Sophie Scholl, die vielbesungene Heldin des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, wäre im Mai 2021 hundert Jahre alt geworden. Welch neues Licht werfen die aus diesem Anlass verfassten Biografien? Und wie lässt sich eine Lebensgeschichte auf fesselnde Weise neu erzählen, die den meisten zumindest in groben Zügen bekannt ist? Zumal, wenn es um die mythenumrankten Taten einer als Märtyrerin Anerkannten, also um den frühen Tod einer modernen Heiligen geht?
Robert Zoske, norddeutscher Pastor im Ruhestand, ist in seiner Biografie von Sophie Scholl bemüht, hinter der Ikone den Menschen wiederzuentdecken. Dazu nutzte er den umfangreichen Nachlass von Inge Aicher-Scholl, der ihm aus seiner jahrelangen Beschäftigung mit der Biografie von Hans Scholl vertraut ist, und bislang unveröffentlichtes Quellenmaterial.
In seiner Gliederung folgt dem „Prolog“ der Bezug auf das allseits bekannte „Endspiel“ – Scholls Verurteilung durch die NS-Strafjustiz. Weitere Kapitel stellen chronologisch angeordnet verschiedene ihrer Lebensrollen vor: von der „Tochter“ über das eifrige BDM-„Hitlermädchen“, die „Konfirmandin“, die „Schülerin“ und unschlüssige „Geliebte“, die sich zunächst zur „Kindergärtnerin“ ausbilden ließ. Es geht um einen Menschen, der hohe Ideale hatte und nur langsam erkannte, dass der Nationalsozialismus sie aufs Brutalste verriet. 1939/40 litt Sophie Scholl unter der Militarisierung der Gesellschaft, ihre Kritik daran war, so Zoske, der Anfang ihrer „politische[n] Verweigerung“ (S. 137). Die Abkehr vom Nationalsozialismus erkennt Zoske in Sophie Scholls Erfahrungen 1941 im halbjährigen lagermäßigen Arbeitsdienst bei Sigmaringen und bei ihrer Dienstverpflichtung in der von tiefen Verwerfungen nationalsozialistischer Wirtschafts- und Sozialpolitik geprägten Bergbaustadt Blumberg.
Die letzten vier Kapitel gelten der Briefpartnerin, Studentin, Rebellin und Märtyrerin.
Möglich war der Bruch mit dem Nationalsozialismus, weil Sophie Scholl nicht nur der BDM-Dienst über sieben Jahre „politisch geformt“ hatte (S. 57), sondern auch ihre Familie. Ihre jugendbewegten Geschwister, allen voran der ältere Bruder Hans, gerieten in Konflikt mit der Gestapo. Der Vater Robert Scholl stand dem Nationalsozialismus mit Distanz gegenüber, hatte als Steuerberater und Mieter in Ulm jahrelang Umgang mit jüdischen Partnern. Not und Elend der Opfer von Ausgrenzung und Deportation wurden ihm wiederholt bewusst, verleiteten ihn 1942 gar zu einer kritischen, mit Berufsverbot geahndeten politischen Äußerung – und ließen ihn den baldigen Sturz des Terrorregimes erhoffen.
Im Mittelpunkt dieser Biografie aus dem Blickwinkel eines Theologen steht Sophie Scholls religiöse Entwicklung, ihr – manchmal quälender – Weg als Gottsucherin. Zum Motto wurde Sophie ein aus dem Französischen übersetztes Zitat von Jacques Maritain: Il faut avoir un esprit dur et le cœur tendre – es brauche einen harten Verstand und ein weiches – also ein zu Mitgefühl fähiges – Herz. Dabei wollte sie authentisch sein, sehnte sie sich nach alternativen Frauenrollen, begeisterte sich für die zur „Entarteten“ erklärten Bildhauerin Renée Sintenis und für Paula Modersohn-Becker. Unterdessen fanden die Judenpogrome vom November 1938 keinen Niederschlag in ihren Aufzeichnungen, auch war, wie Zoske deutlich macht, die Judenverfolgung „nicht das wesentliche Ereignis“, zum Handeln überzugehen, nicht „Hauptmotiv“ zum Widerstand (S. 187).
1942 schrieb Sophie: „Habe ich geträumt bisher? Manchmal vielleicht. Aber ich glaube, ich bin aufgewacht“. Von nun an verstand sie, „dass sie etwas gegen diese Gewaltherrscher tun musste“ (S. 214), die (Flugblätter‑)Aktion wurde ihr zum „göttlichen Auftrag“ (S. 234). „Mitgefühl und Liebe waren die Wurzeln für ihren Widerstand und Freiheitskampf“, der Antrieb zu widerstehen rührte aus ihrer Fähigkeit zur „Mitmenschlichkeit“ (S. 234, 239). Sie ging einher mit „moralischer Rigorosität“, einem hohen ethischen Anspruch und der Bereitschaft, den Opfertod zu erleiden (S. 263). Ihre Radikalität sei dabei auch dem nationalsozialistischen Einfluss zuzuschreiben, etwa der Indoktrination im BDM (Bund Deutscher Mädel), die sie auf einen heldischen Opfertod vorbereitet hatte (S. 70, 150). Am Ende stellt Zoske sogar eine „immer wiederkehrende Todessehnsucht“ fest, die dazu beigetragen habe, gemäß den Bedürfnissen der nachnationalsozialistischen Zeit „eine moderne, aber bald schon verklärte Märtyrerin“ zu schaffen (S. 288).
Ein Fragezeichen möchte man hinter Zoskes Diktum setzen, der Staat, in dem Sophie Scholl heranwuchs, sei „durch eine Revolution entstanden“ (S. 259), denn den Beweis dafür muss er schuldig bleiben. Vielmehr erfolgte die Machtübergabe an die Rechtskoalition – einschließlich Reichstagsbrandverordnung (S. 35) – auf dem Boden der Weimarer Verfassung. Unter den Abbildungen befindet sich ein Foto von Sophies Freund Fritz Hartnagel in Uniform „in Amsterdam, Anfang 1940“, die Wehrmacht überfiel das Nachbarland aber erst im Mai 1940.
Aus dem Blickwinkel des mit der Biografie Hans Scholls vertrauten Theologen erscheint das jüngere der beiden politisch hervorgetretenen Scholl-Geschwister als „eine außergewöhnliche, bewundernswerte Frau. Sie darf angesichts ihrer Tat Ikone – ein Vor- und Leitbild – für Glaubensmut, Mitmenschlichkeit und Widerständigkeit sein“ (S. 298), resümiert er, und sie „wäre eine wunderbare Seelsorgerin und Theologin geworden“ (S. 266). Die jung Ermordete zeichnete sich zudem früh als begabte Zeichnerin aus. Aber sie war keineswegs frei von Widersprüchen.