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Einzelrezension

Hedinger, Daniel: Die Achse. Berlin – Rom – Tokio 1919–1946, 543 S., Beck, München 2021.


Keywords: Review, Hedinger, Daniel, 2020, Achsenmächte, Nationalsozialismus, Faschismus, Globalgeschichte, Mussolini, Japan

How to Cite:

Schwanitz, W., (2022) “Hedinger, Daniel: Die Achse. Berlin – Rom – Tokio 1919–1946, 543 S., Beck, München 2021.”, Neue Politische Literatur 67(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00412-9

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© The Author(s) 2022 under CC BY International 4.0

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2022-02-02

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Kurz vor dem Stahlpakt Berlin-Rom 1939 malte die deutsche Propaganda ihr Achsen-Bild am „70. Grad östlicher Länge“, wo Spanien, Italien, Deutschland, Japan und die Mandschurei ein Rechteck quer durch die Sowjetunion bis nach Britisch-Indien zogen. Der Osten fiel Japan zu, der Westen samt Europa und Mittelost den anderen Beteiligten. Durch Italiens Kolonien umfasste es auch Libyen und Abessinien, also Nord- und Ostafrika bis zum Horn Afrikas gegenüber Arabien.

Berlin und Rom sollten sich einen Längengrad teilen. Um sie sollte Europas Zukunft rotieren, wie Italiens Benito Mussolini nach seiner Einigung mit Adolf Hitler Ende 1936 sagte (S. 200). Parallel bezog Berlin auch Tokio in den politischen Anti-Komintern-Pakt gegen die Kommunistische Internationale Josef Stalins ein. Nachdem Rom 1937 beitrat, kamen zehn weitere Länder hinzu.

Einen Militärpakt als Dreimächtepakt schlossen Berlin, Rom und Tokio 1940: alle erkannten die Führung der jeweils anderen in ihren Räumen an; sie unterstützten sich, eine neue Ordnung in Europa und Großasien zu etablieren und sollten sich beistehen, falls eine Seite durch eine dritte Macht attackiert würde. Dem traten bis 1941 sechs Länder Europas bei. Moskaus Anlauf scheiterte. Paktanwärter wurden auch arabische Staaten wie der Irak und Syrien.

Daniel Hedinger erzählt zwei Dekaden der Achse. Sechs Kapitel berühren Ideologien, Expansion wie auch Wellen der Globalisierung im Dreijahrestakt in synchroner Multiperspektivität: 1932–1935, 1936–1939 und 1940–1942. Der Autor ist ausgewiesener Fachmann, da er Japanologie und Geschichte studierte, sich zur Achse habilitierte. Er analysiert, wie sich die drei Mächte fanden und durch Krieg das Ende ihrer jeweils als Großreiche konzipierten politischen Projekte bewirkten. Die Achse entsprang aus transnationaler Aktion. Drei Regime radikalisierten sich gegenseitig, gewannen an Dynamik und globaler Sprengkraft. Ihnen war an Weltpolitik mit neuen sozialen und kulturellen Gebilden, die Vorheriges radikal ablösten, und an parallelen Ideologien gelegen. Daher sei eine Geschichte der Achse eine „Globalgeschichte des Faschismus“ (S. 12).

Der Verfasser zeichnet so die gemeinsame Geschichte dreier Länder und will sie um Perspektiven von Dritten und Gegnern ergänzen. Er sieht Faschismus nicht nur europäisch, sondern global, als Entwurf einer Weltordnung auf dem dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus (S. 9). Dabei entfalte der Faschismus eine Ideologie national-revolutionärer Wiedergeburt der Nation. So löst er ihn aus einem deutschen beziehungsweise europäischen Kontext (S. 13 f.): Diplomatie und Kulturpolitik, Imperialismus und Krieg.

Faschismus ist ein Begriff mit italienischen Wurzeln. Hitler nutzte ihn selten, sah sich selbst wohl kaum als Faschisten. Selbst „Nationaler Sozialismus“ geriet deutsch, italienisch oder japanisch jeweils anders (S. 165). Zwar pochte Mussolini auf Italianità seiner Ideologie – kein Exportgut – änderte dies jedoch, als er sie universal umdefinierte (S. 79). Seine Rede über Faschismus und Japans Zukunft wurde in Großbritannien rezipiert. Dort kam es ab 1931 gar zu einem kurzen Faschismusboom mit Fokus auf Italien (S. 85, 103). Doch passt die „globalfaschistische Haube“ nicht so richtig auf die so diversen Landes- und Regionalgeschichten. Zudem klammert dieser Ansatz nötige Vergleiche mit ähnlichen Regimen aus, linksextremen und theologischen, die ebenfalls totalitäre Diktaturen erzeugen.

Gibt es einen nicht nationalen Oberbegriff für das die Achse Einende? „Glokaler Faschismus“ ist es nicht (S. 418). Wohl fehlt eine Globalgeschichte des Totalitarismus mit dessen verschiedenen Ausprägungen in Europa und Asien (S. 408), zumal der Autor Kanokogi Kazunobus Totalitarismus-Theorie staatssozialistisch oder revolutionären Nativismus Japans erörtert (S. 56, 106). Er berührt einige Ethno- und Pan-Bewegungen wie Asianismus (S. 105, 129), kaum Europäismus, Germanismus und exklusiven Rassismus. Indes zeigt er, wie sich Rom für die panasiatische Propaganda Japans hergab (S. 252), obwohl Italiener wie Deutsche auch eine „gelbe Gefahr“ besprachen, was ihnen bald verboten wurde. Judenhass einte Mussolini und Hitler. Rom erließ 1938 Rassegesetze. Hierzu bleibt die Suche von Grundsatzbefehlen in Zentren nicht illusorisch, sondern nötig und produktiv (S. 342).

Der Autor sieht in Roms Abessinien-Krieg ab 1935 genozidale Tendenzen eines faschistischen Vernichtungskrieges (S. 412), wie zuvor im italienisch-lybischen Krieg, als Rom 1932 Giftgas einsetzte. Daher wäre ein deutscher Sonderweg, der von der Vernichtung der Herero zum Nazi-Krieg führe, unplausibel (S. 157–161). Einwand: Weltkriege zeitigten stets multiple Genozide, versuchte wie an Palästinas Juden und realisierte wie an Christen ab 1915. Mit Osmanen erlebten dies 30.000 deutsche „Asienkämpfer“, von denen im nächsten Weltkrieg etwa 100 zum Kern der Nazi-Führer aufrückten. So könnte umgekehrt eine transimperiale Einsicht deutsche Eigenwege erhärten. Diese legt auch die seit 1919 bestehende Nazi-Imagination zu Mustafa Kemals Türkei nahe.

Kreativ beantwortet Hedinger Fragen, wie die Achse den Hitler-Stalin-Pakt verstehen sollte oder deren Wirken in den Endjahren. Der Reiz des zuweilen provokativen Wurfs liegt darin, dass er ein und dasselbe Ereignis in konfliktiven Perspektiven auslotet, etwa wie Mussolinis koloniale Aktion in Abessinien Berlin Handlungsräume bot oder Tokios Angriff auf Pearl Harbor US-Alliierte länger fesselte. Endlich sind hier Weltgeschichten multidimensional mit Regional- und Sprachwissen ausgeleuchtet.