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Einzelrezension

Tremlett, Giles: The International Brigades. Fascism, Freedom and the Spanish Civil War, 720 S., Bloomsbury, London u. a. 2021.


Keywords: Review, Tremlett, Giles, 2021, Spanischer Bürgerkrieg, Internationale Brigaden, Militärgeschichte, Kommunismus, Antifaschismus

How to Cite:

Tosstorff, R., (2021) “Tremlett, Giles: The International Brigades. Fascism, Freedom and the Spanish Civil War, 720 S., Bloomsbury, London u. a. 2021.”, Neue Politische Literatur 67(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-021-00408-5

Rights:

© The Author(s) 2022 under CC BY International 4.0

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Published on
2021-12-14

Peer Reviewed

„Internationale Brigaden“ hat sich heutzutage als politischer (Kampf‑)Begriff eingebürgert, weit über die Beschäftigung mit dem historischen Vorbild im spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 hinaus und je nach Standpunkt mal positiv, mal negativ besetzt. Seinerzeit prägte sich diese Bezeichnung durch das Wirken dieser militärischen Formation auf Seiten der Republikaner ein, obwohl es auch schon in zahlreichen früheren Konflikten internationale Freiwillige gegeben hatte, wenn auch nicht in einer vergleichbaren organisierten Formation mit großer propagandistischer Außenwirkung. Seitdem wird dieses Etikett jedenfalls fast immer herangezogen, wenn ausländische Kämpfer in einem kriegerischen Konflikt auftreten, selbst bei höchst zweifelhaften historischen Parallelen. Man denke nur an den damaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer im Bundestag im April 1999 zur Rechtfertigung der Nato-Intervention im Kosovo. Dabei hing ihnen jahrzehntelang der Ruf einer Parteiarmee des internationalen Kommunismus an – nicht ganz unberechtigt, sich darin aber keineswegs erschöpfend.

Da ist es gut, dass mit dem Buch des britischen Journalisten Giles Tremlett, seit Jahrzehnten Korrespondent in Madrid und bereits Verfasser mehrerer Bücher zu Spanien, nun ein faktengesättigtes und äußerst umfangreiches Werk über die konkrete historische Erfahrung vorliegt. Nachdem es bisher nur einige, bereits mehrere Jahrzehnte alte, Gesamtdarstellungen gegeben hat, sticht es allein schon dadurch hervor, dass der Autor hierfür deren bei Bürgerkriegsende nach Moskau verbrachtes und erst mit dem Ende der Sowjetunion 1991 zugängliches Archiv als wesentliche Quelle heranziehen konnte. Es ist übrigens inzwischen auch in großen Teilen online, wenn auch nicht einfach zu finden, zudem gelegentlich unzugänglich und nicht leicht navigierbar.

Zusätzlich hat Tremlett aber auch noch die umfangreiche Literatur, beginnend mit der zeitgenössischen Brigaden-Presse und vor allem mit den schon vor Bürgerkriegsende einsetzenden Augenzeugenberichten und Memoiren, gefolgt von den späteren, aber oftmals auf einzelne größere Kämpfe oder auf die Erfahrungen bestimmter Einheiten von Brigadisten mit einer gemeinsamen Herkunft fokussierten Publikationen, ausgewertet. Dabei war ihm von vornherein klar, dass vieles davon durchaus kritisch zu lesen ist. Nicht nur geht es um immer vorhandene Lücken im Gedächtnis. Die vielen politischen Linienwechsel im Weltkommunismus forderten ebenfalls ihren Tribut. Erst die „Archivrevolution“ von 1991 hat hier nun in einer ganz neuen Weise die Korrektur durch die „Vetomacht der Quellen“ ermöglicht. Das hatte zunächst zu einer ganzen Reihe von an bestimmten Ländern orientierten Darstellungen (wie Kollektivbiografien oder biografische Lexika) geführt.

Tremletts Werk nun versucht eine Gesamtdarstellung von ihrem allerersten Auftreten in der Schlacht um Madrid im November 1936, vier Monate nach Bürgerkriegsbeginn, bis zu ihrer Demobilisierung nach der von der Republik verlorenen letzten Schlacht am Ebro Ende Oktober 1938 mit einer vorübergehenden Wiederbelebung bei der franquistischen Besetzung Kataloniens Ende 1938/Anfang 1939. Vorausgeschickt sind zudem Abschnitte über die Vorgeschichte, über die ersten, noch spontan nach dem 19. Juli 1936 nach Spanien geeilten Freiwilligen oder gar die aus dem Kreis der schon vor Bürgerkriegsausbruch nach Barcelona gekommenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der dort geplanten Gegenolympiade zu Berlin. Sie kämpften bereits in den ersten Monaten hauptsächlich an der Aragón-Front in den von den verschiedenen Parteien und Gewerkschaften gebildeten Milizen als internationale Kolonnen, bis dann einerseits die Regierung der Republik eine neue reguläre Armee schuf und andererseits sich der Schwerpunkt der Kämpfe im Herbst zur spanischen Hauptstadt verlagerte. Zudem hatte inzwischen die Führung der Kommunistischen Internationale in Moskau, nicht gerade begeistert von spontanen Entscheidungen zur Kampfbeteiligung vieler ihrer Mitglieder insbesondere in den Nachbarländern Spaniens, im September die Initiative ergriffen, um dem eine ‚normale‘ Struktur zu geben, auch wenn beim ersten Einsatz in Madrid unter enormen Zeitdruck vieles noch improvisiert werden musste und insbesondere die Bewaffnung noch sehr knapp war. Das sollte sich alles erst nach einigen Monaten verbessern, wobei sich allerdings die Republik aus Gründen des westlichen Boykotts im Namen der sogenannten Nicht-Intervention immer im militärischen Nachteil befand.

Tremlett entfaltet nun die Geschichte der Internationalen Brigaden in den etwas mehr als zwei Jahren ihrer Existenz, indem er dem Verlauf ihrer bedeutenden Einsätze folgt. Das militärische Geschehen verkörpert er dabei im Schicksal einzelner Kämpfer oder Gruppen anhand der auf die eine oder andere Weise überlieferten Erfahrungen in Form von Dokumenten aus dem Brigaden-Archiv, Berichten der Journalisten und nicht zuletzt der vielfachen autobiografischen Texten.

Sein Ansatz ist also im Wesentlichen narrativ. Die „klassische“ Militärgeschichte mit der Beschreibung der Institutionen und Strukturen der Internationalen Brigaden, mit den Fragen nach ihren spezifischen Eigenheiten und der Diskussion ihres Stellenwerts im Gesamtverband der Armee der Republik, findet sich entsprechend dieser Darstellungsweise über eine Reihe der sich aus der Chronologie ergebenden Kapiteln verteilt. Allerdings hilft da auch ein ausführliches Register weiter. Es ermöglicht ebenso die Erschließung biografischer Informationen zu den im Rahmen ihrer Führungsrollen bekanntgewordenen Brigadisten.

Eingestreut sind zudem einige wenige systematische Kapitel, zum Beispiel wenn es um das Problem der Deserteure geht. Oder um den ganzen Komplex der Konflikte mit den nicht-kommunistischen Kräften auf Seiten der Linken, wie den Anarchisten oder der antistalinistischen Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM), die sich im Mai 1937 in Barcelona in Barrikadenkämpfen entluden. Sie sind vor allem durch George Orwells „Homage to Catalonia“ bekannt geworden, der zwar nicht in den Brigaden kämpfte (sondern mit der POUM), dessen Bericht im englischen Sprachraum aber die klassische Bürgerkriegsreportage darstellt, so dass Tremlett immer wieder darauf zurückkommt.

Abschließende Ausführungen betreffen das Schicksal der Brigadisten nach Bürgerkriegsende, von denen viele erst einmal in Frankreich interniert wurden. Viele kämpften dann in den verschiedenen Résistance-Bewegungen. Soweit sie Kommunisten waren (und dies auch nach dem Hitler-Stalin-Pakt blieben), übernahmen sie dann im neuen „realsozialistischen Lager“ Kaderfunktionen, nur um dort nach 1948 oftmals in „Abweichler“-Verdacht und damit in Verfolgung zu geraten – hatten sie doch an einer nicht ganz unter Parteikontrolle stehenden Bewegung teilgenommen. Erst in der Entstalinisierung erfolgte die Rehabilitierung, ohne dass es aber auch zu einer wirklichen politischen Bewältigung kam. Abgeschlossen wird der Band, nach einem sorgfältigen Anmerkungsapparat und einer umfangreichen Bibliografie, durch eine Reihe von Tabellen, die die reale Internationalität anhand der Aufschlüsselung nach Herkunftsländern aufzeigen.

Es ist insgesamt also eine komplexe Geschichte, die sich nicht aus einer einfachen Kategorisierung nach einem Schwarz-Weiß-Schema ergibt. Das zeigt allein schon das spätere Schicksal der Überlebenden – circa ein Fünftel der insgesamt etwa 35.000 Kämpfer fielen nach Tremletts Schätzung –, das durchaus in ganz gegensätzliche Richtungen gehen konnte. Keineswegs alle waren linientreue „Parteisoldaten“, die konsequent der immer wieder schwankenden Parteilinie folgen sollten, wenn sie überhaupt Parteimitglieder waren. Und auch von diesen wurden später keineswegs alle automatisch „Leitungskader“. Wenn „nur eine politische und moralische Kategorie alle Brigadisten umfasst“, so Tremlett in der die Ergebnisse seiner Darstellung bereits zusammenfassenden Einleitung, „waren sie Antifaschisten“, entsprechend dem allgemeinen Kontext des spanischen Bürgerkriegs.

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