In drei Teilen erhellt Ralph Bollmann das Leben Angela Merkels: ihre Kindheit und Jugend im Pfarrhaus und in der Akademie der Wissenschaften im Sozialismus, ihre Zeit als Ministerin unter Helmut Kohl in Bonn, schließlich als Kanzlerin in Berlin und als Weltpolitikerin. Als sie als Kanzlerin antrat, war ihr Land erst seit 15 Jahren vereint, das Projekt Europa noch jung. Der Autor greift auch auf sein Buch über Merkel zurück, das bereits mitten in ihrer Amtszeit erschien. Damals überschrieb er es „Die Kanzlerin und wir“, jetzt also „Die Kanzlerin und ihre Zeit“. Sein neues Buch war nötig, denn es gibt für die 16 Jahre Merkel nur fünf Biografien auf Deutsch, die jedoch mehr Sammelwerke darstellen und weniger eine ‚kritische Bilanz‘ bieten, sowie vier Bände mit Fokus auf Merkels Handeln im Globaldreieck Amerika – Nahost – Europa.
Bollmann formuliert anschaulich, während seine Methoden und Inhalte komplex geraten. Er stellt eine in die Zukunft weisende Frage (S. 12): Werden Deutsche „die ‚Ära Merkel‘ zu einer guten alten Zeit verklären, die trotz aller Krisen noch Sicherheit und Kontinuität bot?“ Oder wird sie als die Frau gelten, die durch ihren Kurs „den Niedergang des Westens, wenn nicht verursacht, so doch nicht aufgehalten hat?“ Letzteres beantwortet der Autor zwar in seinem Text, lässt aber allzu viel in jenem Globaldreieck aus. Der „Großkonflikt zwischen liberalen Kosmopoliten und ängstlichen Protektionisten“, der Merkels letzte Kanzlerjahre überschattet habe, gibt wenig her – wie auch Bollmanns Antwort, dass sie nun als eine der letzten Verteidigerinnen der liberalen Demokratie galt (S. 14). Der Autor zeichnet sich durch die fundierte Einordnung von Sachverhalten aus, aber zuweilen mangelt es ihm an kritischer Distanz.
Nach zehn Jahren Amtszeit erklärte Merkel die Eigenschaften Helmut Schmidts auch als prägend für sich selbst: „nüchternen Pragmatismus“, „Resistenz gegenüber ideologischer Einengung“, Entscheidungen „nur dann reif zu fällen, wenn sie vorher durchdacht und mit Vernunft durchdrungen“ seien sowie Führungsstärke in zu bewältigenden Krisen zu zeigen (S. 11). Bollmann findet bei ihr frühe Leitideen wie „nicht alles mitmachen“ zu müssen, sich nur so weit wie nötig anzupassen oder aus der Rolle einer „Außenseiterin“ heraus zu agieren. Ihren aktivistischen Zug verrät Merkels Formel „besser ein Kompromiss mit Schwächen, als gar nichts zu tun“ (S. 214). Diesen zeigte sie außenpolitisch auch noch 2021, als sie ihr Ja zum Genfer Atompakt mit dem Iran aus dem Jahr 2015 bekräftigte („besser einen Pakt als keinen“), obwohl dies den Nahen Osten samt Israel zum Krieg führen könnte und die Welt zur Freude von nationalen und globalen Islamisten weiter spaltete. Der Autor blickt hingegen nur nach ‚rechts‘. Ihm ist vor allem Donald Trump ein Schreck, rechter Populismus bleibt eine Floskel. Indessen birgt das totalitäre China auch von ‚links‘ globale Gefahren. Merkel verkannte beides und verankerte China tief in Europa.
Zu Merkels allzu langem Nicht-Agieren im Nahen Osten schweigt Bollmann. Die Flüchtlingskrise 2015 ist nicht nur aus einem Kapitel zu Revolten erklärbar, sondern auch daraus, was die Kanzlerin in diesem Zusammenhang alles versäumt hat. Es hätte Alternativen am Golf gegeben: heimatnah, reicher, kulturgleicher, wäre sie da aktiv geworden. Aber Merkel hatte bis 2015 keinen Plan für den Nahen Osten, überließ diesen stattdessen Amerika, obwohl sie doch meinte, die Flüchtlingsfrage habe sich seit 2004 gestellt. Hätte sie hier früher agiert, hätte sich Europa in dieser Frage vermutlich nicht so auseinanderentwickelt. Merkels Haltung, nicht eingreifen, aber Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, wirkt naiv. Hätte sie Eingreifmittel wie Amerika, könne sie anders agieren. Aber dies wolle sie gar nicht. Im Sog ihrer Landesgeschichte wandelte sie eher auf pazifistischen als auf Kriegs-Pfaden. 2008 erhob sie dann aber Israels Sicherheit zur „deutschen Staatsräson“ und erklärte dies als „niemals verhandelbar“. Der Autor bringt Joachim Gaucks Rede von 2012 ein, in der er bemerkte, Merkels Satz von der „Staatsräson“ könne Berlin in „enorme Schwierigkeiten bringen“, was er später allerdings wieder zurücknahm (S. 310).
Nach der Finanzkrise 2008, die Amerika mit unlauteren Praktiken verschärfte (S. 326), zeichnet Bollmann Merkels Handeln nach. In dieser Krise konnte allein der Staat noch rettend eingreifen. Bollmanns Lebensskizze zu Merkels Schaffen scheint die These des Historikers Heinrich August Winkler von 1986 zu widerlegen (S. 101), Europa und auch die Deutschen wollten kein neues Deutsches Reich, einen souveränen Nationalstaat, wegen der deutschen Rolle in den Weltkriegen. Ob aus Europa ein ‚Reich‘ wird? Finanz- und Corona-Krise schufen zeitweilig Gegenteiliges gar mit geschlossenen Grenzen. Für Europas Glück wäre es nicht förderlich, alles in einem Bundesstaat unter einer Politbürokratie zu bündeln. Nur in bunt souveränen Nationalstaaten mit regulierten Grenzen und Migration, flankiert durch multilaterale Einrichtungen wie die EU, können die liberalen Demokratien gedeihen. Ansonsten wächst die Gefahr, dass deren Sozialkitt in polarisierte und fragmentierte Länder zerfällt. Da Merkel nicht „die Mitte preisgeben und auf andere Felder ausweichen“ wollte (S. 213), mögen Volksmitten mit ihren Alt- und Neubürgern stets in Kohäsion gepflegt und ausbalanciert werden. Angriffe dagegen ergehen nicht nur von ‚rechts unten‘, sondern auch, wie in den 1920er Jahren, von ‚links oben‘, einst wie heute gestützt durch Linksdiktaturen. Totalitäre Ideologien greifen aus, räsonieren auch im Islamismus und benutzen die Potenzen von Technologien in Demokratien, um diese letztendlich abzuschaffen.
Merkels Kanzlerschaft endete am 26. Oktober 2021 mit der Konstituierung des 20. Deutschen Bundestags. Anderntags saß sie dort auf der Zuschauerbühne und führte ihre Amtsgeschäfte noch bis zur Ernennung einer neuen Regierung fort. So eröffnete sie generative Wechsel, von denen Demokratie lebt, sofern denn diese samt ihres Merkel’schen Erbes von ihren Nachfolgern erhalten und entfaltet wird. In Licht und Schatten strahlte Angela Merkel als Humanistin nicht nur in Europa aus. Ihr einmaliges Werk hat Ralph Bollmann höchst einfühlsam und anregend ausgeleuchtet – ein brillant produktives Buch.