sozialer Probleme. Der Einfluss der Theorie einer miasmatischen Ätiologie von Krankheiten führte laut McCoy dazu, dass die Regierung in Großbritannien sich bei der Eindämmung und Prävention von Epidemien auf die Umwelt konzentrierte. Schließlich gelang es durch eine breite Definition der als allgemeine Quellen der Krankheitsentstehung ausgemachten „nuisances“ (S. 86), das Problem der individuellen Freiheitsrechte, die das Regierungshandeln einschränkten, zu umgehen. Die Beseitigung der „nuisances“, selbst in den sonst durch dieses Recht vor staatlichen Eingriffen geschützten Bereichen wie Wohnhäusern, wurde als Maßnahme zur Ermöglichung von Freiheit definiert, nicht als Verletzung dieser (ebd.).
Anders in den USA: Obwohl auch hier das 19. Jahrhundert von den Erfahrungen verheerender Gelbfieber- und Choleraepidemien geprägt war, verliefen einzelne Bemühungen, um dauerhafte Strukturen zur Seuchenbekämpfung etwa in Philadelphia, New York oder New Orleans zu errichten, zunächst im Sande. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts verstetigten sich in den USA Strukturen und Techniken zur Infektionsbekämpfung. In den 1880er und 1890er Jahren geschah dies, wie McCoy zeigt, unter dem Einfluss der nun an Zustimmung gewonnenen Keim-Theorie (germ theory). Die grundlegende Idee, dass Infektionskrankheiten über Bakterien oder andere Mikroorganismen übertragen wurden, stützte Techniken der Kontrolle von Menschen, die als ‚Keimträger_innen‘ und ‚Überträger_innen‘ von Krankheiten identifiziert wurden. Besonders die Immigration wurde in den USA für die Quelle der Einschleppung von Infektionserregern gehalten. Immer wieder sieht McCoy seine These dieser deutlichen Differenz zwischen den beiden untersuchten Ländern bestätigt: Während Maßnahmen in Großbritannien auf die Umwelt,weniger auf die Einzelnen zielten und auch weniger auf Zwang basierten, standen in den USA Maßnahmen der Überwachung von Menschen und Techniken der Isolation wie etwa Quarantäne im Zentrum der Strategien gegen Seuchen (S. 70, S. 110 ff., S. 145 f.).
Warum Großbritannien angesichts neuer Erkenntnisse über die Rolle von Mikroorganismen bei der Entstehung und Verbreitung von Infektionskrankheiten auch am Ende des 19. Jahrhunderts seinem tradierten Muster der Seuchenbekämpfung treu blieb, begründet McCoy mit der Theorie der Pfadabhängigkeit. Das aus den Wirtschaftswissenschaften stammende, seit Beginn des neuen Jahrtausends in der Politikwissenschaft aufgegriffene und für vergleichende und zeitgeschichtliche Analysen fruchtbar weiterentwickelte Konzept dient dem Autor zur Erklärung für die unterschiedlichen Wege, die Großbritannien und die USA in ihrem Umgang mit Seuchen beschritten. Im Anschluss an Paul Piersons Theorie der Pfadabhängigkeit führt McCoy die Stabilität politischer und sozialer Techniken und Strukturen überzeugend auf Feedbackschleifen und sich selbst verstärkende Rückkopplungseffekte zurück. So beschreibt er, wie Großbritannien, nachdem es bereits enorm in die sanitäre Infrastruktur investiert hatte, sich angesichts der Choleraepidemie 1866 nicht mehr in der Lage sah, ein kurz erwogenes umfassendes System der Quarantäne an den Häfen zu installieren. Die Regierung reagierte daraufhin erneut mit einem Gesetz, das auf die Umsetzung bestimmter sanitärer Maßnahmen, wie etwa die Desinfektion von Schiffen, zielte, dem Sanitary Act (S. 78 f.). Nachdem Strukturen etabliert und in soziale Prozesse eingebunden waren, war eine spätere Umgestaltung der Seuchenbekämpfung kaum noch möglich. Zwar kam es im 20. Jahrhundert, wie McCoy zugibt, zu kleineren Anpassungen durch die Integration neuer Wissensbestände, doch blieben grundlegende Denk- und Handlungsmuster bis zum heutigen Tag wirkmächtig (S. 19–25).
Once each state began to form its own unique approach in dealing with disease, that system became institutionalized. With the response-formation cycle activated, each country began to travel a distinct historical path; moving in a certain trajectory, the country tends to maintain that course. Even when new information or new events occur, the state’s general model of dealing with outbreaks persists (S. 26).
Unter den vielen historischen Umständen, die die Entstehung einer modernen Seuchenbekämpfung beeinflusst haben mögen, hält McCoy in seiner Betrachtung vier für zentral: erstens die Zentralisierung des Staates, zweitens die Verfügbarkeit einer kohärenten Theorie der Krankheiten, drittens der Druck von zivilgesellschaftlichen und Nichtregierungsorganisationen und schließlich viertens das Vorhandensein einer Vorstellung über die Bevölkerung als sozialer Körper (S. 20, 35). Der Nachweis dieser Faktoren anhand des Vergleichs der beiden Fallbeispiele bringt jedoch einige Probleme mit sich.
Betrachtet man die gravierenden geografischen, historischen und sozialen Unterschiede der beiden Staaten im untersuchten Zeitraum, sind die offensichtlichen Unterschiede auf den ersten Blick wenig überraschend. Auch wenn McCoy einige Differenzen – etwa die unterschiedliche Ausprägung der Staatlichkeit, ganz zu schweigen von den geografischen Gegensätzen – herabzusetzten versucht, bleibt er die Antwort auf die Frage schuldig, warum er gerade diese beiden Staaten vergleicht, die doch in so vieler Hinsicht und so offensichtlich sehr unterschiedliche Bedingungen für die Herausbildung einer Seuchenpolitik aufwiesen. Großbritannien war, nicht nur was seine Seuchenbekämpfung im 19. Jahrhundert betraf, aufgrund seiner ökonomischen Vorrangstellung selbst mit Blick auf Europa ein Sonderfall. Möglicherweise hätte McCoy seine Thesen zur Pfadabhängigkeit stichhaltiger und eindrücklicher belegen können, hätte er zwei Staaten mit ähnlicheren Voraussetzungen untersucht. Schließlich konnte es mit dem Fokus auf die USA und Großbritannien auch nicht darum gehen, eine klaffende Forschungslücke zu schließen. Wie der Autor selbst feststellt, ist die Seuchengeschichte sowohl der USA als auch Großbritanniens wie die Westeuropas ein eher umfangreich bearbeitetes Forschungsfeld. Zwar haben sozialgeschichtliche, wissenssoziologische und kulturwissenschaftliche Fragestellungen, wie sie auch McCoy in seiner Studie aufgreift, zu einer Öffnung der Forschung beigetragen.3 Dennoch blieben selbst Ansätze einer Globalisierung der zuvor auf westliche Nationalstaaten fixierten Seuchengeschichte, wie sie unter anderen Mark Harrison 2015 entwarf4, bisher hinter der Forderung einer stärkeren Berücksichtigung nicht-westlicher Perspektiven und zuvor meist nur als Peripherie betrachteter Weltregionen zurück.5
Keine Medizin- und keine Wissenschaftsgeschichte
McCoy grenzt seine Forschungsperspektive bewusst deutlich von der Medizingeschichte ab, die detaillierte Untersuchungen unter Hinzuziehung umfangreicher und neuer Originalquellen hervorgebracht hat. Ziel seines Buches sei es vielmehr, auf der Basis bestehender Forschung eine sozialwissenschaftliche Fragestellung zu bearbeiten (S. 7). Trotz dieser Abgrenzung und Einschränkung bleibt angesichts der dennoch ambitionierten Studie, in welcher McCoy die Strukturen und Techniken der Seuchenbekämpfung der beiden Staaten in einem Zeitraum von knapp zwei Jahrhunderten miteinander vergleicht, zwangsläufig vieles vage. Die enge Auswahl der Quellen, auf die der Autor häufig nur kurz und mit wenigen Zitaten verweist, stehen im Kontrast zu den starken Verallgemeinerungen, die er aus ihnen für seine Thesen zieht.
Jenseits der Theorien der Pfadabhängigkeit finden sich kaum Hinweise darauf, dass McCoy seine Studie noch weiter theoretisch untermauert hat. Zwar verweist er immer wieder beiläufig auf den von Michel Foucault geprägten Begriff der „Biomacht“: „[t]he United States uses a more direct and coercive form of biopower“ (S. 32), „Britain […] using a subtiler and indirect form of biopower“ (S. 145). Weder nutzt er aber Foucaults historische Studien noch dessen Konzepte von Diskurs oder Macht, um seine Aussagen zu stützen.
Die großen Unterschiede zwischen Großbritannien und den USA sieht McCoy durch seine Vergleiche durch den Verlauf der Geschichte entlang verschiedener Epidemien und Ausbrüche immer wieder bestätigt: Während Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung in Großbritannien auf die Umwelt und deren ‚Reinigung‘ zielen, konzentrieren sich die Maßnahmen in den USA auf Techniken der Isolation und Quarantäne. Während in Großbritannien weniger mit Zwängen auf die einzelnen Individuen eingewirkt wurde, standen in den USA die infizierten Körper und deren rigide Kontrolle im Zentrum. So eindrücklich diese Unterschiede an seinen Beispielen auch veranschaulicht werden, so bleiben manche Kategorien, die McCoy bildet, oberflächlich und wirken im Detail nicht konsistent. Auch in den USA existierten Strategien, die auf die Umwelt zielten. Als Maßnahme, die der Sterblichkeit durch Typhus entgegenwirken sollte, wurde ab den 1860er Jahren die Trinkwasserversorgung in den USA ausgebaut, wie Werner Troesken ausführlich in den Blick genommen hat.6 Strategien zur Beseitigung stehender Gewässer zur Kontrolle von Gelbfieber zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie Bemühungen zur Bekämpfung der Malaria(mücken) und Kontrolle von Legionellen im 20. Jahrhundert lassen sich nicht leicht von der für Großbritannien spezifischen Konzentration auf die Umwelt abgrenzen. Auch dort verzichtete man im 19. Jahrhundert nie ganz auf die Anwendung von Isolation oder Überwachung. So schreibt Baldwin: „Despite their sanitationist reputation and practice, the British in fact refused to choose absolutely between the two approaches at logger-heads in the battle of prophylactic strategies. Their approach to public health remained two-pronged.“7 Wenn es um den Umgang mit sogenannten ‚Landstreicher_innen‘ ging, wenn Kranke gegen ihren Willen ins Krankenhaus oder außerhalb der Stadt gebracht wurden oder ihnen zumindest die Teilnahme am öffentlichen Leben untersagt wurde, setzten auch die britischen boards of health Praktiken zur Kontrolle der Individuen und ihrer infizierten Körper um. Dies war nicht immer konsistent mit den Ideen der sanitaristischen Bewegung.
Die Unterscheidung der verschiedenen Techniken und auch die Unterschiede zwischen den beiden Staaten hätte McCoy durch den Gebrauch theoriegestützter Kategorien deutlicher und in manchen Fällen im Detail differenzierter gestalten können. Gegenüber der Trennung von mehr oder weniger direkt ausgeübter Macht hätte etwa die von Foucault eingeführte Differenzierung von individualisierenden und totalisierenden Techniken mehr Klarheit verschafft. So etwa, wenn es McCoy darum geht, die unterschiedlichen Ansätze zu beschreiben, die sich in einem Fall eher auf die Regulierung der Bevölkerung richten oder im anderen Fall – wie die von Foucault beschriebene Disziplinarmacht – auf das Verhalten der Einzelnen zielten.8
Auch mit der sehr gängigen, in der Medizin und Epidemiologie bis heute verwendeten Differenzierung von horizontalen und vertikalen Techniken der Infektionskontrolle hätte McCoy die Trennschärfe seiner Kategorien stärken können. Im Krankenhaus gelten allgemeine Verhaltensweisen wie die Händehygiene als horizontale Technik, da sie ohne spezifische Berücksichtigung der einzelnen Krankheitserreger oder den Anlass eines Ausbruchs allgemein Infektionen entgegenwirken. Das Screening und die Isolation einzelner Patient_innen, die entweder auf Grundlage eines positiven Befundes oder auch eines geschätzten Risikos für eine Infektion oder Besiedlung mit einem spezifischen Krankheitserreger erfolgt, gilt als vertikale Technik. Für Leser_innen aus dem medizinischen Bereich wäre es durchaus erhellend gewesen, hätte McCoy die Unterschiede im Gebrauch und bei der Rationalisierung ähnlicher Techniken in der historischen Seuchenpolitik aufgezeigt.
Medizinische Theorien und Seuchenpolitik
McCoys scharfe Unterscheidung der Seuchenbekämpfung in Großbritannien und den USA gewinnt an Überzeugungskraft, wenn man von den Details in der seuchenpolitischen Praxis absieht und sich der vom Autor betonten Differenz der Bezüge auf unterschiedliche medizinische Theorien zuwendet. Laut McCoy herrschte in Großbritannien im 19. Jahrhundert ein Konsens bezüglich der miasmatischen Entstehung und Verbreitung von Seuchen, während in den USA lange Zeit Uneinigkeit über die Ätiologie der Krankheiten bestand. Die Disponibilität einer kohärenten medizinischen Theorie der epidemischen Krankheiten verschaffte der britischen Regierung, so argumentiert McCoy, eine stabile Handlungsgrundlage und ermöglichte es früher als in den USA, entsprechende staatliche Strukturen zu etablieren.
Das Problem an dieser ansonsten sinnfälligen Verknüpfung von Theorien und Handlungsmacht ist, dass McCoy die Entwicklungen dieser Theorien und an sie geknüpften Techniken durch die Zeit nicht berücksichtigt. Hingegen behandelt er die Quarantäne scheinbar so, als sei sie schon immer die gleiche und bereits vor dem Durchbruch von Bakteriologie und Labormedizin ähnlich wie heute wissenschaftlich begründet gewesen. Dem ist aber nicht so. Die Quarantäne – ebenso wie andere Techniken, etwa die ‚Reinigung‘ der Luft oder von Gegenständen durch Rauch und Feuer, wie sie in den USA gegen Gelbfieber im 18. und 19. Jahrhundert und auch in Großbritannien auf Schiffen angewendet wurden9 – existierte als Praxis mindestens seit Jahrhunderten und basierte oft auf einer Mischung aus religiösen Vorstellungen und medizinischen Theorien. Wer im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Kontagiösitätsthese vertrat und deshalb die Quarantäne befürwortete, galt nicht als Vertreter_in des wissenschaftlichen Fortschritts. Als kontagiös galten zunächst alle ‚pestartigen‘ Krankheiten. Maßnahmen wie die Quarantäne, die angesichts der Pest Jahrhunderte zuvor eingeführt worden waren, wurden ohne Unterschied auf all diese Krankheiten angewandt. Die Antikontagionist_innen, wie Erwin Ackerknecht in seiner bekannten „Fielding H. Garrison Lecture“ 1948 hervorhob, sahen sich selbst (oft zu Recht) als fortschrittliche liberale Empiriker, die sich den Dogmen vergangener Zeit und der auf ihnen basierenden Techniken mit wissenschaftlichen Beobachtungen entgegenstellten.10 Die Sanitarist_innen in Großbritannien waren, auch wenn Formulierungen Edwin Chadwicks zu einer anderen Annahme verleiten mögen, keine blinden Anhänger_innen der alten Miasma-Theorie, wie sie etwa noch im 17. Jahrhundert von Thomas Sydenham oder Robert Boyle vertreten wurde. Dies hat auch Frank Snowden kürzlich bestätigt und auf die Unterschiede der von den Sanitarist_innen wie Thomas Southwood Smith vertretenen „filth-theory of disease“ und der alten Theorie des Miasma hingewiesen.11
Als die Cholera in den 1830er Jahren erstmals auf der britischen Insel ausbrach, waren die Kontagionist_innen, die von der Ansteckungs- und Übertragbarkeit der Cholera überzeugt waren, zunächst noch in der Überzahl. Erst nach einigen Wochen nahm die britische Regierung schließlich von generellen Maßnahmen der Quarantäne Abstand. Sie tat dies kaum, weil sie sich plötzlich auf die Miasma-Theorie berufen konnte, sondern unter dem Druck antikontagionistischer wissenschaftlicher und ziviler Gruppen. Diese verfolgten mit ihrer Ablehnung der Quarantäne zwar auch ökonomische Interessen, sahen aber auch tatsächlich keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass die Cholera von Mensch zu Mensch übertragbar sei und argumentierten entsprechend. Ausschlaggebend waren dabei die Berichte von medizinischem Personal und Mitgliedern des britischen Militärs, die Erfahrungen mit Ausbrüchen in britischen Kolonien gesammelt hatten.12 Wie Jim Downs in einem allerdings erst 2021 erschienenen Buch besonders eindrücklich darlegt, bestand ein umfangreiches koloniales Informationsnetz, in welchem die Praxis der Berichterstattung nach London über Ausbrüche in den Kolonien mit ausführlicher Aufstellung der Zahlen von Erkrankten und Verstorbenen und anderer Umstände bereits lange vor der Einführung ähnlicher Meldewesen in Großbritannien etabliert wurde.13 Die von McCoy als besonders effizient hervorgehobene Praxis der Berichterstattung durch Ärzt_innen aus kleineren Orten und später der lokalen boards an das zentrale board of health in London entstand nicht erst in den 1840er Jahren in Großbritannien, sondern bereits im Rahmen kolonialer Machtstrukturen, wie Downs schreibt:
The cholera epidemics that ravaged London in the mid-nineteenth century are often regarded as the spark that ignited the emergence of epidemiology, but the spread of infectious diseases throughout among formerly enslaved, colonized, and subjugated populations significantly shaped the field. […] Military and colonial physicians who encountered cholera and other infectious diseases abroad wrote reports about their observations (ships, camps).14
Das epidemiologische Wissen verschaffte der britischen Regierung eine größere Handlungsmacht und Unabhängigkeit von medizinischen Theorien, auch als ab den 1860er Jahren rein lokalistische Sichtweisen in Großbritannien wieder an Ansehen verloren. Man muss McCoy zustimmen, dass die Erkenntnisse aus der Bakteriologie, die Ende des 19. Jahrhunderts international gefeiert wurden, in der britischen public health mit wenig Enthusiasmus aufgenommen wurden. Mit Rücksicht auf den Erfolg der Epidemiologie lässt sich dieser Widerwille aber nachvollziehen. Auch die Pfadabhängigkeit der Entwicklung britischer public-health-Strukturen lässt sich meines Erachtens stichhaltiger über ihre enge Verbindung zur Epidemiologie argumentieren als mit dem Verweis auf die Miasma-Theorie. Zudem taugte – wie Christoph Gradmann zuletzt in einem Aufsatz aus dem Jahr 2018 hervorhob – das Wissen über Keime bis zur massenhaften Einführung der Antibiotika als medizinische Technik gegenüber der Epidemiologie kaum als Ressource für die staatliche Seuchenbekämpfung.15 Auch das von Robert Koch 1890 als Heilmittel gegen die Tuberkulose entwickelte Tuberkulin stellte sich bereits kurz nach ersten Versuchen an Kranken als wirkungslos heraus. Daher überrascht es, dass McCoy die Ablehnung des Tuberkulins in Großbritannien als Beleg für die britische Ablehnung des bakteriologischen Wissens und auf ihm basierender Techniken anführt (S. 115).
Indem McCoy auf Miasma- und Ansteckungs-Theorien fokussiert und diese gegenübergestellt, lässt er sie in Bezug auf die entsprechenden Techniken der Seuchenbekämpfung nicht nur konsistenter erscheinen, als sie im 19. Jahrhundert tatsächlich waren, sondern versäumt auch, die Entwicklung der Epidemiologie als junge empirische wissenschaftliche Praxis und ihre Prägung der britischen public health zu berücksichtigen. Die Rolle, welche die Erfahrungen mit Epidemien in den Kolonien, auf Plantagen, Schiffen und in britischen Militärcamps für die Seuchenbekämpfung im ‚Mutterland‘ spielte, betrachtet McCoy bedauerlicherweise ebenfalls nicht. Dies ist auch mit Blick auf seine Fragestellung schade, denn hier hätte er zeigen können, wie koloniale Machtverhältnisse bis heute in den britischen und auch US-amerikanischen Reaktionen auf Infektionskrankheiten ihre Spuren hinterlassen haben.
Wie John Duffy in seinem Buch „The Sanitarians. A History of American Public Health“16, auf das McCoy umfangreich Bezug nimmt, geht auch er wenig auf die sozialen Verhältnisse und Narrative ein, durch welche einerseits die Epidemien meist ungleich stärker Schwarze, versklavte und arme Teile der Bevölkerung betrafen und andererseits ermöglicht wurde, die Entstehung der Seuchen immer wieder auf die Lebensweise bestimmter Gruppen wie Einwanderer_innen zu schieben. Dabei scheinen diese Diskurse und Beziehungen gerade mit Blick auf eine weitere Bedingung, die McCoy für die Entstehung von Strukturen der Seuchenbekämpfung unterstreicht, interessant. Denn laut ihm bedurfte es einer Idee von der Bevölkerung als sozialer Körper, um den Staat dauerhaft als verantwortlich für den Epidemieschutz zu halten. Der Verweis auf die Dominanz der germ theory gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den USA bietet keine hinreichende Erklärung für die Konzentration und Differenzierung vieler Maßnahmen für bestimmte Gruppen und die Fülle rassistischer Praktiken. Zwangsmaßnahmen gegen bestimmte Gruppen konnten trotz der Akzeptanz der Miasma-Theorie und auch trotz einer sonst liberalen politischen Kultur bei der Seuchenbekämpfung in Großbritannien beobachtet werden.
Klasseninteressen, Rassismus, Nation-Building und die Seuchen der ‚Anderen‘
Aus der Tatsache, dass sich die britischen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemien ab den 1840er Jahren aus der Reform der Armengesetze heraus auf die Lebensumstände der armen und arbeitenden Bevölkerung konzentrierte, zieht McCoy den Schluss, dass Epidemiebekämpfung dort von Anfang an wohlfahrtsstaatlich ausgerichtet gewesen sei (S. 70). Es entsteht der Eindruck, Ziel der Maßnahmen in Großbritannien sei allgemein die Gesundheit der Bevölkerung gewesen. Umso mehr, da der Autor diese Entwicklung mit den USA kontrastiert, wo die Institutionalisierung nationaler Strategien deutlich später aus militärischen Strukturen der Seuchenabwehr an den Grenzen, dem „Marine Hospital Service“, hervorging (S. 114, 129).
Wie Matthias Bohlender neben anderen dargelegt hat, hatten die Reform der Armengesetze und die mit ihr verbundenen Maßnahmen aber wenig mit solch hehren Zielen zu tun: Die von Adam Smith verfasste Theorie über den Wohlstand der Nationen ging davon aus, dass Menschen im Zustand der Freiheit nach ökonomischem Wohlstand streben und alle diesem Ziel entgegenstehenden Verhaltensweisen von allein vermeiden würden. Die Existenz der pauper strafte diese staatsbildende Theorie Anfang des 19. Jahrhunderts Lügen und stellte laut Bohlender gerade deshalb eine soziale und politische Bedrohung dar.17 Die britischen Sanitarist_innen und Sozialreformer_innen, die sich intensiv mit der Armengesetzgebung und den ungesunden Lebensumständen der armen und arbeitenden Schicht beschäftigten, argumentierten, dass die ‚Verdorbenheit‘ dieser sozialen Klasse nicht aus ihrer Freiheit resultiere, sondern aus ihrer Unfreiheit von den schlechten hygienischen Bedingungen, die sie umgaben. Die liberale Intention der Sanitarist_innen hat jüngst auch Frank Snowden in seinem Buch „Epidemics and Society“ betont18: Das Ziel war, die arbeitsfähigen Armen dazu zu bringen, unter allen Umständen, notfalls in workhouses, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Statt wohlfahrtsstaatlichen Interessen zu dienen, war die Armenpolitik ein Instrument zur Kontrolle und Regulierung von Verhaltensweisen unter den Ärmsten. Krankheit war in erster Linie deshalb ein Problem, weil sie zu Arbeitsunfähigkeit führen konnte. Die neuen Gesetze zielten auf den Körper des jungen männlichen Arbeiters und den Erhalt seiner Produktivität.
Other possible meanings of public health were never broached. Women, children, and elders, together with their diseases were of no major interest in the Sanitary Report. Even the middle classes were largely ignored. Chadwick intended that “middling sorts” should benefit from the sanitary revolution, but he said little about their burden of disease. The middle-class gains that he stressed were social stability, an improved urban environment, and an economy strengthened by a healthy workforce.19
Die Bürokratie der Armengesetz-Reform, die Chadwick vorantrieb, ermöglichte eine genauere Untersuchung des Zusammenhangs von Epidemien und den schlechten Lebensbedingungen der armen arbeitenden Bevölkerung.20 Das Eingreifen des Staates in diese Bereiche wurde damit gerechtfertigt, dass es die Folgen einer früheren falschen Politik – der alten poor laws – beseitigen würde. In den USA konnte man, wie Charles Rosenberg schreibt, nicht trotz, sondern gerade wegen der großen Bedeutung liberaler und republikanischer Weltanschauung nicht auf eine solche Rationalisierung staatlicher Eingriffe zurückgreifen. Die Vorstellung, dass diese Art der ‚Unfreiheit‘ als Relikt der ‚Alten Welt‘ gerade die Emigranten anfällig für Seuchen und verdächtig machte, diese in die ‚Neue Welt‘ einzuschleusen, war dafür in den USA verbreitet.21 Anders als in Großbritannien sah man sich hier jedoch nicht in der Verantwortung, diese Fehler, die ja aus der ‚Verdorbenheit‘ der europäischen Gesellschaften und Staatsformen resultierten, auszugleichen. Wer nach Amerika kam, war per Definition frei und damit auch für sich und seine Gesundheit selbst verantwortlich, stellte Dorothy Porter mit Verweis auf Thomas Jefferson fest:
According to Jefferson, despotism produced disease, democracy liberated health. Jefferson believed that a life of political “liberty and the pursuit of happiness” would automatically be a healthful one. He told his co-signer of the Declaration of Independence, the physician and patriot Benjamin Rush, that the iniquity of European absolutism was reflected in its people’s wretchedly unhealthy and demoralized condition. Democracy was the source of the people’s health. Democratic citizens, self-educated in exercising their political judgment, would secure a healthful existence. Jefferson claimed that the healthiness of the American people reflected the superiority of democratic citizenship.22
Die Seuchen kamen also aus der ‚Alten Welt‘, aus der Welt der Unfreiheit, des Dogmatismus und Despotismus. Rosenberg hat diesen Diskurs auch in seinem Buch über die Cholera in New York, das eine andere wichtige Quelle von McCoy darstellt, beschrieben: Die Annahme, dass der Mensch in einem Zustand von Freiheit selbst für seine Gesundheit sorgen konnte und musste, schränkte den Rahmen staatlicher, vor allem langfristiger Maßnahmen zur Bekämpfung von Seuchen enorm ein.23 Die diskursive Kraft dieser Erzählungen, mit der nicht nur eine Idee von der Bevölkerung als sozialer Körper überhaupt, sondern in besonderem Maße die Umstände der Regulierung dieses Körpers organisiert wurden, bezieht McCoy nur wenig ein. Explizit lehnt er die von Autor_innen wie Rosenberg, Duffy und Porter geäußerte These ab, der Liberalismus hätte in den USA die Entwicklung sozialstaatlicher Strukturen zur Kontrolle von Epidemien verhindert (S. 67). Wenn McCoy hier argumentiert, es sei kurze Zeit später schließlich auch in den USA möglich gewesen, die Freiheitsrechte etwa von Einwanderer_innen massiv einzuschränken, verkennt er erneut, dass ethische und rassistische Differenzierungen und Ungleichbehandlung – wie beispielsweise Bohlender für Großbritannien am Beispiel der Armen zeigt – nicht im Widerspruch zum liberalen Regierungsstil stehen, sondern üblicherweise mit der Abspaltung der ‚unfreien‘ oder zur ‚Freiheit nicht fähigen‘ Subjekte einhergeht.
In den USA setzte die Institutionalisierung nationaler Strukturen der Seuchenbekämpfung und -prävention deutlich später ein. McCoy betont hier die Bedeutung der germ theory, die als breit anerkannte medizinische Theorie dem Staat nun als Handlungsgrundlage dienen konnte. Die Bedeutung der germ theory ebenso wie die Tatsache, dass sich diese Institutionalisierung aus dem „Marine Hospital Service“, also einer militärischen Struktur der Seuchenabwehr an den Grenzen, heraus entwickelte, sieht der Autor als Grund dafür, dass sich Quarantäne und Zwang dauerhaft in die public-health-Praxis der USA einschreiben konnten (S. 110 f.). Die besondere Konzentration auf Quarantäne in den USA lässt sich – neben den von McCoy nur wenig berücksichtigten geografischen Gründen – möglicherweise aber auch (Stichwort Kolonialgeschichte) aus Strategien der Konstituierung nationaler Identität in Abgrenzung zum britischen ‚Mutterland‘ und der ‚Alten Welt‘ stichhaltiger erklären. Alison Bashford hat diesen Zusammenhang etwa für Australien herausgearbeitet:
Part of the effect of quarantine was the imagining of Australia as an ‚island nation‘, in which island stood for purity but was also therefore vulnurability to invasion by infectious diseases. The maritime quarantine line was seen to secure the nation at its border: it was a major measure of defense at the frontier.24
Wie Alexandra Minna Stern, die ihren Blick auf die Einwanderungspolitik und Quarantäne an der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerichtet hat, betont Bashford die Rassifizierung sowie Projektion bedrohlicher Krankheiten und ‚Unreinheit‘ auf die Einwanderer_innen.25 Die Frage, warum es in den USA im Vergleich zu Großbritannien so lange dauerte, bis sich verhältnismäßig zaghafte wohlfahrtsstaatliche Strukturen im 20. Jahrhundert herausbildeten, führt Dorothy Porter auch auf Unterschiede in der Sozialstruktur zurück26: Die Entwicklung sozialstaatlicher Strukturen in Europa im 19. und 20. Jahrhundert zielte auf die Verhinderung von Aufständen angesichts einer wachsenden und im Vergleich zu den USA relativ großen, homogenen und zunehmend organisierten Arbeiterklasse.27 Maßnahmen zur Kontrolle von Epidemien und sozialstaatliche Strukturen wurden als Mittel der Konsolidierung des Staates und Sicherung sozialer Ordnung und Produktivität benötigt. Die Angst vor Aufständen und geistiger wie körperlicher ‚Degeneration‘ als Folgen der Industrialisierung übte, ausgehend von bürgerlichen Hygiene-Diskursen, bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts Druck auf die Regierungen aus, Verantwortung für die öffentliche Gesundheit zu übernehmen. Erst ab den 1850er Jahren, verhältnismäßig spät im Vergleich zu Europa, bildete sich in den USA ein vergleichbarer Diskurs über Hygiene heraus, der nun auch dort auf eine gewisse Infrastruktur, die Bildung ziviler Organisationen und vor allem Publikationsorgane zurückgreifen konnte.28 Das Wachstum der Städte und andere mit der Industrialisierung einhergehende Probleme wurden zu dieser Zeit in den USA zum Gegenstand von Diskussionen über körperlichen und geistigen Zerfall und den Mangel an Hygiene. Wie auch in Europa übten solche Diskurse, da sie Gesundheit politisierten, Druck auf die Regierung aus.29 Die Entwicklung dieser Diskurse nimmt McCoy nicht in den Blick. Dabei wären diese durchaus geeignet gewesen, seine These über den in den USA längere Zeit fehlenden zivilgesellschaftlichen Druck auf den Staat, Strukturen zur Prävention und Bekämpfung von Seuchen zu errichten, zu erklären.
Die vergleichende Studie von McCoy konzentriert sich auf die unterschiedlichen Techniken und theoretischen Fundamente, mit denen die Vereinigten Staaten und Großbritannien auf Epidemien reagierten und bis heute reagieren. Auf der Grundlage des Konzepts der Pfadabhängigkeit argumentiert McCoy überzeugend für die anhaltende Bedeutung der historischen Faktoren, die das Entstehen der ersten Strukturen zur Seuchenbekämpfung begleiteten. Allerdings lässt seine angenehm übersichtliche Studie zwangsläufig einige wichtige Forschungsbereiche und Fragen unberücksichtigt. Kategorien, die der Autor zur Unterscheidung von diesen verschiedenen Techniken und politischen Stilen der beiden Staaten anführt, bleiben ungenau – insbesondere, wenn es um die häufig weniger homogene Praxis der Seuchenbekämpfung beider Staaten geht. In ähnlicher Weise beurteilt McCoy den Zusammenhang zwischen Techniken der Infektionskontrolle und medizinischen Theorien über die Krankheitsentstehung konsistenter, als es detailliertere Untersuchungen der Medizingeschichte ergeben haben. Die aufkeimende Epidemiologie und ihr Einfluss auf die Entwicklung der britischen public health bezieht er ebenso wenig ein wie die Kolonien, die vielfach als Experimentierfeld politischer Techniken dienten.
Eine größere Anerkennung der bestehenden medizin- und wissenschaftshistorischen sowie kulturwissenschaftlichen Forschung hätten McCoys Ergebnisse mit mehr Widersprüchen und offenen Fragen konfrontiert, ihnen aber auch größere Aussagekraft verliehen. Wenn es darum geht, Erkenntnisse zu produzieren, die uns vielleicht auch aus politikwissenschaftlicher Sicht und mit Blick auf das aktuelle Jahrhundert der neuen und wieder vermehrt auftretenden Infektionskrankheiten und Pandemien weiterhelfen könnten, ist Interdisziplinarität besonders gefragt. Denn wie McCoy richtig bemerkt, stellen die nationalen Pfadabhängigkeiten der Strategien im Umgang mit Epidemien eine Herausforderung für die dringend benötigte inter- und transnationale Kooperation in diesem Bereich dar. Interessant wäre es vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemie, zu untersuchen, inwiefern die Unbeweglichkeit solcher staatlichen Strukturen ein gemeinsames Handeln zur Kontrolle von Infektionskrankheiten behindert, oder auch, ob angesichts der aktuellen Bedrohung und intensiven öffentlichen und politischen Diskussion möglicherweise vielfältige neue Pfade beschritten werden, die die Pandemiepolitik des begonnenen Jahrhunderts langfristig zeichnen werden.
Besprochene Literatur
McCoy, Charles Allan: Diseased States. Epidemic Control in Britain and the United States, 224 S. , Massachusetts UP, Amherst, MA 2020.
Notes
- Vgl. Thießen, Malte: Auf Abstand. Eine Gesellschaftsgeschichte der Coronapandemie, Campus, Frankfurt a. M./New York 2021, S. 11. ⮭
- Baldwin, Peter: Contagion and the State in Europe. 1830–1930, Cambridge UP, Cambridge 1999, S. 2. ⮭
- Vgl. Anderson, Warwick: Disease, Culture and History, in: Health and History 1 (1998), H. 1, S. 30–34, hier S. 32; vgl. Patterson, James T.: How Do We Write the History of Disease?, in: Health and History 1 (1998), H. 1, S. 5–29. ⮭
- Vgl. Harrison, Mark: A Global Perspective. Reframing the History of Health, Medicine, and Disease, in: Bulletin of the History of Medicine 89 (2015), H. 4, S. 639–689, hier S. 639. ⮭
- Vgl. Sivaramakrishnan, Kavita: Comment. Global History of Health, Medicine, and the Disease from a “Zig-zag” Perspective, in: Bulletin of the History of Medicine 89 (2015), H. 4, S. 700–704. ⮭
- Vgl. Troesken, Werner: Water, Race, and Disease, MIT Press, Cambridge, MA 2004, S. 24 f. ⮭
- Baldwin: Contagion (wie Anm. 2), S. 149. ⮭
- Vgl. Foucault, Michel: Die Maschen der Macht, in: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Bd. IV: 1980–1988, hrsg. v. Daniel Defert und François Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2005, S. 224–244. ⮭
- Vgl. Kotar, S. L./Gessler, J. E.: Yellow Fever. A Worldwide History, McFarland, Jefferson, NC 2017, S. 50ff., 170. ⮭
- Ackerknecht, Erwin H.: Anticontagionism Between 1821 and 1867, in: Bulletin of the History of Medicine 22 (1948), H. 5, S. 562–593, hier S. 566 f.; vgl. auch Rosenberg, Charles E.: The Cholera Years. The United States in 1832, 1849, and 1866. With a New Afterword, Chicago UP, Chicago, IL 1987, S. 80 f. ⮭
- Vgl. Snowden, Frank M.: Epidemics and Society. From the Black Death to the Present, Yale UP, New Haven, CT/London 2019, S. 190. ⮭
- Vgl. Harrison, Mark: Disease, Diplomacy and International Commerce. The Origins of International Sanitary Regulation in the Nineteenth Century, in: Journal of Global History 1 (2006), H. 2, S. 197–217, hier S. 203 f. ⮭
- Vgl. Downs, Jim: Maladies of Empire. How Colonialism, Slavery, and War Transformed Medicine, Harvard UP, Cambridge, MA/London 2021, S. 70–74. ⮭
- Ebd., S. 71. ⮭
- Vgl. Gradmann, Christoph: Natur, Technik, Zeit. Infektionskrankheiten und ihre Kontrolle im langen 20. Jahrhundert, in: Schmiedebach, Heinz-Peter (Hrsg.): Medizin und öffentliche Gesundheit. Konzepte, Akteure, Perspektiven, De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2018, S. 95–112, hier: S. 100. ⮭
- Siehe hierzu Kritik in der Rezension von Fee, Elizabeth: Organization Against Disease. The Sanitarians. A History of American Public Health. John Duffy. University of Illinois Press, Urbana, 1990. x, 331 pp. $32.50, in: Science 249 (1990), H. 4966, S. 305. ⮭
- Vgl. Bohlender, Matthias: Metamorphosen des liberalen Regierungsdenkens. Politische Ökonomie, Polizei und Pauperismus, Velbrück, Weilerswist 2007, S. 141 f., 173 f. ⮭
- Snowden: Epidemics (wie Anm. 11). ⮭
- Ebd., S. 195. ⮭
- Ebd., S. 189. ⮭
- Rosenberg: Cholera Years (wie Anm. 10), S. 57. ⮭
- Porter, Dorothy: Introduction, in: dies. (Hrsg.): The History of Public Health and the Modern State, Rodopi, Amsterdam 1994, S. 1–44, hier S. 8. ⮭
- Vgl. Rosenberg: Cholera Years (wie Anm. 10), S. 45. ⮭
- Bashford, Alison: Imperial Hygiene. A Critical History of Colonialism, Nationalism and Public Health, Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York 2004, S. 116. ⮭
- Ebd., S. 139; vgl. auch Stern, Alexandra Minna: Buildings, Boundaries, and Blood. Medicalization and Nation-Building on the U.S.-Mexico Border. 1910–1930, in: The Hispanic American Historical Review 79 (1999), H. 1, S. 41–81. ⮭
- Vgl. Porter: Health (wie Anm. 22), S. 194. ⮭
- Ebd., S. 195. ⮭
- Vgl. Kramer, Howard D.: The Beginnings of the Public Health Movement in the United States, in: Bulletin of the History of Medicine 21 (1947), H. 3, S. 352–376, hier S. 364–367. ⮭
- Vgl. Porter: Health (wie Anm. 22), S. 151; Costa, Dora L.: Health and the Economy in the United States from 1750 to the Present, in: Journal of Economic Literature 53 (2015), H. 3, S. 503–570, hier S. 530. ⮭