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Einzelrezension

Neitzel, Sönke: Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte, 816 S., Propyläen, Berlin 2020.


Keywords: Review, Neitzel, Sönke, 2020, Militärgeschichte, Weltkriege, Kolonialkriege, Wehrmacht, Bundeswehr, NVA, NATO, Vergleich

How to Cite:

Lemke, B., (2022) “Neitzel, Sönke: Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte, 816 S., Propyläen, Berlin 2020.”, Neue Politische Literatur 67(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-022-00436-9

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© The Author(s) 2022 under CC BY International 4.0

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2022-12-04

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Ganze Bibliotheken wurden inzwischen zu „Die Deutschen und ihr Militär“, „Deutsche Militärgeschichte“ oder vergleichbaren Themen gefüllt. Das Thema ist und bleibt ein Politikum. Je nach politischer Ausrichtung kommen die unterschiedlichsten Ansätze, Meinungen und Ergebnisse zum Ausdruck, was zu teils heftigen, häufig politisch gefärbten Diskussionen und Auseinandersetzungen führt. Eine wie auch immer geartete ‚Versöhnung‘ insbesondere mit den letzten 150 Jahren scheint vollkommen unmöglich. Sönke Neitzel nimmt nun mit seinem Überblickswerk „Deutsche Krieger“ einen Anlauf, der Problematik Herr zu werden. In einer ausgedehnten Tour d’Horizon stellt der Autor die deutsche Militärgeschichte seit dem Kaiserreich detailreich dar, versucht dabei Verständnis für das Militär in den jeweiligen Gesellschaften zu erwecken, gleichzeitig auch die seit den 1960er Jahren teils vehemente Kritik am Militär und seiner Geschichte teilweise zu entkräften. Gegen Ende der Darstellung gewinnt das Werk zunehmend politischen Charakter, enthält dabei auch deutliche Kritik am Verteidigungsministerium, „der Politik“ und einzelnen führenden Politiker_innen.

Der Rezensent fühlt sich nicht berufen, zur ganzen Vielfalt der dabei angesprochenen Themen Stellung zu nehmen. Vielmehr sollen im Folgenden die Aspekte historiografischer Methodik, vor allem aus globaler Perspektive, unter die Lupe genommen werden. Schon seit geraumer Zeit haben die entscheidenden Instrumente transnationaler Geschichte in Form des Vergleichs und der Interdependenzanalyse ihren festen, wenn auch kontrovers diskutierten Platz im historiografischen Instrumentarium gefunden. Gerade hier weist die Arbeit erhebliche Defizite auf. Sicherlich ist die deutsche Militärgeschichte ein komplexes Thema, was auch schon im Titel reflektiert wird („eine Militärgeschichte“). Indes fragt sich der Leser schon, ob nach über 20 Jahren teils umfangreicher globaler Einsätze derlei Aspekte nicht prominent und analytisch adäquat berücksichtigt werden sollten. Die Tatsache, dass es kaum komparatistische Publikationen dazu gibt, ist zu beachten, liefert aber keinen hinreichenden Grund, hier nicht näher hinzuschauen.

So bleibt es etwa in der Frage des Umgangs mit der Zivilbevölkerung in besetzten Gebieten bei dem wiederholt vorgebrachten, etwas einfachen Argument, „die Anderen“ (die Kriegsgegner beziehungsweise Verbündeten der Deutschen im Osten) seien im Ersten Weltkrieg ja auch nicht zimperlich in ihren besetzten Gebieten umgegangen (S. 72–79). Hier fehlt die Differenzierung unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen und Einbeziehung aller Kriegsgegner. Es ist zu fragen, wie es mit der Bilanz der westlichen Mitglieder der Entente aussieht, die Neitzel nur kurz erwähnt. Es ist nicht bekannt, dass etwa die Briten, die Franzosen oder die Amerikaner derartige Gräuel verübt hätten wie Deutschland in Belgien. Das Resümee, dass „sich die Armeen der europäischen Großmächte in entsprechenden Situationen ähnlich verhielten“ [Hervorh. d. Verf.] (S. 77), ist vor diesem Hintergrund einigermaßen suggestiv und entbehrt der komparatistischen Tiefenschärfe. Überhaupt deutet der Autor die meisten Vergleiche nur in wenigen Sätzen an und führt sie wenig überzeugend durch.

Neitzels Einordnung der teils genozidalen Kolonialkriege des Deutschen Reiches in Afrika bleibt eher schemenhaft und gibt den Forschungsstand unzureichend wieder. Es geht dabei keineswegs nur um einen „German Way of War“ (S. 32), sondern um eine bis heute anhaltende Kontinuitätsdebatte zum Holocaust und damit auch um vergleichende Genozidgeschichte, nicht zuletzt im Hinblick auf die jeweilige Rolle des Militärs. Eine umfassende Darstellung zur deutschen Militärgeschichte muss dies berücksichtigen und reflektieren.

Das Gleiche gilt für den eher vage und thesenartig formulierten Vergleich zu Disziplin und Meutereien in den deutschen, französischen und britischen Armeen in Europa (S. 69). So könnte der Eindruck entstehen, dass ‚die‘ Engländer und Franzosen ähnlich brutal vorgegangen wären wie die Deutschen, wenn sie Besatzungsmächte gewesen wären – eine Sichtweise, die wissenschaftlich keineswegs haltbar ist, auch wenn einzelne Einheiten in beiden Weltkriegen Kriegsverbrechen begangen haben. Ähnliches gilt für Vermutungen und Einschätzungen zum Verhalten der U.S. Army in Europa und Asien (S. 238) und weitere Punkte, die hier aus Platzgründen nicht näher diskutiert werden können.

Die größten Mängel des Werkes bestehen indes in der wenig reflektierten Verwendung des Begriffes „tribal culture“, das wohl auf den ‚Korpsgeist‘ der Waffengattungen verweisen soll. Eine nachvollziehbare methodische Begründung findet der Leser nicht wirklich. Der Autor bezieht sich hier wohl auf die Forderungen eines Bundeswehrgenerals aus dem Jahre 2004, man bräuchte den „archaischen Krieger“, der den „High-Tech-Krieg“ führen könne (S. 506, vgl. auch S. 11f.). Gleichfalls ist zu fragen, inwieweit moderne Technik und Technologie, die etliche Offiziere im Rahmen ihrer Karriere studieren müssen, mit der Kennzeichnung „archaisch“ kulturell zusammengehen sollen. „Modernität“ und „archaisches Sein“ sind alles andere als rein funktionale Begriffe. Die methodischen Probleme verstärken sich noch, wenn man die Vergleichsperspektive im Rahmen der europäischen Militärgeschichte einnimmt. Es wäre einmal zu fragen, ob derlei Kennzeichnungen auch für die britische Armee, die immer wieder gerne als positives und gerade für Deutschland nachahmenswertes Vorbild dargestellt wird, angebracht sind und ob man nach 200 Jahren Einsatz gegen rebellische ‚Stämme‘ im Empire ihre Kampftruppen unter den Begriff „tribal cultures“ subsumieren kann – auch wenn, wie Neitzel betont, hier ‚nur‘ ein „sinngemäßer“ (S. 19), quasi metaphorischer Anspruch besteht.

Schlaglichtartig und schon fast etwas humoristisch werden die Unzulänglichkeiten bei der Beschreibung der „Operation Overlord“ 1944 deutlich. Neitzel beschreibt (S. 240), dass sich einige GIs mit Indianer-Tattoos bemalt hätten, was auf „tribale“ Kriegsführung als Klischee hinweise (inklusive möglichen Skalpierens deutscher Soldaten). Über britische Soldaten sei derlei nicht bekannt, was „wohl auch unvorstellbar gewesen sei“. Die Waffengattungen der British Army als tribale Gemeinschaften zu imaginieren, fällt genauso schwer wie die Vorstellung, dass „sub-tribes“ der Wehrmacht mit modernen Panzern, Raketenwerfern und motorisierten Transportmitteln in Russland kämpften (S. 200ff.). Die entsprechenden Passagen wirken auf den Rezensenten mutatis mutandis eher wie Parallelgeschichten namhafter Science-Fiction-Autoren (etwa Robert Silverbergs „Roma Eterna“). Insgesamt stellt parallelisierende oder gar gleichsetzende Metaphorik, gerade wie auch die einschlägigen Diskussionen um postkoloniale Streitthemen zeigen, methodisch nicht gerade einen vielversprechenden kompatiblen Ansatz dar. In den Kolonialkriegen der letzten 200 Jahre wurden zahlreiche „tribal cultures“ im eigentlichen Sinne des Wortes durch teils brachialen Einsatz moderner westlicher Kriegsmittel zerschlagen oder sogar ausgelöscht. Rationalisierung (auch Erforschung der ‚Stämme‘), Durchstaatlichung und wirtschaftliche Verknüpfungen, die gerade auch durch das Handeln moderner westlicher Akteure und ihr Militär etabliert wurden, haben die Lebenswelt der Menschen in allen Regionen der Erde inzwischen massiv verändert.

Die einzelnen Hauptkapitel enthalten weitere kontroverse Themen, die an dieser Stelle nicht ausführlich angesprochen werden können. In dem recht knappen Kapitel zur Weimarer Republik und dem zum Dritten Reich versucht der Autor, dem Militär in neuer Weise gerecht zu werden, dies gelegentlich mit eher zweifelhaften Vergleichen. Im Bestreben, Reichswehr nicht als „Staat im Staate“ darzustellen, verweist Neitzel darauf, dass großer Konsens für das Militär und gegen die angeblichen Ungerechtigkeiten des Versailler Vertrages geherrscht habe. Dass aber substanzielle Elemente der Gesellschaft, Kommunisten, Pazifisten und erhebliche Teile der SPD damit überhaupt nicht einverstanden waren und der Militärführung deren Inhaftierung 1933 mehr als gelegen kam, erwähnt Neitzel kaum – genauso wenig wie die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die immerhin ein markantes Beispiel für die Verrohung von Soldaten darstellen und als Vorbild für spätere Zeiten dienen konnten.

Gleichermaßen überzeugt nicht wirklich, den teils überharten Drill in der Wehrmacht schon vor 1939 mit dem mitunter wenig zimperlichen Umgang mit Mitarbeitern in der Wirtschaft zu vergleichen. Allein schon die Tatsache, dass man in Betrieben kündigen konnte, wenn man mit Arbeitsbedingungen nicht zufrieden war, spricht gegen eine solche Gleichsetzung. Ein Vergleich von Militär und Wirtschaft ist dabei durchaus innovativ. Jedoch sollte zunächst einmal die ‚Unternehmenskultur‘ verglichen werden hinsichtlich des politischen und weltanschaulichen Einflusses der jeweiligen Führungen, nicht zuletzt charismatischer Leitfiguren auf die Masse der Beschäftigten respektive Soldaten. Insgesamt vertragen sich die durchorganisierten, hochkomplexen und rationalisierten Kernelemente westlicher Gesellschaften nicht mit einem archaisierten Begriff von „tribal cultures“, was keineswegs heißt, dass Korpsgeist, Kameradschaft oder Mitarbeitersolidarität nicht existieren oder notwendig sind.

Klar und überzeugend sind die Ausführungen Neitzels zu den Verbrechen im Weltanschauungskrieg in der Sowjetunion ab 1941, die breiten Raum einnehmen. Als Positivum für den Zweiten Weltkrieg hebt er die hohe Professionalität und die trotz etlicher Probleme und Defizite grundsätzlich anhaltende hohe Kampfkraft hervor. Indes bleiben die alten Zweifel, wenn man das angebliche ‚Gute‘ aus der Wehrmachtgeschichte herausarbeiten will. Hier liefert das Werk lediglich eine Neuakzentuierung. Neitzel bringt sein Fazit klar und deutlich auf den Punkt: die Wehrmacht sei „professionell und verbrecherisch“ gewesen (S. 241).

Bei den recht ausführlichen Kapiteln zur Bundeswehr, die auf Basis substanzieller neuer Quellenbestände eine Fülle von Themen abdecken, fehlt eine grundlegende Analyse zur Rolle und Bedeutung der NATO, die außerhalb der Operationsplanungen eher als übergeordnetes, fast entrücktes Phänomen erscheint. Nur wenige Bemerkungen sind dazu im Fazit zum Kalten Krieg zu finden. Lediglich im Kapitel zur NVA zeichnet Neitzel die Allianz etwas konturierter und analysiert sie im Vergleich mit dem Warschauer Pakt (S. 432). Die NATO war im Kalten Krieg ein zentrales Integrationselement für die Bundeswehr. Zahlreiche Soldaten waren für kürzere oder längere Zeit in den USA oder bei anderen NATO-Partnern tätig und knüpften in NATO-Institutionen und auf Manövern auch außerhalb Deutschlands vielfältige Kontakte und Freundschaften.

Problematisch erscheint das Kondensieren von Personengruppen auf dichotomische Singulärbegriffe, wo etwa ein „Spannungsfeld zwischen Bürger und Krieger“ konstatiert wird (S. 269). Es könnte der Eindruck entstehen, dass es in der Bundesrepublik zwei voneinander kategorisch getrennte Kategorien gab und vielleicht noch gibt, eben ‚den‘ Bürger und ‚den‘ Krieger. Zumindest sprachlich besteht hier Korrekturbedarf. Genau dies gilt auch für die Frage der Verarbeitung der Weltkriege und der Identitätsbildung nach 1945. Neitzel behauptet sinngemäß, ‚die Anderen‘ hätten ähnliche Schwierigkeiten gehabt (S. 257). Das ist angesichts des Holocaust und des Vernichtungskrieges im Osten verzerrend, auch wenn klar ist, dass keiner der Kriegsgegner problemlos aus dem Zeitalter der Weltkriege kam. Die entscheidende Frage ist, welcher Art die Probleme waren. Für die entsprechenden Themen besteht die Gefahr gleichsetzender Aufrechnung teils auf der Basis metaphorischer Konstruktionen.

Was die NVA betrifft, wird man dem Urteil Neitzels, trotz noch bestehender Forschungsdesiderate, zustimmen können. Die NVA war weitestgehend nach dem Vorbild der Roten Armee konzipiert und funktionierte entsprechend. Indes ist auch hier die Wortwahl gelegentlich unglücklich („Sonderweg“, S. 439). Vergleiche müssen grundsätzlich die singulären Bedingungen historischer Phänomene in Rechnung stellen – das macht sie so schwierig und mühsam. Das Ziel kann nur sein, Handlungs- und Strukturmuster in vorher klar definierten Erkenntnisräumen zu identifizieren und dann Unterschiede beziehungsweise Ähnlichkeiten zu identifizieren. Dabei müssen die historischen Rahmenbedingungen substanziell in die Analyse einfließen.

Für die Zeit nach 1990 bietet Neitzel erneut eine Fülle von Fakten. Der Schwerpunkt liegt zu Recht auf dem Afghanistan-Einsatz, der bedeutendste Einsatz deutscher Streitkräfte seit 1945. Der Autor spricht vielerlei Defizite, insbesondere in Sachen Anerkennung der Soldaten und ‚ihrer‘ Kultur an, aber auch organisatorische, politische, technische und andere mehr. Für Letzteres bietet das Werk nur teilweise Neues, da eine vorherige Publikation (Philipp Münch: Die Bundeswehr in Afghanistan, 2015) hier schon Wesentliches geleistet hat.

Insgesamt fehlt es dem Werk von Neitzel trotz der ungeheuren Fülle an Details, Fakten und Zusammenhängen an tiefgreifender methodischer Perspektivenbildung vor allem bei der Durchführung von Vergleichen und beim Aufzeigen von Interdependenzen. Es hilft wenig, die internationale, transnationale beziehungsweise globale Perspektive, die inzwischen auch für die Bundeswehr von erheblicher Bedeutung ist, lediglich mit verallgemeinernden Metaphern, Labels oder terminologischen Hilfskonstrukten zu berücksichtigen. Eine saubere komparatistische Analyse unter Beachtung der geschichtlichen Rahmenbedingungen ist so nicht möglich.