Skip to main content
Einzelrezension

Bonderer, Roman: Willensnation wider Willen. Die medialen Konflikte in der Entstehungszeit des Schweizer Nationalstaats (1830–1857), 462 S., Schwabe, Basel 2020.


Keywords: Review, Bonderer, Roman, 2020, 19. Jahrhundert, Schweizer Nationalstaat, Bundesstaatsgründung, 1848, Sprachanalyse

How to Cite:

Kreis, G., (2022) “Bonderer, Roman: Willensnation wider Willen. Die medialen Konflikte in der Entstehungszeit des Schweizer Nationalstaats (1830–1857), 462 S., Schwabe, Basel 2020.”, Neue Politische Literatur 67(2). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-022-00429-8

Rights:

© The Author(s) 2022 under CC BY International 4.0

4 Views

2 Downloads

Published on
2022-04-26

Peer Reviewed

Die Studie von Roman Bonderer geht der Frage nach, mit welchen Narrativen die Lager der liberalen und der katholischen Schweiz in der Zeit der Regeneration und den ersten Jahren nach der Bundesstaatsgründung von 1848 gegeneinander antraten. Anhand einer systematischen Untersuchung von sieben Zeitungen vermittelt sie zahlreiche Belege für die Rhetorik der Konfliktparteien. Der Titel der Publikation, „Willensnation wider Willen“, bringt den Befund auf den Punkt, dass man für die Jahre der Entstehung des Nationalstaats vergeblich nach einer „allseitigen Willensbekundung“ zur Bildung eines gemeinsamen Nationalstaats sucht. Die weitere Feststellung, dass „sehr viele Schweizer“ gar nicht zum neuen Staat gehören wollten, zeigt, dass die Abklärungen innerhalb eines um Symmetrie bemühten Bildes doch von der katholisch-konservativen Opposition her gedacht sind.

Das erste Randdatum der Studie, 1830, bedarf hier keiner Erklärung. Warum aber das Enddatum von 1857? Es ergibt sich aus dem Streit um die volle Zugehörigkeit des Kantons Neuenburg zur Eidgenossenschaft infolge des sich an Preußen anlehnenden Putsches der neuenburgischen Royalisten. Der Autor stellt fest, dass sich der nationale Begeisterungswille, der angesichts der Kriegsgefahr lagerübergreifend das Land erfasste, doch in engen Grenzen hielt.

Bonderer zeigt, dass die Auseinandersetzungen nicht durch die Existenz von seit Langem gelebten Gemeinsamkeiten, insbesondere durch die Vorstellung einer gemeinsamen Geschichte, abgeschwächt worden seien – wie etwa in den Arbeiten von Ursula Meyerhofer (2000) und Irène Herrmann (2006) dargelegt. Man könnte sogar zu dem Schluss kommen, dass, gerade weil Gemeinsamkeiten bestanden, auf der Diskursebene vor und auch noch nach 1848 mit eindrücklicher Schärfe Gegensätzlichkeiten betont beziehungsweise Feindbilder kultiviert wurden. Beide Lager verwendeten dieselben Begriffe wie „Freiheit“, „Republik“, „Treue gegenüber dem Ahnenerbe“ et cetera, versahen diese aber mit unterschiedlicher Bedeutung und präsentierten sie mit Zusätzen wie „wahrhaft“ oder „echt“ als einzig richtig.

Der Autor stützt sich auf das Verständnis der Neuen Politikgeschichte, das die Verengung des Politikbegriffs auf die Tätigkeit des Staates und dessen Personal aufgegeben hat und sich in diesem Fall mit den in der benutzten Sprache fassbaren normativen Vorstellungen auseinandersetzt. Es entspricht dem auf die Welt der politischen Ideen ausgerichteten Ansatz Bonderers, dass er der Interpretation, welche die Gründung des Bundesstaats primär aus ökonomischen Interessen versteht, eine Absage erteilt (S. 350). Mit dem Blick auf semantische Wortfelder erfasst er die konfligierende Konstellation der gegensätzlichen „Sprechlager und Denkmilieus“ (Günther Lottes, 2010). Dass es parallel zur Sprachdimension mit zeitgenössischen Karikaturen auch eine im Vergleich mit der heutigen Bilderflut zwar bescheidene visualisierende Dimension gab, tritt außer im mitgelieferten Umschlagbild nicht in Erscheinung. Zumindest in der Einleitung wäre ein Hinweis auf die von Philippe Kaenel herausgegebene Publikation „1848 – Drehscheibe Schweiz. Die Macht der Bilder“ (1998) angebracht gewesen.

Ein stärker ins Gewicht fallendes Manko besteht darin, dass das Verständnis der Konfliktkonstellation ohne weitere Differenzierung von zwei politischen Großgruppen ausgeht, von Konservativen und Liberalen. Obwohl der Autor eingangs (S. 26) erklärt, dass es im einen Lager neben den Liberalen die Radikalen als zu unterscheidende Kraft gibt, behandelt er im Folgenden das Gegenlager der Konservativen durchgehend als Einheit. Bekanntlich waren die konfliktverschärfenden Radikalen aus der liberalen Bewegung hervorgegangen, doch ließen die eher realpolitisch eingestellten Liberalen die tonangebenden Radikalen bei der Staatsbildung nicht zum Zug kommen. Auch das Gegenlager war freilich kein homogener Block, zeichneten sich doch in der Jesuitenfrage unterschiedliche Haltungen ab.

Zutreffend hält Bonderer in der Einleitung fest, dass die 1830er und 1840er Jahre angesichts ihrer für die Entstehung der modernen Schweiz herausragenden Bedeutung bisher „frappierend“ (S. 12) geringe Aufmerksamkeit erfahren haben. Dies erklärt er mit der Konflikthaftigkeit der Ära beziehungsweise mit der gewollten Zurückhaltung im Erörtern dieses heiklen Abschnittes der gemeinsamen Vergangenheit. Andererseits kann gerade die Konflikthaftigkeit ein Grund dafür sein, sich mit dieser Phase zu befassen. Das hat nun Bonderer mit seiner dicht recherchierten, sorgfältig dokumentierten und anregend präsentierten Berner Dissertation auch getan.